Schade eigentlich, dass er nicht spricht. Gerne hätten wir ihn persönlich gefragt, was er in der Zeit des Schweigens getrieben hat, wie es der Gattin geht und warum er sich zur Rückkehr entschlossen hat. Wir hätten seine Kleidung studiert, seine Gesten, ihn scheinbar beiläufig nach seinem Friseur gefragt, um im entscheidenden Moment einen Blick in seine starre linke Pupille zu riskieren, dieses Echsenauge, das ihm das Aussehen eines Außerirdischen verleiht, obwohl es das Resultat einer banalen Schulhofschlägerei ist, einfach aus Neugier, ob da im Dunkel der Netzhaut etwas zu lesen ist, was einer menschlichen Regung ähnelt. Can you hear me, Major Tom?

Er lässt eben nicht nach, der Drang, den wahren Bowie zu fassen zu kriegen, hinter seine Masken zu gelangen, um ihm sein Geheimnis zu entreißen. Mit jedem Lebenszeichen erwacht dieser Wunsch erneut, auch wenn oder gerade weil er hoffnungslos ist. Bowie auf die Schliche kommen zu wollen ist wie Schnitzeljagd: Man folgt einer Spur, sammelt Indizien, macht sich ein Bild. Dann kommt er und wirbelt das Puzzle mit leichter Hand gleich wieder durcheinander. Immer wieder verschwindet er in einer Wolke aus Kunstnebel oder zieht sich hinter die dreifach gesicherte Stahltür seines New Yorker Lofts zurück – und das Spiel beginnt von vorn.

Zehn Jahre ist Bowie diesmal weg gewesen, ein Zeitraum blühender Gerüchte und wüster Spekulationen. Er sei krank, depressiv, leide an den Folgen eines auf offener Bühne erlittenen Herzinfarkts. Nein, es gehe ihm gut, Yoga, Familie und Drogenabstinenz hätten ihn umfassend saniert. Alles Quatsch, er führe das Dasein eines feinsinnigen Sammlers und Förderers, erst neulich sei er auf der Vernissage von X oder dem Konzert von Y aufgetaucht, um der Jugend seine Reverenz zu erweisen, sein linker Fuß habe jedenfalls begeistert mitgewippt. Was auch gesagt wurde, Bestätigungen blieben so zuverlässig aus wie Dementis. Bowie, der Howard Hughes des Pop: Während die zeitgenössische Auffassung von Ruhm darin gipfelt, auf möglichst vielen Kanälen möglichst oft anwesend zu sein, versteht er es, sich rarzumachen.


Wenn morgen The Next Day in den Läden liegt, das 26. Studioalbum, hat die Ausdeutung der gesammelten Manöver bereits eine weitere heiße Phase hinter sich. Kein einzelnes Stück Pop ist in den letzten Jahren so warm und flächendeckend begrüßt worden wie Where Are We Now?, die im Januar vorausgeschickte Single mit dem Video von Tony Oursler. Der Künstler als singende Stoffpuppe, in einem vollgerümpelten Atelier, während im Hintergrund Szenen aus dem Vorwende-Berlin vorüberflackern, das Bowie Ende der Siebziger für zwei Jahre mit seiner Anwesenheit beschenkte – das schien tatsächlich auf einen geläuterten Mann hinzudeuten, auf jemanden, der Einkehr hält und sich Gedanken über seinen Platz in der modernen Welt macht. Schon schwärmten die Ersten aus, die Stätten seines Wirkens neu zu begehen: »The KaDeWe«, »The Potzdamer Platz« (so heißt er bei Bowie), die Hansa Studios, in denen Meisterwerke wie Heroes entstanden. Jetzt, da die Katze aus dem Sack ist, müssen wir feststellen: Er hat uns wieder gefoppt.

The Next Day ist weder ein Berlin-Album noch ein Almanach der Lebensweisheiten, die Altersmelancholie hält sich in Grenzen, und wenn der Schauplatz eine Werkstatt sein sollte, so ist es Bowies eigene Kleiderkammer. Die größte Überraschung liegt im Ausbleiben größerer Überraschungen: Ziemlich genau so, nur nicht so druckvoll produziert, hat man das alles schon mal gehört. Der Bowie des Jahres 2013 ist ein Best-of-Bowie, der einfach noch einmal hervorkramt, was man an ihm kennt und liebt: die hysterisch aufkreischenden Gitarren, die singenden Saxofone, das opernhafte Tremolo seiner Stimme. Es wirkt, als sei er in eine Zeitmaschine geraten und immer dort ausgestiegen, wo er Eindruck hinterlassen hat, bei den Weltraumszenarien seiner allerersten Hits, beim tiefergelegten Funk der Fame-Phase, vor allem aber beim Glamrock der frühen Siebziger. »Dancing face to face, dancing out in space«: So klingt kein waidwunder Veteran, hier steht eine Diva vor dem Spiegel und probiert aus, welche von den alten Fummeln ihr noch passen.

Wenn alles wiederkehrt, ist hinten nur ein anderes Wort für vorn

Ausgemustert sind die Versuche, mit aktuellen Trends Schritt zu halten, die Experimente in Drum’n’Bass, die biederen Techno-Spielereien, der bleigraue Avantrock der Neunziger, all der novelty-Kram, der Bowie bis zur Jahrtausendwende in Atem hielt und ihn oft wie einen Trittbrettfahrer wirken ließ, an den sich keiner gern erinnert, am wenigsten er selbst. Statt vorneweg zu gehen oder wenigstens mitzumarschieren, besinnt Bowie sich mit 66 auf seine Kompetenz als Avantgardist von gestern, der gewagteste Sound auf The Next Day ist das Geräusch einer aufgebohrten Farfisa-Orgel. Dass in jedem neuen Stück ein altes steckt, in The Stars (Are Out Tonight) Space Oddity, in Love Is Lost The Jean Genie und in How Does The Grass Grow Suffragette City, scheint so wenig zu stören wie der Umstand, dass das Album über 70 Minuten hinweg die Modernität einer Teflonpfanne ausstrahlt. In gewisser Weise hat die Zeit Bowie in die Hände gespielt: Wenn alles wiederkehrt, ist hinten nur ein anderes Wort für vorn.