Als ich Tayyip Erdoğan 2002 zum ersten Mal traf, stand er kurz davor, ins Gefängnis zu gehen. Er hatte ein unliebsames Gedicht öffentlich vorgelesen, und die säkularen Eliten in der Türkei nutzten das, um mit ihm abzurechnen: Für vier Monate musste er in Haft. Aber dann wurde er trotzdem Ministerpräsident. Zehn Jahre regiert er nun.

Vor einigen Tagen sah ich Erdoğan wieder. Er rechtfertigte sich vor uns Journalisten, warum unter seiner Regierung so viele säkulare Oppositionelle und Kurden im Gefängnis sitzen: "Die Justiz ist unabhängig."

In zehn Jahren hat Erdoğan die Türkei umgekrempelt. Der konservativ-islamische Außenseiter, der fromme Muslim, der Hinterhoffußballer, der Aufsteiger ist auf dem Gipfel angekommen. Erdoğan ist das Gesicht des Landes in der Welt, er bestimmt über Richtung und Zukunft des Landes. Er ist der mächtigste Türke seit dem legendären Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk. Die Geschichte des Mannes, der sein Land verändern wollte, erzählt auch seine eigene Verwandlung vom Kämpfer zum Reformer, bis er schließlich zum Gebieter wird.

Damals, 2002, spürt man bei Erdoğan schon das Alphatier, der Gebieter ist in der Haltung schon sichtbar. Aufrechter stolzer Gang, dunkler Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte mit Nadel. Um ihn herum wuseln Helfer und Berater, leicht gebückt. Braucht er das, um sich selbst aufzurichten? Erdoğan kommt aus den ranzigen Istanbuler Docklands, wo die Kinder zwischen rostigen Schiffsrümpfen und Autoreifen aufwuchsen. Die Wut im Bauch aus jener Zeit treibt ihn noch immer an. "Schwarztürke" nennt er sich selbst. Er wirkt als Emporkömmling auf die feine säkulare Istanbuler Gesellschaft, er ist der gefürchtete gläubige Mann aus dem Volk. Man schimpft ihn einen Islamisten.

"Wir wollen den Standard westlicher Länder, wir wollen in die EU"

Doch was er mir im Interview sagt, klingt nicht nach religiöser Ideologie. Die Säkularen hätten nichts zu befürchten. Er wolle einen "angelsächsischen" Säkularismus: "Ich darf meine Religion praktizieren – und zwinge sie dir nicht auf." Die Türkei sei "schlecht verwaltet", sagt er. Die Vorgängerregierung hatte das Land 2000 in eine schwere Wirtschaftskrise gestürzt. "Wir wollen den Standard westlicher Länder, wir wollen in die EU", sagt Erdoğan. Dafür brauche das Land Reformen, die auch wehtun.

Kaum ist Erdoğan an der Macht, geht er daran, die Türkei umzubauen: neues Strafrecht, neue Regeln für die Wirtschaft, mehr Rechte für Frauen und religiöse Minderheiten. Erdoğan übernimmt den soliden wirtschaftlichen Kurs des türkischen Weltbank-Reformers Kemal Derviş. Dafür wird die Türkei belohnt: 2005 nimmt sie Beitrittsverhandlungen mit der EU auf. Das Land erlebt einen gigantischen Boom. In den staubigen Ebenen Zentralanatoliens wachsen riesige Industriegebiete heran, Istanbuls Glastürme schießen in die Höhe, die Türkei wird zum Exportland, eine neue Mittelklasse wächst.

Wer Erdoğan für einen religiösen Dogmatiker hält, sucht vergeblich nach Beweisen. An der Macht kehrt er den Pragmatiker heraus und wird zum Helden von Konservativen, Liberalen und Modernisierern. Wenn er überhaupt einer Ideologie huldigt, dann der wirtschaftsliberalen Vorstellung vom ungebremsten Wachstum. Und das mögen die Türken. Aber nicht alle.

Selbstbewusst, cool, angriffslustig

Die alte säkulare Elite fordert Erdoğan heraus. Die Armee droht offen, ihn abzusetzen. Nationalistische Verbände organisieren Massendemonstrationen, die säkularen Medien applaudieren. Staatsanwälte verfolgen die AKP und ihren Premier mit Verbotsverfahren. Sie scheitern und machen Erdoğan am Ende umso mächtiger.

Tayyip Erdoğan lernt das Provozieren. Es ist März 2010, als er auf seinem violetten, bananenförmigen Sofa in seinem Büro im AKP-Hauptquartier sitzt. Bestickte Rückenkissen, ein gläserner Teetisch mit goldenem Sternenmuster, ein Atatürk-Ölgemälde an der Wand. Er wirkt sehr selbstbewusst, cool, angriffslustig: Provoziert Angela Merkel, die seinen Traum vom schnellen EU-Beitritt hat platzen lassen, und fordert mehr türkische Schulen in Deutschland. Provoziert die USA, weil die den Iran mit Sanktionen traktieren. Provoziert Israel wegen der Gaza-Blockade. Erdoğan kehrt den Kämpfer heraus und ist bestens gelaunt. Soeben hat er sich auf einer fünfstündigen Sitzung mit dem AKP-Zentralkomitee einen klugen Schachzug überlegt. Er will die Verfassung ändern und holt sich dafür den Segen des Volkes.