Tayyip ErdoğanWehe, er lässt sich gehen

Erst saß Tayyip Erdoğan im Knast, später wurde er Ministerpräsident. Was hat der gläubige Mann in zehn Jahren aus der Türkei gemacht? von 

Tayyip Erdoğan

Tayyip Erdoğan  |  © Sean Gallup/Getty Images

Als ich Tayyip Erdoğan 2002 zum ersten Mal traf, stand er kurz davor, ins Gefängnis zu gehen. Er hatte ein unliebsames Gedicht öffentlich vorgelesen, und die säkularen Eliten in der Türkei nutzten das, um mit ihm abzurechnen: Für vier Monate musste er in Haft. Aber dann wurde er trotzdem Ministerpräsident. Zehn Jahre regiert er nun.

Vor einigen Tagen sah ich Erdoğan wieder. Er rechtfertigte sich vor uns Journalisten, warum unter seiner Regierung so viele säkulare Oppositionelle und Kurden im Gefängnis sitzen: "Die Justiz ist unabhängig."

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In zehn Jahren hat Erdoğan die Türkei umgekrempelt. Der konservativ-islamische Außenseiter, der fromme Muslim, der Hinterhoffußballer, der Aufsteiger ist auf dem Gipfel angekommen. Erdoğan ist das Gesicht des Landes in der Welt, er bestimmt über Richtung und Zukunft des Landes. Er ist der mächtigste Türke seit dem legendären Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk. Die Geschichte des Mannes, der sein Land verändern wollte, erzählt auch seine eigene Verwandlung vom Kämpfer zum Reformer, bis er schließlich zum Gebieter wird.

Recep Tayyip Erdoğan

Recep Tayyip Erdoğan wurde am 26. Februar 1954 in Istanbul als Sohn einer armen Familie geboren. Mit seiner Frau Emine hat er vier Kinder: zwei Söhne und zwei Töchter, die wie seine Frau ein Kopftuch tragen.

Erdoğan war erst Fußballer in unterschiedlichen Vereinen, dann Angestellter der städtischen Verkehrsbetriebe, dann Buchhalter in einer Wurstfabrik – bis er zum erfolgreichen Manager aufstieg. 1969 wurde er politisch aktiv. Von 1994 bis 1998 war er Bürgermeister von Istanbul – bis er wegen Volksverhetzung verurteilt und seine Partei verboten wurde. Nach vier Monaten Haft kam er frei. 2001 gründete er die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) , die 2002 mit großer Mehrheit die Wahlen gewann.

Damals, 2002, spürt man bei Erdoğan schon das Alphatier, der Gebieter ist in der Haltung schon sichtbar. Aufrechter stolzer Gang, dunkler Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte mit Nadel. Um ihn herum wuseln Helfer und Berater, leicht gebückt. Braucht er das, um sich selbst aufzurichten? Erdoğan kommt aus den ranzigen Istanbuler Docklands, wo die Kinder zwischen rostigen Schiffsrümpfen und Autoreifen aufwuchsen. Die Wut im Bauch aus jener Zeit treibt ihn noch immer an. "Schwarztürke" nennt er sich selbst. Er wirkt als Emporkömmling auf die feine säkulare Istanbuler Gesellschaft, er ist der gefürchtete gläubige Mann aus dem Volk. Man schimpft ihn einen Islamisten.

"Wir wollen den Standard westlicher Länder, wir wollen in die EU"

Doch was er mir im Interview sagt, klingt nicht nach religiöser Ideologie. Die Säkularen hätten nichts zu befürchten. Er wolle einen "angelsächsischen" Säkularismus: "Ich darf meine Religion praktizieren – und zwinge sie dir nicht auf." Die Türkei sei "schlecht verwaltet", sagt er. Die Vorgängerregierung hatte das Land 2000 in eine schwere Wirtschaftskrise gestürzt. "Wir wollen den Standard westlicher Länder, wir wollen in die EU", sagt Erdoğan. Dafür brauche das Land Reformen, die auch wehtun.

Kaum ist Erdoğan an der Macht, geht er daran, die Türkei umzubauen: neues Strafrecht, neue Regeln für die Wirtschaft, mehr Rechte für Frauen und religiöse Minderheiten. Erdoğan übernimmt den soliden wirtschaftlichen Kurs des türkischen Weltbank-Reformers Kemal Derviş. Dafür wird die Türkei belohnt: 2005 nimmt sie Beitrittsverhandlungen mit der EU auf. Das Land erlebt einen gigantischen Boom. In den staubigen Ebenen Zentralanatoliens wachsen riesige Industriegebiete heran, Istanbuls Glastürme schießen in die Höhe, die Türkei wird zum Exportland, eine neue Mittelklasse wächst.

Wer Erdoğan für einen religiösen Dogmatiker hält, sucht vergeblich nach Beweisen. An der Macht kehrt er den Pragmatiker heraus und wird zum Helden von Konservativen, Liberalen und Modernisierern. Wenn er überhaupt einer Ideologie huldigt, dann der wirtschaftsliberalen Vorstellung vom ungebremsten Wachstum. Und das mögen die Türken. Aber nicht alle.

Selbstbewusst, cool, angriffslustig

Die alte säkulare Elite fordert Erdoğan heraus. Die Armee droht offen, ihn abzusetzen. Nationalistische Verbände organisieren Massendemonstrationen, die säkularen Medien applaudieren. Staatsanwälte verfolgen die AKP und ihren Premier mit Verbotsverfahren. Sie scheitern und machen Erdoğan am Ende umso mächtiger.

Tayyip Erdoğan lernt das Provozieren. Es ist März 2010, als er auf seinem violetten, bananenförmigen Sofa in seinem Büro im AKP-Hauptquartier sitzt. Bestickte Rückenkissen, ein gläserner Teetisch mit goldenem Sternenmuster, ein Atatürk-Ölgemälde an der Wand. Er wirkt sehr selbstbewusst, cool, angriffslustig: Provoziert Angela Merkel, die seinen Traum vom schnellen EU-Beitritt hat platzen lassen, und fordert mehr türkische Schulen in Deutschland. Provoziert die USA, weil die den Iran mit Sanktionen traktieren. Provoziert Israel wegen der Gaza-Blockade. Erdoğan kehrt den Kämpfer heraus und ist bestens gelaunt. Soeben hat er sich auf einer fünfstündigen Sitzung mit dem AKP-Zentralkomitee einen klugen Schachzug überlegt. Er will die Verfassung ändern und holt sich dafür den Segen des Volkes.

Leserkommentare
  1. Michael Thumann ein Hohelied auf einen Mann singt, der Europa ganz öffentlich mit Annektion gedroht hat und der laut Wikileaks sich ausschließlich über islamistische Publikationen informiert;
    der Mann, der Deutsche türksicher Abstammung vor Integration warnt und diese immernoch als seine Landsleute ansieht, wenn er in Deutschland in einem riesigen Stadion vor ihnen spricht.
    Was kommt als nächstes? Ein Loblied auf Pol Pot oder Idi Amin?

    71 Leserempfehlungen
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    Der Vergleich von Erdogan mit Idid Amin und Pol Pot ist ekelhaft.

    Der Vergleich ist legitim, das ist nicht weg zu leugnen!

    • okky
    • 17. März 2013 19:22 Uhr

    dann sind Sie es doch wohl - bitte belegen Sie ihre Mutmaßungen!

    • fse69
    • 17. März 2013 19:37 Uhr

    gleich im allerersten Kommentar 36 Leserempfehlungen für stupiden und dumpfen Hass, garniert mit hetzerischen Lügen und Halbwahrheiten, gipfelnd im Vergleich mit Massenmördern. Und all das in gerade mal sieben oder acht Zeilen. Ich sag mal so: so lange Typen wie Sie mit Schaum vor dem Mund rumkeifen, macht Erdogan vieles richtig.

    " der Mann, der Deutsche türksicher Abstammung vor Integration warnt "
    - falsch; in seiner Rede hat er gesagt, DASS sich seine Landsleute integrieren SOLLEN, aber nicht Assimilieren sollen. Assimilation ist nicht das gleiche wie Integration. Also woher kommt immer die Behauptung, er wäre gegen Integration?

    Entfernt. Verzichten Sie auf haltlose Unterstellungen. Die Redaktion/mak

    • Livan
    • 18. März 2013 13:05 Uhr

    Ich wundere mich über die westlichen, gefügigen Appostel von Erdogan. Diese aggieren ganz offensichtlich ganz nach dem Motto der Feind meines Feindes ist mein Freund. Die westlichen Mächte brauchen das türkische Militär mit ihrer bisherigen laizistischen Ideologie nicht mehr. Und so nebenbei kann man auch das Kurdenproblem mit Erdogan lösen. Also werden zwei Fleigen mit einer Klappe geschlagen. Aber ist das alles? Reicht das aus um Erdogan als einen Heilprediger zu verkaufen? Die wirt. Erfolge brauchen wir nicht zu erwähnen. Diese gehen vor allem zurück auf die Politik der 80iger bis End der 90iger zurück. Das ist nicht das Verdienst eines Islamisten. Viele argumentieren ganz nach dem Motto, es geht der Türkei gut, vieles hat sich zum positiven gewandelt. Das wenige aber wesentliche scheinen diese Appostel zu übersehen. Erdogan hat sich nie geändert, er spielt die Rolle die der Westen sehen will und gleichzeitig islamisiert er das Land ohne Rücksicht auf andersdenkende. Für Ihne waren und sind es vermutlich immer noch die Kinder von Feministinnen (bitte entschuldigen Sie diesen Ausdruck) Bastarde Quelle: http://www.youtube.com/wa.... Herr Recep ist es der die unterschiedlichen religiösen Einstellungen der Bevölkerung zum Anlaß nimmt um gegen Minderheiten zu hetzen. So geschehen vor etwa zwei Jahren, wo er die Aleviten (türk. Staatsbürger) fast schon als minderwertig bezeichnet hat. Quelle: http://www.youtube.com/wa....

    Erdogan hat sein Volk immerhin das beschert, was uns Deutschen verwehrt bleibt:

    Ein demokratisches Referendum.

  2. Atatürk schaffte die Trennung von Staat und Religion
    und setzte zur Durchsetzung dieser Trennung das Militär ein.
    Das Militär hat Erdogan bereits fast entmachtet,genauso wie die freie Presse.
    Im Land lebende Ausländer dürfen nur noch kaufen was die Regierung erlaubt.
    Ihre großen Grundstücke und Häuser aus vergangenen Jahren nur noch an Einheimische verkaufen
    Das Aufhenthaltsrecht der Ausländer wurde beschnitten Arbeiten und Firmengründen in der Türkei untersagt,es sei den ein Türke ist Mitinhaber usw..
    Wobei er für seine Landsleute im Ausland alle Freiheiten fordert die er den Ausländern im eigenen land verweigert

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    • scoty
    • 17. März 2013 16:36 Uhr

    Die Opposition inkl. das Millitär haben dem Land nur geschadet und vom Ausland abhängig gemacht.

    An Atatürk kommt er nicht ran aber fest steht das er gleich dahinter seinen Platz bekommt sobald AKP bzw. MIT eine Einigung mit der PKK erzielt.

    ist ein sehr positiver Begriff. Unterdrückung könnte man es auch nennen und so wird es von vielen empfunden. Die Trennung von Staat und Kirche war faktisch die Beherrschung der Kirche durch den Staat und später legitimiert durch den Personenkult um Atatürk.
    Die westliche Perspektive lässt allzuoft aussen vor, dass die Türkische Bevölkerung in einem sehr hohen Maß religiös und islamisch ist. Auch wenn im Artikel von säkularen Türken die Rede ist, bedeutet dies nicht, dass dies keine Muslime sein können und gerade in diesem Punkt ist die Türkei ein seltener Sonderfall. Je mehr man sie jedoch von Europa wegstößt, desto wahrscheinlicher ist eine Hinwendung richtung Südosten.

  3. Ich habe einen in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Kumpel, dessen Vorfahren aus der Türkei sind. Das ist auch alles was er mit der Türkei zu tun hat, er interessiert sich kein bischen für das Land und hat auch ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit. Dennoch tritt die türkische Regierung regelmäßig so auf, als wäre sie der Wächter über alle türkischstämmigen Deutschen - das geht ihm enorm auf die Nerven, auf gut Deutsch ausgedrückt. Er hat in seinem Umfeld schon mehrfach gehört, er sei aber "Volkstürke", egal was sein Reisepass sagen würde. Ich halte das gefährlich, wie soll da Integration und ein friedliches Miteinander gelingen?

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    • scoty
    • 17. März 2013 16:46 Uhr

    das eine ausländische Regierung auf seine Landsleute im Ausland aufpasst weil die dortige Regierung zum Teil nicht dazu fähig ist.

    Ich habe auch einen in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Kumpel, er besitzt sowohl die Deutsche Staatsbürgerschaft als auch die Türkische..

    Je nach dem wie es ihm so am besten passt zeigt er dementsprechend seinen Ausweis, bei der Polizei und Behörden meistens die Deutsche Version. Er fühlt sich als Türke und er ist Türke, der Deutsche Ausweis hat er so gerne angenommen.

    Grüße

    ... wie soll da Integration und ein friedliches Miteinander gelingen?///

    Ganz einfach, liebster like-a-boss, ganz einfach.

    Mann ist, so zu sagen, ein Doppelherz. Im Klartext bedeutet dies folgendes:

    Man spricht fließend beide Sprachen, man liebt und schätzt beide Kulturen und man angagiert sich für die Freundschaft und Verständigung beider Völker. Auf diesem Hintergrund wäre es von unerheblicher Bedeutung, als was sich dieses Doppelherz identefiziert, als Türke oder als Deutscher. Doch, wenn man auf die Nationalität Wert legt, dann sollte man sich auch zu ihr bekennen.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Volksdeutcher aus Russland.

  4. Richter setzt die AKP ein. Ebenso ist alamierend, dass wichtige Ämter fernab vom politischen Betrieb, sei es in Kultur, Verwaltung, Medien usw. von Leuten der AKP besetzt werden und somit eine Art stille Invasion seitens der AKP schon angelaufen ist. Die AKP übernimmt schleichend die Kontrolle über das ganze Land und verbreitet ihre Weltanschauung. Das finde ich wirklich sehr beunruhigend.

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  5. 'Die Geschichte des Mannes, der sein Land verändern wollte, erzählt auch seine eigene Verwandlung vom Kämpfer zum Reformer'

    Vom Kaempfer zum Reformer und wieder zurueck? Erdogans militaerische Drohungen gegen Israel, Zypern, Armenien, Syrien, Libanon und die Kurden haben nicht nur einen schalen Beigeschmack, Sie offenbaren, wie gefaehrlich dieser Mann ist, der bereits heute Herr ueber eine gewaltige Streitmacht ist, und diese noch immer massiv aufruestet.

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  6. 6. Kemal

    Atatürk würde wissend derzeitiger Entwicklung seines Landes im Grab rotieren.

    http://de.wikiquote.org/w...

    25 Leserempfehlungen
  7. Ich sitze nun seit fünf Minuten mit offenem Mund vor dem Bildschirm und möchte etwas schreiben. Ich kann nicht, dieser Artikel macht mich sprachlos.

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    könnte man schreiben.

    • scoty
    • 17. März 2013 16:36 Uhr

    Die Opposition inkl. das Millitär haben dem Land nur geschadet und vom Ausland abhängig gemacht.

    An Atatürk kommt er nicht ran aber fest steht das er gleich dahinter seinen Platz bekommt sobald AKP bzw. MIT eine Einigung mit der PKK erzielt.

    4 Leserempfehlungen

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  • Schlagworte Mustafa Kemal Atatürk | AKP | Türkei | Abdullah Öcalan | Gefängnis | Justiz
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