DIE ZEIT: Herr Fehr, warum ärgert Sie der »Zürcher Appell für die Wahrung der wissenschaftlichen Unabhängigkeit«, den schon über 1.000 Menschen unterschrieben haben?

Ernst Fehr: Der Appell ist problematisch, weil er impliziert, dass die UBS, mit der wir eine Kooperation eingegangen sind, als Ganzes eine unethische Firma ist. Und das ist falsch. Nur einige UBS-Angestellte haben unethische Geschäfte getätigt, während Zehntausende fachlich und ethisch einwandfreie Arbeit gemacht haben. Dieser Appell bedient einen relativ primitiven Anti-UBS-Reflex.

ZEIT: Hatten Sie, als Sie als renommierter Professor der Universität Zürich auf die UBS zugegangen sind, nie den Gedanken, ob es heikel ist, ausgerechnet mit dieser Bank eine Kooperation einzugehen?

Fehr: Überhaupt nie. Für mich war die UBS ein Partner, der helfen will, die Uni international besser zu positionieren. Im Übrigen war die UBS nicht die erste Firma, die wir angefragt haben. Es war eine glückliche Fügung. Die UBS wollte etwas Gutes für die Schweiz tun, nachdem die Schweiz Gutes für die UBS getan hatte.

ZEIT: Die UBS sprach immer von einem 100-Millionen-Geschenk. Wieso aber drückt sie diesem Geschenk ihre Marke auf? Das ist Marketing.

Fehr: Natürlich ist das auch Marketing, aber was ist schlecht daran, wenn jemand für gute Taten Lorbeeren erntet? Ich war zehn Jahre lang am MIT. Dort steht im neuen Sloan-Gebäude der Business School beinahe auf jedem Lavabo der Name eines Sponsors.

ZEIT: Das kann man doch nicht vergleichen. In der Schweiz sind die Unis mehrheitlich staatlich finanziert, die Finanzierung der Elite-Unis in den USA ist mehrheitlich privat.

Fehr: Von diesem Argument halte ich überhaupt nichts. Wir müssen unsere Finanzierungskultur ändern, sonst können wir im internationalen Wettbewerb nicht mithalten. Schauen Sie sich das Shanghai-Ranking an. 17 der besten 20 Unis der Welt stehen in den USA. Die meisten europäischen Universitäten sind an ihrer durchschnittlichen Performance gemessen zweitklassig, und zwar in fast jedem Wissenschaftsbereich.

ZEIT: Liegt das allein an der Finanzierung?

Fehr: Nicht nur. Es liegt auch daran, dass die Universitäten in den USA in Lohn- und Berufungsfragen mehr Autonomie haben. Harvard kann Robert Barro, einem prominenten und einflussreichen Ökonomen, 500000 Dollar Jahreseinkommen bezahlen, wenn es sein muss. Wir aber haben diese starren Gehaltsobergrenzen. Außerdem findet an den US-Universitäten eine Disziplinierung über den Wettbewerb statt, welche die Performance erhöht. Je autonomer eine Uni ist, desto besser ist im Durchschnitt ihre Performance.

ZEIT: Was müsste sich an der Uni Zürich ändern?

Fehr: Es wäre gut, sie hätte mehr Freiheit bei der Festsetzung der Löhne. Ein Unternehmen muss sich auch nicht an starre Besoldungsreglemente halten.

ZEIT: Sie sind Direktor des UBS-Centers und sitzen gleichzeitig in dessen Stiftungsrat.

Fehr: Das Abkommen mit der UBS ist vom Department einstimmig bejaht worden; daher ist das einvernehmlich abgestimmt.

ZEIT: Aber ist so ein Doppelmandat auch clever?

Fehr: Ich glaube, es ist gut, dass zwei Vertreter des Departments im Stiftungsrat sitzen. So haben wir einen größeren Einfluss darauf, was die UBS-Stiftung macht. Wir wollten nicht dauerhaft Bittsteller sein, wir können jetzt etwas Gutes für die Gesellschaft und die Universität Zürich tun.

ZEIT: Wer sagt, dass das gut ist?

Fehr: Wir organisieren zum Beispiel hochkarätige Veranstaltungen, heuer etwa mit Nobelpreisträger Daniel Kahneman, und kriegen darauf ein sehr positives Echo aus der Wissenschaft und der Öffentlichkeit. Dadurch wird offensichtlich, dass das eine gute Sache ist.

ZEIT: Die Initianten des Appells sehen das anders.

Fehr: Schauen Sie doch, wer diesen Appell unterschrieben hat. Darunter sind kaum Professoren aus der Medizin, aus den Life Sciences oder den Wirtschaftswissenschaften.

ZEIT: Vielleicht weil diese Professoren ihre privaten Geldgeber nicht verschrecken wollen.

Fehr: Jetzt hören Sie mal! Wir brauchen private Mittel, sonst können die Schweizer Unis im internationalen Wettbewerb nicht bestehen.

ZEIT: Wie garantieren Sie, dass es keinen Interessenkonflikt zwischen Ihrer Forschung und dem Geldgeber gibt?

Fehr: Es gibt in unserem Fall keinen Interessenkonflikt. Meine Forschung interessiert die UBS gar nicht. Ich mache neuroökonomische Forschung.

ZEIT: Es geht doch um eine grundsätzliche Frage: Unis sind kritische Instanzen, gegenüber der Gesellschaft, gegenüber der Wirtschaft. Nun lassen sich diese Instanzen von Firmen sponsern und verlieren damit einen Teil ihres kritischen Impetus. Zum Beispiel ist es heute fast unmöglich, bei Finanzfragen an den Unis noch Gutachter zu finden, die nicht mit einem Geldhaus liiert sind.

Fehr: Schauen Sie doch, was wir an den Veranstaltungen des UBS-Centers machen. Wir organisieren Debatten über faire und effiziente Regeln für den Kapitalismus oder über die moralischen Grenzen des Marktes. Wir scheuen nicht davor zurück, Bankenkritiker als »Keynote Speaker« einzuladen. Es ist im Interesse des Spenders, dass wir am Department unabhängig forschen und lehren können.

ZEIT: Weshalb ist denn der Vertrag zwischen der Uni und der UBS nicht öffentlich?

Fehr: Alle Bestandteile des Vertrages, die etwas mit der Freiheit von Forschung und Lehre zu tun haben, sind öffentlich. Was wir aber nicht veröffentlichen können, ist, wie viel die Sponsoren im Detail für einen Lehrstuhl hinblättern. Dann wird der eine Spender eifersüchtig auf den anderen. Das gefährdet das zukünftige Fundraising. Übrigens: Im Gegensatz zu den ETH sitzen bei uns keine Sponsoren in der Berufungskommission.

ZEIT: Kann man sich heute, im Zeitalter der Transparenz, diese Geheimnistuerei noch leisten?

Fehr: Wir verlangen auch nicht von jeder Privatfirma, dass sie bei jedem Deal, den sie mit einer anderen Privatfirma macht, die Preise offenlegt.

ZEIT: Aber die Uni ist nun mal keine Privatfirma.

Fehr: Richtig, aber hier geht es darum, den relativen Vergleich zwischen verschiedenen Spendern auszuschließen. Das würde unser Fundraising gefährden.

ZEIT: Wann haben Sie Ihr Ziel erreicht?

Fehr: Meine Vision ist, mit der Ökonomie, einer Wissenschaft, die enorm viel Potenzial hat, die Welt zu verbessern. Dafür brauche ich Geld. Und zwar mehr als die 100 Millionen der UBS. Wir haben zurzeit 23 Professoren am Ökonomischen Institut – das sind zu wenige. Andere Universitäten wie die London School of Economics oder jene in Oxford oder Barcelona haben doppelt bis dreimal so viele. Um bestehen zu können, müssen auch wir größer werden.

ZEIT: Was haben Sie eigentlich persönlich von den 100 Millionen Franken der UBS?

Fehr: Vor allem Arbeit.