Als Chefin müsse man heute viel mehr kommunizieren, einbinden und überzeugen als früher, sagt Meike Niedbal, Kuczs Vorgesetzte bei der Bahn. Sie ist selbst erst 35 und hat drei kleine Kinder. "Die Mitarbeiter erwarten, dass ich mich in sie hineinversetze. Ich verstehe auch, wenn Ingo mal früher wegmuss, um seine Tochter abzuholen."

Nicht jeder Chef hat so viel Verständnis für diese Berufseinsteiger, die sich schon im Bewerbungsgespräch nach Sabbaticals, Eltern-, Teil- und Auszeiten erkundigen. Personalchefs halten sie oft für Luxusgeschöpfe, die sich aufs Erbe freuen, statt selbst anzupacken. Auch Medien lästern über die "Generation Weichei", der es keine Firma mehr recht machen könne.

Dass die Generation Y weniger leistet, geben Untersuchungen allerdings nicht her: In der Shell-Jugendstudie von 2010 standen die Tugenden Fleiß und Ehrgeiz bei den Jungen besonders hoch im Kurs. Mehr junge Leute denn je machen Abitur oder einen mittleren Abschluss, und sie studieren kürzer, zielgerichteter und effizienter. Die Uni-Gammler, die sich nach 20 Semestern zum ersten Mal eine Prüfungsordnung ansehen, scheinen ausgestorben wie der Archaeopteryx. "Null Bock" ist heute ein Fremdwort. Die Lebensläufe der Nachwuchskräfte sind prall voll von Praktika, Kursen, Auslandsaufenthalten und sozialen Engagements. Die Ys fordern nicht nur ihre Arbeitgeber, sie verlangen auch sich selbst einiges ab.

Die Inder und Chinesen sind ganz anders, sagt der Personalchef: "Viel ehrgeiziger!"

Das führt zu einer Mischung aus Engagement und Selbstoptimierung, aus Verspieltheit und Ernst. Dieser Trend entfaltet sich in der Hamburger ABC-Straße aufs Eindrucksvollste. Am Haus Nummer 19 leuchten sechs knallbunte Buchstaben: Google. Hinter der Fassade verbirgt sich die Deutschland-Zentrale der weltgrößten Suchmaschine. 350 Leute arbeiten hier, im Schnitt sind sie 35 Jahre alt. Google, das ist der obere Rand der Generation Y. Hier hat sie sich ihr eigenes Biotop erschaffen, eine Mischung aus Disneyland und Management. In Riesenstrandkörben finden Videokonferenzen statt. In nachgebauten Flugzeugkabinen Besprechungen. Es gibt Gänge, die sehen aus wie U-Bahnhöfe. Und im Pool kann man in Schaumstoffwürfeln baden. Dreimal die Woche kommt ein Masseur, im Fitnessstudio findet Yoga, Hip-Hop oder Boxen statt. Alles während der Arbeitszeit. Alles kostenlos. Zum vierten Mal in Folge wählten internationale Hochschulabsolventen Google zum beliebtesten Arbeitgeber der Welt.

"Wenn ich mich wohlfühle, profitiert davon die Firma", sagt Eva Krüger. Die 27-Jährige hat Medien- und Kommunikationswirtschaft studiert und anschließend im Online-Marketing beim Hamburger Verlag Gruner+Jahr gearbeitet. Heute hilft sie Kunden aus der Modebranche, ihre Werbeanzeigen bei Google zu platzieren. Sie selbst sieht aus wie ein Modestatement: Kastenbrille, orangefarbene Fingernägel, Bluse über löchriger Jeans. Und doch: "Wir sind hier kein Vergnügungspark. Wir alle haben unsere Ziele, die wir uns quartalsweise stecken und die wir auch erreichen wollen", sagt Krüger. "Aber ich werde hier nicht fürs Sitzen bezahlt, sondern für meine Kreativität." Alle bei Google entfalten großen Ehrgeiz, denn wer seine Ziele verfehlt, ist auch wieder schnell raus aus der bunten Leistungsidylle. Deshalb tanzt und boxt wohl auch niemand im Fitnessraum, als an diesem Freitagnachmittag die ZEIT vorbeischaut.

Auch Eva Krüger ist immer im Dienst. "Work is not a job", sagt sie und schwärmt vom "Google-Spirit" und dieser erfreulichen "Ja-Mentalität" um sie herum. Ihr Job ist für sie Teil ihrer Persönlichkeit. Deshalb kann Krüger auch nicht sagen, wie viele Stunden pro Woche sie arbeitet oder wo genau die Grenze zwischen Arbeit und Leben verläuft. Im Büro führt sie private Gespräche, und im Privatleben beantwortet sie Mails von Kunden. Bleibt die Frage, ob einer mit 40 oder 50 auch noch in Schaumstoffwürfeln sitzen möchte und ob die knallbunte Spielewelt des knallharten Weltkonzerns nicht ein geschicktes System der Selbstausbeutung darstellt, das den ewigen Kindern der Generation Y ein ewiges Kinderzimmer vorgaukelt – während ihnen gleichzeitig die Kreativität literweise abgezapft wird.

Ingo Kucz, der Familienvater, könnte so nicht leben. Doch mit Eva Krüger hat er eines gemeinsam: Kommt man diesen Arbeitnehmern entgegen, strengen sie sich weit über das verlangte Maß an. Gerade ist Krüger für einen Monat in Indien und arbeitet im Google-Büro in Hyderabad. Anschließend opfert sie eine Woche ihres Jahresurlaubs, um ein persönliches Projekt voranzubringen. Sie will das mobile Google-Betriebssystem Android so konfigurieren, dass es auch Blinde benutzen können. "Ich möchte die Chance, die ich bei Google bekommen habe, nutzen und was verändern", sagt sie.

Auch in klassischen Industriebetrieben denken die Neuen oft so. "Früher wurde Leistung über Aufstieg honoriert", sagt Wilfried Porth, der Personalvorstand von Daimler. Heute wird auch mit Sinnstiftung bezahlt. Die Jungen kämen nur, wenn sie etwas gestalten und die Welt verbessern könnten. Zum Glück hat Daimler das Elektroauto. Häufig erkundigten sich die Bewerber danach – sie wollen an der Umweltverträglichkeit des Automobils von morgen mitbasteln. Sie wollen die Welt doch noch vor dem Klimakollaps bewahren.

Man merkt Porth an, dass die Y-Generation ihm nicht geheuer ist. Die seien gar nicht mehr richtig mobil, findet er, oft schlügen sie einen Karrieresprung aus, weil der Partner nicht mitkommen mag oder weil sie an Aufstieg und Macht nicht richtig interessiert sind. Die jungen Chinesen und Inder, die er trifft, sind da ganz anders, "viel ehrgeiziger!". Er könnte, sagt er, jedes Mal, wenn er in diesen Ländern sei, ganze Flugzeuge chartern, "so viele bestürmen mich, mitfliegen und mitarbeiten zu dürfen". Wie viele Asiaten mit Führungstalent dann tatsächlich bei Daimler anfangen, möchte das Unternehmen aber nicht verraten. Fest steht in jedem Fall: So viele junge Ausländer können gar nicht einwandern, dass die gut ausgebildeten Mitglieder der Generation Y ihre Knappheit und damit ihre Macht verlieren könnten.

In der Unternehmensberatung McKinsey herrschte immer eine Kultur der 16-Stunden-Tage. Doch inzwischen denkt man auch bei diesem begehrten Arbeitgeber um. "Oft wollen die Kandidaten wissen: Was ist für mich drin, was bringt mir das persönlich?", sagt der für Neueinstellungen verantwortliche Recruiting-Chef Thomas Fritz – und dann kommen Fragen wie diese: Kann ich statt eines Dienstwagens auch ein Firmenfahrrad kriegen? Darf ich mit der Bahn fahren, statt zu fliegen? Die Berater sind im Schnitt um die 30 Jahre alt. Um an die Besten zu kommen, reichen sechsstellige Einstiegsgehälter nicht aus. Also zahlt McKinsey Zeit aus statt Geld. Die Firma wirbt mit dreimonatigen Auszeiten vom Job, und jeder sechste Berater hat das Angebot im vergangenen Jahr angenommen.

Auch die alten Firmenriesen müssen sich für diese neue Generation aufrüschen. Das erste Wort, das dem Personalscout Jörg Leuninger zur Generation Y einfällt, ist: "selbstbestimmt". Das erste Gefühl: "ein Schock". Leuninger ist 41 Jahre alt, seine Firma noch mal gut hundert Jahre älter. Als er vor zwölf Jahren beim Chemiekonzern BASF anfing, erwartete man von ihm, dass er sich glücklich schätze, bei einem so tollen Arbeitgeber untergekommen zu sein. Vor drei Jahren kehrte der brave Soldat Leuninger von einer Dienstreise aus Shanghai zurück und geriet mitten hinein in eine Talentveranstaltung für Hochschulabsolventen. Da herrschte ein anderer Ton: "Die Studenten haben die Unternehmensstrategie offen und kritisch vor den anwesenden Vorständen und Bereichsleitern hinterfragt. Sie wollten wissen, wie nachhaltig die Chemie-Industrie wirklich ist."

Heute ist es Leuningers Aufgabe, für das Unternehmen europaweit die besten Leute zu finden. Für sie baut der Saurier BASF vor den Konzerntoren nun ein Work-Life-Management-Zentrum: vier Häuser auf 5.500 Quadratmetern. Eine Kinderkrippe mit 250 Plätzen wird es darin geben, eine Beratung für soziale Fragen und die Pflege alter Eltern und – natürlich! – ein Fitnessstudio. Bleiben die jungen Talente der Firma treu, hat sich die Investition "im hohen zweistelligen Millionenbereich" rentiert.