"Tatort"Die schönsten Schrammen der ARD

Til Schweiger brilliert als Action-Star im neuen Hamburger "Tatort". von 

Es gehört zu eigentümlichen Spannungsbögen eines Sonntagabends, dass der Tatort sehr überraschend ausfallen kann: Er pendelt in der Güte zwischen Schultheater (freilich ohne die Rührung, die unbedarfte Laiendarsteller beim Zuschauer manchmal provozieren) und regelrechten Kinoerlebnissen mit plausibler Handlung, überzeugenden Stunts und ausgefeilten Dialogen. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Tatort am kommenden Sonntag gehört definitiv zu den großartigsten seit sehr langer Zeit.

Das liegt nicht nur, aber auch an dem neuen Hamburger Ermittler namens Nick Tschiller, der von Til Schweiger gegeben wird. Er ist als ausnehmend ruppiger, die Grenzen des Gesetzes überschreitender Polizist eine Art Nachfolger von Schimanski. Schimanski (Götz George) hatte der Tatort-Reihe einst durch sein eigenwilliges Berufsverständnis ja einen schönen Konflikt eingepflanzt, die immer sehenswerte Spannung zwischen Bürokraten und Ermittlern. Die Bürokraten im Kommissariat achten immer penibel auf die Rechtmäßigkeit der Ermittlung, der Ermittler aber tritt hinaus in die Wirklichkeit und schlägt alles kurz und klein.

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Schimanski hatte sich angesichts des Grauens, das ihm auf der Straße begegnete, zuverlässig nicht im Griff und ging den bösen Jungs auch ohne Not an die Gurgel. Nicht das Recht trieb ihn an, sondern Rache, die Rache am Bösen schlechthin, weshalb nicht nur aus Notwehr zugeschlagen wurde, sondern – ganz banal – weil man es halt mit Arschlöchern zu tun hatte. Dass ein derartiger Kommissar sich selbst am Bösen der Welt infizieren könnte, nimmt er in Kauf. Seine Selbstjustiz rechtfertigt er durch das archaische Gefühl, auf der guten Seite der Macht zu stehen.

Nick Tschiller, wie Schimanski, hat sich nicht unter Kontrolle, was der manchmal etwas tantigen Tatort-Reihe eine selten gesehene Rasanz verleiht. Es wird bei Einsätzen nicht lange herumüberlegt. Der Film beginnt mit einer routinemäßigen Wohnungsüberprüfung, die völlig entgleist: Zufälligerweise sind die Polizisten in ein Versteck von minderjährigen Prostituierten gestoßen, die Zuhälter sind naturgemäß brutal und schießen. Tschiller schießt auch und hat nach wenigen Minuten drei Zuhälter umgelegt, sein Kollege ist verletzt und kommt ins Krankenhaus (nur ein Beindurchschuss, aber in der Nähe sehr zarter Weichteile). Und mit großem Tempo entspinnt sich aus der Eingangsszene ein ziemlich komplexer Plot samt strenger Staatsanwältin (die Tschiller straft und begehrt), einer notorisch lügenden Prostituierten (die Tschiller begehrt), einem Überläufer auf Ermittlerseite (der Tschiller umbringen will) und zahlreichen, durchaus schmückenden Gesichtsschrammen und -beulen (Tschiller).

Seit einiger Zeit hat sich in den Tatorten ein starker, etwas zweifelhafter Hang zum Humoristischen bemerkbar gemacht (etwa in den Krimis aus Münster). Auch der Hamburger Tatort ist nicht frei davon, aber zum Glück auf gut dosierte Weise (Schweiger, wie er versucht, seine Tochter zu bekochen, gar nicht unlustig). Ein wenig fürchtete man ja vorab, dass Schweiger voll und ganz sein komödiantisches Potenzial (Keinohrhasen usw.) ausspielen könnte. Im Tatort zeigt er sich aber als das, was es in Deutschland eigentlich gar nicht gibt: als verdammt guter, grober, lässiger Action-Star. Man will mehr davon.

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Leserkommentare
  1. Ich gebe ja zu, dass auch mir diese Tendenz, dem Ermittler(Duo) so juxig-exzentrische Eigenschaften zu geben, total auf die Nerven geht....
    Aber Til Schweiger ???
    Was ist mit denen von uns, die Schimanski schon besch...eiden fanden ?

    4 Leserempfehlungen
  2. Wir werden sehen. Das humoristische Talent von Herrn Schweiger kann man so oder so sehen, heisst, man orientiere sich entweder an Komödien aus Großbrittanien, USA oder Italien, auch aus Nordisk Ländern oder aber an Komödien Made in Germany. Letztere sind eher zum Heulen als zum Lachen, wenn am Schluss noch degeto drunter steht, dann sollte man sich vorher informieren, wenn man lachen möchte, wer hier Produzent war. Nun Nick Tschiller scheint schon so ein Wortspiel aus Till Schweiger zu sein, darüber kann man zunächst nicht lachen, auch wenn die Frage auftaucht, auf welchen Mist diese Stilblüte gewachsen ist. Die Tatorte sind in den letzten Jahren immer schlechter geworden bis man über den Polizeiruf mit Matthias Brandt in München und Charlie Hübner bzw. Anneke Sarau in Rostock wirklich wieder verträgliche Krimikost angeboten hat. Ulrich Tukur war auch gut, aber selten zu sehen und in Frankfurt hat sich Nina Kunzendorf aus wahrscheinlich sehr guten Gründen zurückgezogen, die Westerngöre im fortgeschrittenen Alter war nun vollkommen daneben. Die Onkels aus Halle sind endlich weg, es fehlen nur noch die Kündigungen der Kölner Schlaffis, der Münchner, der Clowns aus Münster, dem Duo aus Ludwigshafen und der neuen Schweizer Lachnummer. Vielleicht wird der Tatort dann besser, ich empfehle "Das Verbrechen" und alle Wiederholungen von Nachtschicht oder Kriminaldauerdienst. So Schweiger, jetzt zeig mal klare Handkante oder koch dir wieder einen Gummiadler. Auf kleinster Flamme.

    3 Leserempfehlungen
  3. Also ich finde die humoristische Art im Tatort Münster, insbesondere wegen den beiden Ermittlern, richtig erfrischend und unterhaltend. Ideal zum Abschalten. Ich persönlich freue mich auf Til Schweiger. Ich habe seine letzten "Familien" bzw. "Social Drama" Filme angesehen und dachte mir jedes mal, dass dieser Schauspieler eigentlich für eine ernstere, ruppigere Rolle wesentlich besser geeignet wäre.

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    tator münster ist der einzige geile tatort:D

    ich verpass den nur leider immer, weil der ja gefühlt alle paar monate mal kommt:(

  4. Schlimmer als der jüngste Tatort aus Saarbrücken mit Devid Striesow kann es eigentlich nicht werden. Vergleiche mit Schimanski sind aber wohl unangebracht, dafür fehlt es Herrn Schweiger entschieden an Persönlichkeit.

    8 Leserempfehlungen
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    So schlimm ist SB nun nicht.
    Palu war natürlich besser, aber da gibt es schlimmere , z. B. Ludwigshafen.

    Til Schweigen und "Schmi" trennen nicht Lichtjahre, das sind mehrere hundert Galaxien.
    Da fehtl Schweiger nicht nur die "Jacke" und der Schnauzer und die "Paroli".

  5. Und Selbstironie.

    3 Leserempfehlungen
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    • drölf
    • 08. März 2013 15:46 Uhr

    Und Talent.

    • drölf
    • 08. März 2013 15:46 Uhr

    Und Talent.

    9 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Zusatz:"
    • docere
    • 08. März 2013 16:43 Uhr
    7. Nein,

    nicht schon wieder eine Vorabkritik.
    Die letzte die ich las war von SPON und zeriss den grandiosen Devid Striesow im neuen Tatort vom SR.
    Ich gebe zu, ich mag Hr. Schweiger nicht, das ist aber mein persönliches Problem, allerdings hat er im Vorfeld des Tatort nicht gerade dafür gesorgt, dass sich das ändert.
    Der Tatort wird immer teilen, vielen ist das Toyota Duo aus Münster schon zu abgedreht, andere hatten schon zu Fassbinder Zeiten eine Aversion gegen Eva Mattes.
    Eigentlich soll er nur unterhalten.
    Manchmal trifft er den Puls der Zeit, manchmal hat man die Handlung schon beim Abspann vergessen.
    Unterhaltung, nicht mehr.
    Schimanski kann und sollte man nicht kopieren, ich möchte auch keine blutverschmierte Bruce Willis Kopie sehen, ich werde es um 21:45 wissen.

    2 Leserempfehlungen
  6. Der Artikel würde fast Hoffnung machen, dass der Tatort mit Til Schweiger doch nicht so schlimm wird wie befürchtet - aber leider kann man ihn nur schwer ernst nehmen. Hat der Autor in der letzten Zeit mal einen Tatort gesehen? Ist das Problem nicht eher, dass es mittlerweile zu viele - nicht zu wenig - Kommissare gibt die einfach draufhauen und sich selbst nicht an das Gesetz halten?

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    Wenn ich einen Tatort sehe, möchte ich unterhalten werden. Wenn ich die Realität sehen möchte, muss ich mich an die Fersen eines normalen Ermittlers heften. Ich erwarte von einem Tatort keine Realität, wie ich es auch im Film nicht erwarte. Ich will einfach nur stumpf berieselt werden, lachen können, mich erschrecken können, Rache empfinden können, wenn der Böse vom Guten eines auf die Glocke bekommt und wenn im Verhör der Böse drangsaliert wird, werden meine niederen Instinkte angesprochen.

    Ich kann also das Gemähre, ein Tatort spiegelt nicht die Realität wieder, nicht nachvollziehen. Würde der Tatort in 90 Minuten die Realität darstellen, würden wohl die meisten nach fünf Minuten abstellen oder auf ZDF zu Rosamunde Pilcher umschalten, weil das spannender wäre als ein realitätsnaher Tatort.

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