Dieter Overath : Der Hartnäckige

Dieter Overath hat die gemeinnützige Handelsorganisation Transfair aufgebaut. Zufrieden ist er trotzdem nicht.

Nein, vorbestraft ist er nicht, die Sache ging damals glimpflich aus. Es war 1984, als er ins Visier der Strafbehörden geriet. Damals hatte Dieter Overath seinen Wehrpass an eine Kirchentür genagelt. Genauer gesagt: an die Tür des Kölner Doms.

Overath war damals Bundeswehr-Reservist. Zusammen mit anderen Soldaten demonstrierte er gegen die sogenannte Nachrüstung. Für die Nagelaktion kassierte er eine Strafanzeige wegen Sachbeschädigung. Es ging dabei aber nicht um die Domtür, nein, es ging um den Pass. »Der war ja Staatseigentum«, sagt Overath.

Der Kölner, der sich nach seiner Lehre in den siebziger Jahren als Zeitsoldat verpflichtet hatte, verweigerte nachträglich den Kriegsdienst. Es war ein ungewöhnlicher Schritt und zugleich typisch für Dieter Overath. Einiges im Leben dieses Mannes lief etwas anders. Dass es ein Hauptschüler zum Geschäftsführer bringt, wie es ihm gelungen ist, das kommt auch nicht oft vor.

Overath steht seit mehr als 20 Jahren an der Spitze von Transfair. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der mithilft, dass Bauern aus Afrika, Asien und Lateinamerika für ihre Erzeugnisse ein faires Einkommen erhalten. Auf rund 2000 Waren prangt ein Fairtrade-Siegel. 2012 gaben deutsche Kunden eine halbe Milliarde Euro für fair gehandelte Produkte aus – rund 30 Prozent mehr als im Vorjahr.

Overath ist in seinem Job ohne Zweifel erfolgreich, zufrieden ist er aber nicht. Im internationalen Vergleich sei Deutschland ein »Fair-Trade-Schwellenland«, klagt er. In England zum Beispiel, da habe fair gehandelter Kaffee einen Marktanteil von 20 Prozent, in Deutschland seien es nur 2 Prozent. »In keinem Land in der Welt wird so wenig für Lebensmittel ausgegeben wie in Deutschland. Wir haben teure Küchen, und bei Lidl, Aldi und Co. wird billig eingekauft. Es gibt einen unendlichen Tunnelblick auf Schnäppchen und niedrige Preise. Die ganze Branche ist damit verseucht.«

Dieter Overath wurde 1954 als Sohn eines Briefträgers geboren. Nach der Schulzeit lernte er den Beruf des Bürokaufmanns. Er ging zur Bundeswehr, leistete aber von den vier Jahren, zu denen er sich verpflichtet hatte, nur zwei ab. Auf der Abendschule erwarb er die Fachhochschulreife, studierte dann in Köln Betriebswirtschaft mit einem Schwerpunkt auf Marketing und Personal. Nur: In die Wirtschaft wollte er nicht. Overath hatte andere Pläne. Während seines Studiums hatte Overath in einer psychologischen Beratungsstelle für Spanier und Lateinamerikaner gearbeitet. Nach dem Examen zog es ihn nach Mittelamerika, er blieb ein Jahr und half in Nicaragua bei einer Alphabetisierungskampagne. Nach Deutschland zurückgekehrt, arbeitete er als Dozent im Spanischen Zentrum in Köln. Gemeinsam mit Mitstreitern gründete er eine Werkstattschule für arbeitslose Jugendliche in Gummersbach.

Sieben Jahre arbeitete er dort als Ausbilder. Nebenher managte er in Köln Theatergruppen und organisierte Festivals. Er engagierte sich bei Amnesty International, über Jahre war er im Bundesvorstand der deutschen Sektion für die Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnen zuständig. 1988 gehörte Overath zu den Organisatoren der Rock-Tour Human Rights Now, bei der Stars wie Bruce Springsteen und Tracy Chapman auftraten.

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Kommentare

39 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

"Fair produziert" heißt "nicht kapitalistisch" produziert!

Wenn der Euro mehr genossenschaftliche Projekte unterstützt, zahl ich das grundsätzlich gern.Es muß natürlich klar sein, daß das Insistieren auf irgendwie ausgedrücktem politisch-korrektem "Wohlverhalten" von Unternehmen und Zwischenhänlern letztlich an der Sache vorbei geht. Jedes Unternehmen ist nunmal ein kapitalistisches, der Bio-Hof ebenso wie der convinience-Konzern, da kann der eine uns sympathischer sein als der andere, ... aber es sollte klar sein, das es keinen "guten, besseren, richtigen" Konsum gibt, oder eben "guten, besseren, richtigen" Handel in einem System, daß so funktioniert wie es nunmal tut...

Was ist dran an der Kritik von „Konsumgeilheit” und „Konsumterror” und der Forderung nach bewusstem Konsumverhalten und "verantwortungsvollem" Wirtschaften?

Dass ein Chicken McNugget in seinem früheren Leben ein Huhn in Massenhaltung war (oder die Lasagne Pferd enthält), liegt nicht an der außerordentlichen Grausamkeit der McDonald’s-Geschäftsführung, sondern daran, dass diese im Wettbewerb mit anderen Fast-Food-Ketten steht. Wer also ein Problem damit hat, dass in dieser Gesellschaft der Großteil der Gebrauchsgüter Schund ist und dass einem dieser Schund auch noch als das Allertollste angepriesen wird, muss den Zweck kritisieren, unter die kapitalistische Produktion abläuft, und die Form der Konkurrenz. >>>http://marx.blogsport.de/...

http://www.gegenstandpunk...