"Die neue Umverteilung" : Wo bleibt der Aufschrei?

Nach der Lektüre von Hans-Ulrich Wehlers Buch "Die neue Umverteilung": Klaus Harpprecht, Zeuge der Bonner Anfänge, fragt, ob die Berliner Republik im Größenwahn zugrunde geht.

Der Schock suchte mich mit einer Verspätung heim, die ich mir nicht verzeihe: Signale des heraufziehenden Unheils gab es genug. Sie standen in der Zeitung. Sie blitzten an der Mattscheibe auf. Kaum einer der Fakten, die Hans-Ulrich Wehler in seiner Studie über Die neue Umverteilung präsentiert (vgl. ZEIT Nr. 7/13), ist wirklich neu. Auch mögen manche seiner Schlüsse anfechtbar sein. Indes, die Summe seiner Einsichten ist mir niemals zuvor in solch frappierender Krassheit begegnet. Wohl las ich die Meldungen über den (wie Wehler schreibt) »obszönen Anstieg von Managergehältern«, und ich fragte mich, warum die Gewerkschaften diese Skandale duldeten. Ich nahm beunruhigt zur Kenntnis, dass die Schere zwischen der reichen Miniminderheit und den mittleren Einkommensschichten (von den Niedriglöhnern zu schweigen) weiter und weiter auseinanderklafft. Doch ich begriff nicht, dass die Deutschen sich zu einer Klassengesellschaft wandelten: just zu dem, was der Bonner Staat mit dem Konzept der sozialen Marktwirtschaft zu verhindern suchte, deren Ziel die breite Streuung des Wohlstandes war, damit (vielleicht) die geduldige Überwindung der Kluft zwischen dem privilegierten Bürgertum und der Arbeiterschaft.

Bestätigte sich die Strategie des sozialen Ausgleichs (vor der Wiedervereinigung) nicht Tag für Tag durch bessere Löhne, da und dort durch Gewinnanteile, durch die »dynamische Rente«, die das Geschick der »Altersarmut« milderte? (Stiegen nicht die Durchschnittsrenten allein zwischen 1950 und 1957 von rund 250 auf mehr als 700 Mark?) Wurden nicht Millionen Wohnungen mit bescheidenen Mieten durch den sozialen Wohnungsbau geschaffen? Hatte sich die Republik von Bonn nicht in der Tat auf den Weg zur Zähmung der Klassengesellschaft gemacht, ob von Christdemokraten oder Sozialdemokraten regiert (die nur unterschiedliche Akzente setzten), angetrieben durch die Konfrontation mit der DDR, die in der Tat von einer unübersehbaren Klassenhierarchie beherrscht wurde: der privilegierten Schicht der Funktionäre, die sich arrogant über die graue Masse der Untertanen erhob?

Die Überwindung der Klassen – ein fernes Ziel, doch der Alltag schien zu beweisen, dass die Minderung des Abstandes möglich war. Diesem Ideal fühlten sich auch die Christdemokraten der frühen Jahre verpflichtet: damals noch keineswegs eine geschlossen neoliberal-konservative Formation (siehe das Ahlener Programm, das die Sozialisierung der Grundindustrien verlangte, siehe die Vitalität der »linken« CDU unter Adenauers Hauptkonkurrenten Karl Arnold in Nordrhein-Westfalen, siehe die »Sozialausschüsse«). Dies galt erst recht für die Sozialdemokraten nach ihrer Modernisierung durch die Beschlüsse von Bad Godesberg. Die Gewerkschaften empfanden sich in der Mehrheit durchaus nicht als Instrumente des »Klassenkampfes«, zumal ihnen die Mitbestimmung keinen geringen Einfluss auf die Führung der Unternehmen sicherte: ein mächtiges Instrument für die Einebnung der Klassendifferenzen, vergleichslos in der Welt.

Die Integration der Bundesrepublik in Europa war, vom Tag ihrer Gründung an, das essenzielle Motiv meiner journalistischen und politischen Versuche – die große Aufgabe, vom Grundgesetz geboten, mit der Wiedervereinigung im gleichen Rang. Signale, die mich vor Verirrungen hätten warnen müssen, nahm ich zur Kenntnis, aber ich erkannte sie nicht. Redete mir ein, dass – entgegen meiner Furcht – der Umzug Deutschlands von Bonn nach Berlin die Substanz der Republik nicht gefährde, dass sie unlösbar in Europa verankert bleibe, dass die deutschen Köpfe trotz vermehrter Macht, nicht allzu dick anschwellen würden, weil die finanzielle Last des Aufbaus der neuen Länder und die Pflicht zu ihrer permanenten Subventionierung – ein Finanztransfer ohne Beispiel – das Hochgefühl dämpfen würden. Obschon ich Stimmen hörte, deren falsche Töne mein Misstrauen weckten: Da schwätzten angesehene Leute wie Baring und Co. plötzlich von Bonner »Biedermeier«, von der »Idylle am Rhein«, von der westdeutschen »Gemütlichkeit«, ja, sie behaupteten, in Berlin vollziehe sich nicht weniger als die deutsche »Rückkehr in die Geschichte«.

Das klang drohend. Dennoch: Es war dummes Gewäsch, das sich fortwischen ließ. So töricht wie die – seit 1968 – gebetsmühlenhaft gelaberte Formel vom »Mief« der fünfziger Jahre, von der »restaurativen Adenauer-Ära« – als sei jene Epoche nicht durch die Integration von mehr als zwölf Millionen Heimatlosen geprägt worden, von der Regeneration der zerbombten Städte, der Rekonstruktion unserer Industrien, einer Sozialgesetzgebung von beispielloser Modernität (die bis heute standhielt), den Anfängen der Europäischen Union, der Aufnahme ins Atlantische Bündnis, dem Versuch der Wiedergutmachung, der Sonderbeziehung zu Israel, ja nach der Selbstbehauptung im Kalten Krieg von den ersten tastenden Ansätzen zur späteren »Ostpolitik« Willy Brandts. von der Einkehr der Welt, trotz des bayerischen Hundhammers und der Würmelinge, der Zeit der bedeutendsten Werke unserer Nachkriegsliteratur, Grass, Johnson, Böll und Bachmann, vielleicht auch Walser.

Wann entglitten Selbstgefühl und Einkommen der neuen Managerklasse dem Konsens der Moderation, die das Klima der alten Bundesrepublik bestimmte? Wie ging es zu, dass die Herren (noch ohne Damen) von aller Intelligenz verlassen wurden und mit ihren Rekordeinkommen auch noch prunkten? Warum nahmen die Gewerkschaften die schamlose Selbstbereicherung hin? (Kaum einer der Vorstände war so viel wert, wie er kriegte.) Warum kein Aufschrei in den Medien? Auch nicht in den öffentlich-rechtlichen Anstalten, die angeblich von allen Privatinteressen unabhängig sind (freilich nicht vom Hochmut ihrer kulturfremden Hauptverwalter, die für die Einsparung von fünf Millionen Euro ein traditionsreiches Orchester entsorgen – nur so).

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

61 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

@ HeidiS, 3

"Moral ist leider fehl am Platz, ..."

Moral ist immer. Sie ist, was die (meisten) Leute in bestimmten Zeiten tun.

Das derzeitige System erzeugt allerdings eine entmenschlichte Moral. Durch Abstraktion mittels Geld (in Form von Münzen, Scheinen, Nullen, Einsen, Schuld), der Möglichkeit des Hortens von Geld, durch Privatisierung der Natur, durch Technisierung und Bürokratisierung.

So haben wir uns vom Nächsten und von uns selbst ganz weit entfernt.

Das meinen Sie, und damit haben Sie völlig recht.