MartensteinÜber das Leid der Sitzenbleiber

"Opfer" sind das derzeitige Lieblingsthema von Harald Martenstein. Diesmal engagiert er sich für Sitzenbleiber und sinniert über weiße Flecken auf der Opferlandkarte. von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Ich bin, wie gesagt, traumatisiert, vielleicht sogar verbittert durch die Tatsache, dass ich zu keiner einzigen gesellschaftlichen Opfergruppe gehöre und in jeder gottverdammten Debatte immer Teil der Tätergruppen bin, Männer, Deutsche, Weiße, Besserverdiener. Das ist auch ein Scheißgefühl. Ich finde, wir Mehrfachtäter sollten endlich als Opfergruppe anerkannt werden. Aber da lachen die anderen Opfer bloß, wenn sie so was hören.

Jetzt habe ich gelesen, dass Menschen, die in der Schule sitzen geblieben sind, durch diese demütigende Erfahrung ihr Leben lang traumatisiert sind, deswegen soll das Sitzenbleiben in Niedersachsen und demnächst bestimmt überall abgeschafft werden. Da wäre ich am liebsten gegen die Wand gerannt vor Wut. Das wäre meine Chance gewesen. Ich bin in der achten Klasse wirklich um ein Haar sitzen geblieben, dreimal eine Fünf, einmal eine Vier minus im Zwischenzeugnis, ich schwöre es. Aber nein, die mussten mir ja am Ende unbedingt viermal eine Vier minus geben.

Anzeige

Fast alle Leute, die ich kenne und die mal sitzen geblieben sind, haben ganz ordentliche Karrieren hingelegt, richtig gestört wirkt keiner von denen. Die politische Elite Deutschlands besteht sogar aus auffällig vielen Sitzenbleibern, Stoiber, Kretschmann, sind sitzen geblieben. Peer Steinbrück sogar zweimal. Eines steht fest, egal, wie die Debatte verläuft, eine Quote für Sitzenbleiber müssen sie nicht einführen, auch nicht in der Wirtschaft. Das ist jetzt kein Witz: Eine Vollblut-Sitzenbleiberin, Edelgard Bulmahn, hat es bis zur Bundesbildungsministerin gebracht.

Ich wollte aber herausfinden, wie es den echten Sitzenbleibopfern geht, also Menschen, die durch ihr Sitzenbleibtrauma wirklich geschädigt sind. Wie verarbeitet man das? Ich bin kein Zyniker. Ich bin, auf meine Art, schon auch sensibel. Also habe ich mir die Finger schrundig gegoogelt auf der Suche nach einer Sitzenbleiber-Selbsthilfegruppe, nach Sitzenbleibtrauma-Therapeuten oder nach den Anonymen Sitzenbleibern. Aber ich habe nichts gefunden. Als ich "Sitzenbleibopfer" gegoogelt habe, kam ein Artikel mit der Überschrift: Warum Hugo Chávez auf seinem Öl sitzen bleibt.

Es könnte natürlich sein, dass die Scham der Opfer so groß ist, dass sie sich nicht mal trauen, eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Aber ich halte etwas anderes für wahrscheinlicher. Nämlich dass zum ersten Mal eine Opfergruppe zur Opfergruppe erklärt wird, bevor die Opfer selbst überhaupt kapiert haben, dass sie Opfer sind. Es gibt bestimmt noch andere unentdeckte Opfergruppen, weiße Flecken auf der Opferlandkarte. Da habe ich noch mal nachgedacht, und mir ist etwas eingefallen, was ich all die Jahre verdrängt hatte. Jetzt breche ich mein Schweigen. Ich gebe der Scham eine Stimme.

Ich war siebzehn, vielleicht achtzehn. Ich musste rechts ranfahren. Ein alter, weißer Mann sagte: "Steigen Sie aus." Vor allen Leuten musste ich aussteigen. Was hatte ich Schreckliches getan? Muss man einen jungen Menschen öffentlich demütigen, nur weil er zwei Stoppschilder übersieht? Wollen wir, dass ein Achtzehnjähriger Angst haben muss, seinen Eltern zu beichten, dass er durch die Prüfung gefallen ist? Dass über ihn getuschelt wird: "Das ist ein Durchfaller"? Wollen wir, dass ein Fahrschüler die komplette Prüfung wiederholen muss, obwohl er nur drei oder vier Verkehrszeichen nicht kennt? Nein, das kann niemand ernsthaft wollen. Deshalb gehört jetzt das Thema Führerscheinprüfung auf die Tagesordnung der Politik.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Anmerkung der Redakation: Wir haben einen Fehler korrigiert: Westerwelle und Wowereit waren gar keine Sitzenbleiber, deshalb haben wir sie aus der Aufzählung entfernt. 14.3.2013

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Kometa
    • 07. März 2013 10:50 Uhr

    Gehörte Herr Martenstein nicht zu der Opfergruppe der von Leserbriefen oder-kommentatoren beleidigten Autoren?
    Nein, nicht gedemütigt?
    Nein, nicht in der Opfer-AG der von nächtlichen, telefonischen Schmähangriffen betroffenen Literaten ...(oder: Literatoren)?
    Wird er sich vom Begriff Literator/Literatoren verletzt fühlen?
    Nein?
    Wird er weiterschreiben, engagiert, kreativ und untraumatisiert?

    • Mari o
    • 07. März 2013 11:24 Uhr

    Ich bin ein von allen Schulen Geflogener und entsprechend traumatisiert.
    und also früh ausrangiert und heute entsprechend derangiert.und lese trotzdem
    z.B.die ZEIT,obwohl ich nicht immer alles verstehe.z.B. warum sich
    Martenstein nicht als Opfer fühlt.Vielleicht sollte ihn die ZEIT einfach mal den Stuhl vor die Tür setzen.Soll er doch Hartz IV beantragen.
    Vielleicht kommt dann noch mal die ganz große Kolumne.
    Dem Genie steht keine Pause zu,daher ciaociao

  1. Ich möchte Ihnen gerne behilflich sein bei der Recherche für Traumaverarbeitung. ... Eine Frage vorab: Gilt es tatsächlich als erstrebenswert, eine "ganz ordentliche Karriere" zu leisten, um zur "politischen Elite" zu gehören? Da bleibe ich doch lieber ein "Vollblut"; Vollblut-Mutter zum Beispiel, die Schrundencreme nach einem langen Bad in der Wanne benötigt. Und ab und an nach einer Google-Suche.

    Ich habe irgendwo gelesen, dass es hilfreich sein soll, sich von Schuld und Scham zu befreien. In Ihrem Beispiel sollte das Opfer seine Scham über Bord werfen und mit gehissten Segeln Boot fahren. Egal ob in einem Sport- oder Hausboot; meinetwegen mit einer ganzen Mannschaft, die dann die Selbsthilfegruppe darstellt. Ich finde es großartig, Mitbetroffene zu kennen, Gleichgesinnte zu haben, Helfer aller Art; in jedem Ort, in jedem Stadtteil, jeglicher Herkunft oder Nation. Dankeschön an alle hilfreichen Unterstützer.

    Fazit: Stoppschilder werden einfach überbewertet. Im Sinne von: 21, 22, 23, losfahren. Wer kann heutzutage noch bis 3 zählen? Ich hoffe doch sehr, dass Sie nicht an diesem "Durchfall" leiden und würde mich freuen, wenn Sie einen der nächsten Kommentare über wirklich wichtige Dinge schreiben, wie z.B. Essen/ Lebensmittel/ Kochen. Über diesen Täter-Opfer-Quatsch können wir doch nun wahrlich lachen. Meiner Meinung nach sollte jeder Mensch mindestens einmal im Leben in Syke im Casa d'Italia gegessen haben, um zu wissen, was es bedeutet, sich wie im Himmel zu fühlen. LG WW

  2. Letzte Woche war in der „Bild“ eine Liste mit 10 Promis, die sitzengeblieben sind. „Ach was“, sagte ich zu meinem Kollegen, „Wowie und Westerwelle sind auch mal hängengeblieben, schau an.“ Kurze Zeit später, ich meine es war am 4. März, hatte ich ein zweites Aha-Erlebnis. Da fand ich nämlich in der „Bild“ eine Gegendarstellung. „Wowereit und Westerwelle sind nicht sitzengeblieben. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.“ (oder so ähnlich).
    Und jetzt will mir also unser Vollblut-Kolumnist weismachen, Wowie und Westerwelle seien Sitzenbleiber. Das hat er vermutlich nicht aus der „Bild“ abgeschrieben, sondern beim Sturmgeschütz des Qualitätsjournalismus (Spiegel online vom 19.2.13), als er sich mal wieder „die Finger schrundig gegoogelt“ hat. Hätte er – wie ich – noch ein wenig um die Ecke gegoogelt, hätte er vielleicht in einem Artikel von bildblog vom 26.2. gefunden, dass Wowereit „seine Schullaufbahn nach den regulären 13 Jahren mit dem Abitur abgeschlossen habe“ und Westerwelle „ganz normal 13 Jahre zur Schule gegangen“ sei. Der Artikel endet mit der Ankündigung, das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin „wolle jetzt aber gegen dieses Gerücht vorgehen“.

    Vielleicht muss Martenstein ja eine Gegendarstellung veröffentlichen. Und schreibt dann eine launige Kolumne über die lateinische Weisheit „Semper aliquid haeret“ oder darüber, wie es sich anfühlt, beim Abschreiben erwischt zu werden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • uph
    • 07. März 2013 17:52 Uhr

    Das bildblog hat dem obigen Kommentar von Herrn Martenstein einen eigenen Beitrag gewidmet.

    http://www.bildblog.de/47...

    • uph
    • 07. März 2013 17:52 Uhr

    Das bildblog hat dem obigen Kommentar von Herrn Martenstein einen eigenen Beitrag gewidmet.

    http://www.bildblog.de/47...

  3. Ob abgeschrieben wurde oder nicht und unabhängig von der tatsächlichen Schulkarriere von Westerwelle & Co - diese Kolumne ist großartig und bringt die Opfer-Mentalität in unserer Gesellschaft mal wieder treffend auf den Punkt. Herrlich.

    2 Leserempfehlungen
  4. Aber die Opfergruppe, die noch gar nicht weiß, dass sie Opfergruppe ist, gibt es doch schon längst! Schließlich hat der Thienemann-Verlag in der kleinen Hexe von Otfried Preußler das schlimme N-Wort für dunkelpigmentierte Mitbürger entfernt, was im Rahmen vorauseilender Politcal Correctness ja noch nachvollziehbar ist. Bei der Gelegenheit wurden aber auch gleich noch Türken und Chinesen entfernt. Ob diese Opfergruppen schon wissen, dass Türke und Chinese ein zu unterlassendes Schimpfwort ist? Was soll man künftig für "Türke" sagen? Vielleicht wieder Osmanen? Und Han für Chinesen? Ist ein einzelner Chinese dann ein Han Solo?

    Es hat schon einen gewissen Reiz, dass ausgerechnet deutsche Intellektuelle (?) anderen Ethnien wieder vorgeben, welchen Wert sie oder ihre Bezeichnung haben. Bislang habe ich jedenfalls noch keinen Türken oder Chinesen kennengelernt, der auf Vermeidung dieses Namens Wert gelegt hat.

    2 Leserempfehlungen
    • jojocw
    • 23. März 2013 9:44 Uhr

    nämlich alle, die im Glauben an Demokratie und Meinungsfreiheit, die Chuzpe haben, gegen den links-grün-korrekten Mainstream mit gesundem Menschenverstand ihre Meinung zu vertreten. Die sind dann je nach Sachlage populistisch, rechts, Nazi oder rechtsextrem.
    Wer in diese Mühle gerät hat allerdings schlechte Karten, denn das ist die einzige Opferrolle für die die lg Journaille und Politik kein Erbarmen kennt.

    Du kannst lügen, betrügen, dumm oder dämlich sein, sogar Krimineller oder gar Totschläger. Alles geht, nur das oben beschriebene nicht.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Peer Steinbrück | Debatte | Karriere | Opfer | Niedersachsen
Service