Ich bin, wie gesagt, traumatisiert, vielleicht sogar verbittert durch die Tatsache, dass ich zu keiner einzigen gesellschaftlichen Opfergruppe gehöre und in jeder gottverdammten Debatte immer Teil der Tätergruppen bin, Männer, Deutsche, Weiße, Besserverdiener. Das ist auch ein Scheißgefühl. Ich finde, wir Mehrfachtäter sollten endlich als Opfergruppe anerkannt werden. Aber da lachen die anderen Opfer bloß, wenn sie so was hören.

Jetzt habe ich gelesen, dass Menschen, die in der Schule sitzen geblieben sind, durch diese demütigende Erfahrung ihr Leben lang traumatisiert sind, deswegen soll das Sitzenbleiben in Niedersachsen und demnächst bestimmt überall abgeschafft werden. Da wäre ich am liebsten gegen die Wand gerannt vor Wut. Das wäre meine Chance gewesen. Ich bin in der achten Klasse wirklich um ein Haar sitzen geblieben, dreimal eine Fünf, einmal eine Vier minus im Zwischenzeugnis, ich schwöre es. Aber nein, die mussten mir ja am Ende unbedingt viermal eine Vier minus geben.

Fast alle Leute, die ich kenne und die mal sitzen geblieben sind, haben ganz ordentliche Karrieren hingelegt, richtig gestört wirkt keiner von denen. Die politische Elite Deutschlands besteht sogar aus auffällig vielen Sitzenbleibern, Stoiber, Kretschmann, sind sitzen geblieben. Peer Steinbrück sogar zweimal. Eines steht fest, egal, wie die Debatte verläuft, eine Quote für Sitzenbleiber müssen sie nicht einführen, auch nicht in der Wirtschaft. Das ist jetzt kein Witz: Eine Vollblut-Sitzenbleiberin, Edelgard Bulmahn, hat es bis zur Bundesbildungsministerin gebracht.

Ich wollte aber herausfinden, wie es den echten Sitzenbleibopfern geht, also Menschen, die durch ihr Sitzenbleibtrauma wirklich geschädigt sind. Wie verarbeitet man das? Ich bin kein Zyniker. Ich bin, auf meine Art, schon auch sensibel. Also habe ich mir die Finger schrundig gegoogelt auf der Suche nach einer Sitzenbleiber-Selbsthilfegruppe, nach Sitzenbleibtrauma-Therapeuten oder nach den Anonymen Sitzenbleibern. Aber ich habe nichts gefunden. Als ich "Sitzenbleibopfer" gegoogelt habe, kam ein Artikel mit der Überschrift: Warum Hugo Chávez auf seinem Öl sitzen bleibt.

Es könnte natürlich sein, dass die Scham der Opfer so groß ist, dass sie sich nicht mal trauen, eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Aber ich halte etwas anderes für wahrscheinlicher. Nämlich dass zum ersten Mal eine Opfergruppe zur Opfergruppe erklärt wird, bevor die Opfer selbst überhaupt kapiert haben, dass sie Opfer sind. Es gibt bestimmt noch andere unentdeckte Opfergruppen, weiße Flecken auf der Opferlandkarte. Da habe ich noch mal nachgedacht, und mir ist etwas eingefallen, was ich all die Jahre verdrängt hatte. Jetzt breche ich mein Schweigen. Ich gebe der Scham eine Stimme.

Ich war siebzehn, vielleicht achtzehn. Ich musste rechts ranfahren. Ein alter, weißer Mann sagte: "Steigen Sie aus." Vor allen Leuten musste ich aussteigen. Was hatte ich Schreckliches getan? Muss man einen jungen Menschen öffentlich demütigen, nur weil er zwei Stoppschilder übersieht? Wollen wir, dass ein Achtzehnjähriger Angst haben muss, seinen Eltern zu beichten, dass er durch die Prüfung gefallen ist? Dass über ihn getuschelt wird: "Das ist ein Durchfaller"? Wollen wir, dass ein Fahrschüler die komplette Prüfung wiederholen muss, obwohl er nur drei oder vier Verkehrszeichen nicht kennt? Nein, das kann niemand ernsthaft wollen. Deshalb gehört jetzt das Thema Führerscheinprüfung auf die Tagesordnung der Politik.

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Anmerkung der Redakation: Wir haben einen Fehler korrigiert: Westerwelle und Wowereit waren gar keine Sitzenbleiber, deshalb haben wir sie aus der Aufzählung entfernt. 14.3.2013