Dass Homosexualität in beiden Geschlechtern ein, wenn auch auf rätselhafte Weise, biologisch verankertes Verhalten des Menschen ist, haben eine Vielzahl von Untersuchungen in den vergangenen 25 Jahren immer weiter zu erhärten versucht. Der amerikanische Neuroanatom Simon LeVay berichtete 1991 in Science, er habe im Gehirn Verstorbener eine sexuell zweigestaltige Struktur entdeckt. Ein Areal im vorderen Hypothalamus (INAH3) sei bei homosexuellen Männern etwa gleich groß wie bei Frauen, besitze bei heterosexuellen Männern jedoch die doppelte Ausdehnung.

Bis heute ist nicht recht klar, was LeVays Entdeckung genau zu bedeuten hat. Immerhin bot sein Befund ein deutliches Indiz für die Annahme, dass die sexuelle Orientierung durch unterschiedliche Nervenschaltkreise im Hirn gesteuert wird – INAH dürfte aber bestenfalls eines von vielen sein. »Ich habe kein Schwulenzentrum im Hirn lokalisiert«, erklärte LeVay später, »eher ist es Teil einer Kette von Nervenkernen, die das sexuelle Verhalten von Frauen und Männern steuern.« Es beweise nicht einmal, dass man homosexuell geboren werde.

Die Aufregung um LeVays Ergebnisse hatte sich kaum gelegt, da sorgte sein Landsmann Dean Hamer am National Cancer Institute erneut für Aufsehen. Seine Befunde deuteten nicht nur auf eine angeborene, sondern sogar auf eine durch die mütterliche Linie auf dem X-Chromosom vererbte Anlage für Homosexualität hin – zumindest bei Männern. »Na danke, Mutti«, titelten Zeitungen über die sensationelle Nachricht von dem »Schwulen-Gen«.

Hamer selbst hatte indessen nie behauptet, ein Gen gefunden zu haben. In seiner Studie war lediglich eine bestimmte Region auf dem weiblichen Geschlechtschromosom (Xq28) durch eine Häufung bei männlichen Homosexuellen aufgefallen. In einer folgenden Untersuchung konnten kanadische Forscher sein Resultat nicht bestätigen.

Den jüngsten Versuch, die Erblichkeit der Homosexualität ganz klassisch bestimmten Veränderungen in der genetischen Information zuzuschreiben, unternahmen schwedische und britische Wissenschaftler erst 2010. In einer großen Zwillingsstudie bezifferten sie den genetischen Einfluss auf die Homosexualität bei Männern auf knapp 40 Prozent, bei Frauen auf unter 20 Prozent. Tatsächlich schwankten ihre Ergebnisse aber zwischen 0 und 60 Prozent. Bis heute wurden nie bestimmte Gene zweifelsfrei als Verursacher der Veranlagung identifiziert.

Stimmt die neue Hypothese von Rice und seinen Kollegen, dann muss das auch so bleiben. Nicht die Gene, sondern die komplexen Regelmechaniken erklärten die kleinen und großen Unterschiede. Bei Untersuchungen (etwa von eineiigen Zwillingen) müsste man demnach charakteristische Unterschiede im epigenetischen Profil der Chromosomen finden – typische biochemische Veränderungen auf den Erbmolekülen. Diese tragen nicht selbst die eigentliche Information, sondern sie steuern deren Lesbarkeit.

Womöglich würde man dann sogar bei Matthias Seilinger das eine oder andere im epigenetischen Profil entdecken. »Ich fühle mich eigentlich als queer hetero«, sagt er, »ich spiele mit Geschlechterrollen, das ist reizvoll.« Dann gibt er manchmal am Abend in den Berliner Szeneclubs den Homosexuellen. »Es macht Spaß, damit kreativ umzugehen.« Er lacht: »Nur eine kleine Maskerade.«

* Name von der Redaktion geändert

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