Dario FoItalien hat den Narren erfunden

Der italienische Literaturnobelpreisträger Dario Fo sieht sein Land am Abgrund stehen und wünscht sich – noch mehr Satire. von Judith E. Innerhofer

Dario Fo

Der Literaturnobelpreisträger Dario Fo (Archiv)  |  © ANDERS WIKLUND / AFP / Getty Images

DIE ZEIT: Herr Fo, Sie gehören zu den prominentesten Unterstützern des Komikers Beppe Grillo. Sehen Sie die Zukunft Ihres Landes tatsächlich gut aufgehoben in den Händen von einem, der mit Satire Politik machen will?

Dario Fo: Aber ja! Die Satire ist doch immer und überall enthalten. Ein Volk ohne Gefallen an der Satire, entschuldigen Sie die Ironie, ist ein totes Volk! Von Machiavelli bis heute haben die großen Politiker Italiens Satire gemacht. Die großen Maler des 16. Jahrhunderts waren Satiriker. Von Leonardo zum Beispiel gibt es ganz wunderbar ironische Gemälde über die Macht. Auch in Deutschland spielten die Hofnarren im Aufstand gegen die katholische Kirche eine ungemein wichtige Rolle. Ich wundere mich immer wieder darüber, dass ihr euch nicht an diese höchsten Momente eurer Kultur erinnert. Damals, als ihr die Avantgarde wart bei der Reformation der religiösen Strukturen in Europa, damals wusstet ihr, wie man den Diskurs durch Ironie verändern kann. Keiner wagte es damals, die Narren zu verbannen, weil das Volk sie liebte und von ihnen lernte, wie man ironisiert und sich dadurch zugleich schützt.

Anzeige

ZEIT: Schön und gut. Aber der Narr war in der Kulturgeschichte immer auf den Machthaber als Gegenüber angewiesen, um sein Spiel treiben zu können. Wer soll in Italien jetzt die Macht entlarven, da der Clown auf die Seite der Politik gewechselt ist und beides zusammenfällt?

Fo: Wir haben eine falsche Vorstellung davon, was Ironie und Satire eigentlich sind, und von dem, der sie betreibt. Besonders bei uns in Italien, wo wir den Beruf des Narren erfunden und weitergebracht haben, ist er ein Teil unserer Kultur. Wir haben die Groteske, das Sich-auf-den-Arm-Nehmen, im Blut, das An-den-Pranger-Stellen desjenigen, der übertreibt, der anderen etwas aufzwingt. Das wichtigste Werk unserer Kultur ist Dantes Göttliche Komödie. Eine Komödie! In Italien entstehen die Commedia dell’Arte, die lazzi (improvisierte Possen), dafür gibt es ja nicht einmal Übersetzungen. Das Volk betrachtet die Clowns als Hilfe beim Versuch, zu verstehen, zu wählen. Es wundert uns also gar nicht, dass ein Clown auf die Idee kommt, Politik zu machen.

ZEIT: Einer Ihrer Grundsätze lautet: Die Satire darf keine Regeln kennen. Kann es demokratische Politik ohne Regeln geben?

Fo: Was soll die Frage? Warum wollt ihr in allem immer etwas Trübsinniges und Ernstes sehen? Das ist diese verdammte kleinbürgerliche Ästhetik, die das Moderate heiligt.

ZEIT: Was spricht denn gegen einen moderaten Stil in der Politik?

Fo: Die Krawatte, den dunklen Anzug und das vornehme Getue haben wir bei Monti jetzt doch zur Genüge zu sehen bekommen. Und was hat uns dieser moderate Stil gebracht? Eine Nation, die am Abgrund steht, Menschen, die ihre Häuser verlieren, die nicht mehr wissen, wovon sie leben sollen. Diese gebildete und vornehme Maske dient doch nur dazu, das angerichtete Übel zu verdecken.

ZEIT: Spielt nicht gerade Beppe Grillo ein doppeltes Spiel? In seinen Verbalattacken nimmt er die Freiheit des Komikers in Anspruch. Als Peer Steinbrück aber von den italienischen Clowns sprach, warf Grillo ihm vor, "alle Italiener beleidigt" zu haben, und lobte den – zutiefst moderaten – Staatspräsidenten Napolitano für die Absage des diplomatischen Treffens.

Fo: Das stimmt. Aber warum macht er das? Auf der einen Seite gibt es einen echten Narren, das ist Berlusconi. Steinbrück zieht aber auch den anderen mit hinein, und der ist der Ausdruck einer volkstümlichen Tradition, die Respekt verdient. Beppe Grillo hat kein grundsätzliches Problem damit, ein Clown genannt zu werden, das ist schließlich sein Beruf. Auch einen Schuster einen Schuster zu nennen ist keine Beleidigung. Aber im Unterschied zu Silvio Berlusconi sorgt sich Grillo wirklich um das Überleben seines Volkes. Dieses derzeitige Herumreiten auf dem Narren, dem Clown, ist Ausdruck einer sehr niedrigen Form von Kultur. Diese Minimalkultur berücksichtigt nicht, wie wichtig die Präsenz des Hofnarren ist.

ZEIT: Empfinden Sie die Reaktionen aus dem Ausland als anmaßend?

Fo: Ihr habt eine falsche Vorstellung von unserer Kultur. Ab und zu, wenn ihr über uns redet, erinnert euch doch daran, dass wir eure Vorbilder waren. Heute ist der Italiener für euch aber nur einer, der Mandoline spielt, Pizza isst und beim Herumschlendern Frauen belästigt. Das zeigt sich gerade jetzt wieder: Da gibt es ein neues Phänomen, einen, der zur Waffe der Ironie greift, und alle regen sich über die Italiener auf. Warum regt ihr euch nicht über mich auf? Ich bin ein Narr, der den Nobelpreis gewonnen hat. Damals gab es auch hier in Italien die ganz Schlauen, die die Nase gerümpft haben. Wer aber den Kern der italienischen Kultur seit dem 16. Jahrhundert so verächtlich abtun will, ist ganz einfach nur ignorant.

Leserkommentare
  1. Dario Fo" Ein Volk ohne Gefallen an der Satire, entschuldigen Sie die Ironie, ist ein totes Volk! "

    Wenn man einen Rat geben darf: Den Satz sollte die ZEIT einrahmen und an alle Redaktionen und Zensurabteilungen verteilen.

    Es gibt aber noch was schlimmeres: Ein Volk welches die Satire nicht versteht.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Mari o
    • 14. März 2013 14:11 Uhr

    Wenn sich der lustige Club Med gegen die gründlichgrausamen Deutschen
    verbündet und sich Frankreich in seiner großen Not an Molière
    erinnert und gegen die Grimmen im Norden in Stellung bringt.
    Also ich freue mich auf die Begegnung des italienischen Präsidenten Dario Fo /Gauck.der wird verblüfft sein und krampfhaft versuchen es weg zu lächeln.aber null chance
    für alle die Dario Fo als Regisseur noch nicht kennen
    http://www.youtube.com/wa...

    • Mari o
    • 14. März 2013 14:11 Uhr

    Wenn sich der lustige Club Med gegen die gründlichgrausamen Deutschen
    verbündet und sich Frankreich in seiner großen Not an Molière
    erinnert und gegen die Grimmen im Norden in Stellung bringt.
    Also ich freue mich auf die Begegnung des italienischen Präsidenten Dario Fo /Gauck.der wird verblüfft sein und krampfhaft versuchen es weg zu lächeln.aber null chance
    für alle die Dario Fo als Regisseur noch nicht kennen
    http://www.youtube.com/wa...

    Antwort auf "100 pro"
  2. der Kern der Bewegung durch die Aussagen eines italienischen Nobelpreisträger legitimiert. Das müsste dem Deutschen doch wohl genügen!

  3. und der fantastische Dario Fo ist der lebende Beweis.

    Pasquino steht mitten in Rom in der Nähe der Piazza Navona und ist die einzige sprechende Statue der Stadt. Seit dem 15. Jahrhundert kleben die Bürger Roms ihre Spottverse an seinen Sockel. Zielgruppe waren Adel, Päpste bis zu den moderne Regierungsvertretern. Nach einer Zeit des Schweigens begannen die Römer 1938 wieder Zettel an die Statue zu heften. Anlass war der Besuch Hitlers in Rom. Seither schwieg Pasquino nicht mehr. Bevorzugtes Ziel der Spötter war in jüngster Zeit Silvio Berlusconi. Nach Restaurierung im Jahr 2009/2010, bei der alle Papierschichten entfernt worden sind, versucht die Stadtverwaltung die erneute Anbringung von Spottversen zu unterbinden.

  4. ZEIT: Einer Ihrer Grundsätze lautet: Die Satire darf keine Regeln kennen. Kann es demokratische Politik ohne Regeln geben?

    Fo: Was soll die Frage? Warum wollt ihr in allem immer etwas Trübsinniges und Ernstes sehen? Das ist diese verdammte kleinbürgerliche Ästhetik, die das Moderate heiligt.

    Fo trifft den Kern.

    Nichts darf in Deutschland ohne Regel oder Gesetz von statten gehen, noch nicht mal der Tod. Nicht Menschen sind beklagenswert, sondern Regeln und Regelwerke.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    gehen einer rhetorischen Figur auf den Leim.
    Denn natürlich kann es in einer Demokratie gegenwärtiger Prägung mit Parteien, die stark widerstrebende Interessen vertreten, ohne Regeln nicht gehen.
    Daran wird auch die Satire eines Fo oder eines Grillo nichts ändern...

  5. und noch schöner war zu sehen, wie die hiesigen Medien auf jeden einzelnen Aspekt der Satire hereingefallen sind.

    Davon ab ist dies wohl die intelligenteste politische/populistische Bewegund seit langem. Überhaupt sind mir Satiriker allemal lieber, als jeder Berlusconi oder die diversen Äquivalente.

    Drittens schön, daß Dario Fo im Nebensatz klarstellt, daß auch Machiavelli seinen "Il Principe" mit satirischem und trotzigem Unterton geschrieben hat (was heutzutage leider in Vergessenheit geraten ist, weswegen der arme Machiavelli gerne fälschlicherweise kritisiert wird).

    Eins noch: wenn der Kabarettist und Satiriker Georg Schramm letztes Jahr zum Bundespräsidenten gewählt worden wäre (leider wollte er ja dann doch nicht kandidieren), und nicht ein opportunistischer Priester, wären uns vielleicht ein paar Sauereien erspart geblieben.

    Eine Leserempfehlung
    • KHans
    • 14. März 2013 15:11 Uhr

    Wir echauffieren uns über Populismus, weil unsere Über-Korrektheit nichts anders bedeutet als Kontrolle über den Diskurs.

    Die Italiener lassen sich da nicht so leicht herabdämpfen, wie wir Deutschen.

    Bei uns zählt - undreflektiert und "alternativlos" eine Art Fortsetzung des sozialistischen leninistisch-stalinistischen Geistes.

    Wo es früher hieß: "Die Partei hat immer Recht", da heißt es bei uns heute: "Der Profit hat immer recht". und "Wachstum hat immer Recht.".
    Das ist Armut im Geiste.

    Man lese im Kontext: http://www.kontextwochenz...
    oder über Grillo und die Rolle der Medien: http://www.tagesspiegel.d...

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • doof
    • 14. März 2013 15:42 Uhr

    um das Jahrhundertweltwunder ist ein wunderbares Symbol für die Verfassheit unseres politischen Systems.

    *die "Bürger" haben leider am Skript der Satire nur als Nebendarsteller resp. Statisten wirklichen Anteil.

    • doof
    • 14. März 2013 15:42 Uhr

    um das Jahrhundertweltwunder ist ein wunderbares Symbol für die Verfassheit unseres politischen Systems.

    *die "Bürger" haben leider am Skript der Satire nur als Nebendarsteller resp. Statisten wirklichen Anteil.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Italien | Silvio Berlusconi | Politik | Politikverdrossenheit | EU-Politik
Service