Der Kabarettist Gerhard Polt (Archiv) © Tobias Hase / dpa

DIE ZEIT: Herr Polt, bringt Beppe Grillo Sie zum Lachen?

Gerhard Polt: Früher musste ich über ihn lachen. Zurzeit ist er nicht so lustig. Die Schauergeschichten, die er erzählt, sind wahr. Grillo zieht daraus den Schluss, dass Italien platzen wird, dass alles in die Luft fliegt. Und er sagt das ja nicht nur so daher. Grillo hat eine Unmenge von Bloggern in ganz Italien, die zum Teil auch in den Rathäusern sitzen. Die versorgen ihn mit einer Schwemme von Informationen, wie Schindluder getrieben wird in Italien, wie Gelder verschleudert werden, wie sich Leute bereichern...

ZEIT: ...Sie haben selber seit vielen Jahren ein Ferienhaus in Italien...

Polt: ...es liegt auf halber Strecke zwischen Rom und Neapel. Terracina, 37.000 Einwohner. Dort gab es einen Bürgermeister, der 13 Jahre amtiert hat. Unter dessen Ägide sind nachweislich ungefähr 40 Millionen Euro verdampft. Verdampft! Im Jahr sind über drei Millionen verschwunden. Kein Mensch weiß, wo das Geld geblieben ist.

ZEIT: 37.000 Einwohner – überschaubar.

Polt: Richtig. Deshalb sprechen die Menschen dort auch von enigmatica, von einem Rätsel.

ZEIT: Von der Mafia spricht keiner?

Polt: Doch. Aber man müsste den Begriff Mafia zunächst präzisieren. Die Mafia ist wie eine Hydra, nicht zu fassen. Mich erinnert das Phänomen an die Schläfer. Es gibt sie in der Ärzteschaft, bei der Feuerwehr, bei der Polizei. Ganz normale Bürger mit Familien, die über Jahre nicht auffallen. Plötzlich kommt von irgendwoher ein Kommando, dann müssen die Schläfer nützlich sein. Deshalb ist es auch so schwer, an die Mafia heranzukommen. Verstehen Sie? In Terracina wurde im vergangenen Sommer ein Mann aus Neapel während seiner Ferien am Strand von elf Kugeln durchsiebt. Einfach so. Dann fuhren die weiter.

ZEIT: Italien, ein fernes Land?

Polt: Ein Land der Demütigungen, die Bewohner haben sich zu Wutbürgern entwickelt. Vor allem ist es ein zerrissenes und damit hochdramatisches Land. Es ist schwer, Italien mithilfe der Sprache einzuordnen. Man möchte dieses Lebensgefühl aufnehmen, die Verbindung zur Antike schaffen. Und dann dieser Alltag. Für die Neapolitaner und ihren Überlebenskampf habe ich einen Begriff erfunden: Ich nenne sie die Occasions-Parasiten. Menschen, die sofort zuschnappen müssen, wenn sie bestehen wollen. Es handelt sich um eine Armutskultur, ich meine das nicht zynisch, die es bei uns nicht gibt.

ZEIT: Wie wird es werden mit Italien? Kann aus der Zerstörung überhaupt etwas Neues, etwas Schönes entsteht?

Polt: Da bin ich leider nicht Prophet genug. Wie verändert sich eine Gesellschaft? Die Fragestellung ist mir zu groß. Italien hat 60 Millionen Einwohner, und die leben in so unterschiedlichen Städten wie Palermo oder Venedig – eigentlich besteht Italien aus mehreren Länder.