Erdbeben 2011Das große Aufräumen

Zwei Jahre nach dem Erdbeben: Japan leidet noch am Schock, versucht aber, die Katastrophe für einen Aufbruch zu nutzen. von 

Auffällig ist vor allem die Leere. Wer noch die Bilder einer verwüsteten Trümmerlandschaft vor Augen hat, findet zwei Jahre nach dem großen Beben vor allem: nichts. Doch davon so viel, dass es bald unheimlich wird. An manchen Küstenabschnitten fehlt einfach alles: Es gibt keine Ruinen, keine Wracks, keinen Abfall, weder Bäume noch Reisfelder, keine Menschen. Im März 2011 hatte der Tsunami die Provinz Miyagi, 400 Kilometer nördlich von Tokio, bis zu zehn Kilometer weit ins Landesinnere überspült. Als das Wasser abfloss, nahm es rund ein Drittel der zermalmten Überreste aus der Kulturlandschaft mit. Alles, was liegen blieb, wurde eingesammelt. Zurück blieb eine öde Ebene.

Es war eines der fünf stärksten je gemessenen Erdbeben. An jenem 11. März erschütterte es große Teile der japanischen Hauptinsel Honshu, ein Tsunami überschwemmte die Pazifikküste und zerstörte das Atomkraftwerk Fukushima. Während die Nuklearkatastrophe bis heute für weltweite Aufmerksamkeit sorgt und die Bilder der verheerenden Überschwemmungen noch in vielen Köpfen präsent sind, gerieten außerhalb Japans das Erdbeben und seine massiven Folgen schnell wieder in Vergessenheit. Ein Fehler. Denn aus dem Drama lässt sich Grundlegendes lernen: wie sich Menschen weltweit in erdbebengefährdeten Regionen besser auf den Ernstfall vorbereiten und wie sie mit den Folgen fertigwerden könnten.

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Nach dem Bergen der Verletzten und Toten galt es, ganze Gebirge von Schutt und Abfall zu beseitigen. In Ishinomaki, dem größten Fischereihafen der Region, haben Erdbeben und Tsunami auf einen Schlag über sechs Millionen Tonnen Müll erzeugt – so viel fällt normalerweise in 100 Jahren an. "Trotzdem entsorgen wir den Abfall nach den gleichen Standards wie immer", versichert Masashi Sayama. Als Mitarbeiter der Umweltbehörde überwacht er die Einhaltung von Recyclingquoten und Emissionsgrenzwerten bei der Abfallbeseitigung. Ein fast 100 Hektar großes, vom Tsunami verwüstetes Hafengelände ist dafür reserviert. Da hier ein Höllenlärm herrscht, schreit Sayama in ein Megafon. Dutzende Bagger schaufeln Schutt auf ratternde Förderbänder, Mahlwerke zerkleinern grobe Brocken, aus Schüttelsieben rieselt Feinschutt, riesige Magnete ziehen Eisenteile heraus. Zwei Dutzend Arbeiter sortieren per Hand den Mischabfall. Ärger machen vor allem festhängende Reste von Fischernetzen. Holz, Plastik, Eisen, Aluminium, jeder Arbeiter ist für ein anderes Material zuständig. Atemmasken schützen vor Staub, Ohrenschützer vor Lärm.


Japan nach Beben, Tsunami und GAU auf einer größeren Karte anzeigen

Rund um die Uhr sind hier zwischen 600 und 900 Menschen im Einsatz. Am Rand der Anlage qualmen fünf Müllverbrennungsanlagen. "Wir messen die Abluft, filtern die Flugasche heraus und analysieren sie", erklärt Sayama. "Kein Schadstoff soll unsere Anlage unkontrolliert verlassen."

Am Eingang warten bis zu 20 Meter hohe Berge grob vorgetrennter Materialien auf ihre Entsorgung: zerbeulte Waschmaschinen und Kühlschränke, Reifen, gestapelte Schrottautos. 21.000 waren es am Anfang. Bevor sie in die Metallpresse wandern, wird ihr einstiger Besitzer ermittelt, um Versicherungsleistungen zu klären.

Täglich gelangen 130 Lkw-Ladungen voll Abfall in die Anlage. Am Tor wird er auf Radioaktivität getestet. "Belastetes Material behandeln wir getrennt", erklärt Sayama. "Gering verstrahltes strecken wir mit unbelastetem Material, bis es die Grenzwerte unterschreitet." Das entspricht zwar den Regeln, trotzdem verweigern einige Umlandgemeinden auf ihren Deponien die Annahme der Verbrennungsrückstände. Eigentlich sollte die Entsorgung 2013 abgeschlossen und die riesige Anlage bis Ende 2014 demontiert sein. "Das könnte sich wegen der Abnahmeprobleme etwas verzögern", sagt der Umweltingenieur. "Über ein Drittel der Arbeit haben wir aber schon erledigt."

Auch den Wiederaufbau haben die Behörden in einem Zehnjahresplan akribisch geplant. Insgesamt muss die Präfektur Miyagi wirtschaftliche Schäden in Höhe eines gesamten Jahresbruttosozialprodukts verkraften. Zur Hälfte sind sie durch Zerstörung und Beschädigung von Wohngebäuden entstanden, der Rest betraf öffentliche Infrastruktur, Industrie und Landwirtschaft. Wichtigster Wirtschaftsfaktor ist die Fischerei. Aus 10.000 Schiffen und Booten bestand die Fangflotte, ein Großteil wurde vom Tsunami zerstört. Doch schon vier Monate nach dem Beben öffnete der Fischmarkt von Ishinomaki wieder, inzwischen sind bereits 6.000 Kutter im Einsatz.

Leserkommentare
  1. Ich finde interessant, dass ich nirgendwo nachlesen kann, um wie viel der Netto Strompreis in der Produktion nun steigt, wenn der GAU mit in die Kosten gerechnet wird.

    Jahrzehnte bekamen wir vorgerechnet, wie billig doch Atomstrom ist. Wie sieht das nach neuester Kalkulation in Japan aus?

    Finde auch keine Informationen von Seiten der Atomstromgegner hierzu.

    3 Leserempfehlungen
    • tz25
    • 11. März 2013 12:23 Uhr
    2. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

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    und muss vom japanischen Staat künstlich am Leben erhalten werden. Man fragt sich wieso, wo doch alles so gut gelaufen sein soll. Vermutlich alles nur eine Verschwörungstheorie der deutschen "Ökoreligiösen"...

    • ZH1006
    • 11. März 2013 12:35 Uhr

    und dabei zum Austreten von Plutonium etc. sein muss. Und dass das Meer so stark kontaminiert ist, dass der Fisch, den die "schon wieder 6000 Kutter" an Land bringen, zum allergrößten Teil wieder ins Meer geschüttet wird, da die zulässigen Höchstwerte an Strahlung weit überschritten sind, davon wird in Japan auch nicht gerne berichtet. Tepco zahlt den Fischern den Verdienstausfall, so, wie sie die Putzkommandos bezahlen, die unterwegs sind, um ein Gebeit von der Größe NRWs mit kleinen Bürstchen und Astscheren von strahlenden Partikeln zu reinigen. Kosten, die man natürlich den "billigen" Atomstrompreisen hinzurechnen muss.

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    <em>Tepco zahlt den Fischern den Verdienstausfall, so, wie sie die Putzkommandos bezahlen, die unterwegs sind, um ein Gebeit von der Größe NRWs mit kleinen Bürstchen und Astscheren von strahlenden Partikeln zu reinigen. Kosten, die man natürlich den "billigen" Atomstrompreisen hinzurechnen muss.</em>
    Nicht ganz richtig, denn Tepco wäre ohne Milliardenrettungsschirme aus Steuermitteln längst pleite und gehört inzwischen mehrheitlich der japanischen Regierung.
    http://meta.tagesschau.de/id/60879/japanische-regierung-uebernimmt-mehrh...

    De facto zahlt also der japanische Steuerzahler die Aufräumarbeiten genau so wie die Sicherung der explodierten Meiler, die sicher nicht gesunkenen Gehälter der Tepco-Manager und obendrein noch die Pro-Atom-Propaganda die schon wieder eifrigst von Industrie und gelenkter Presse dort betrieben wird.

    Egal ob ein AKW nun funktioniert oder explodiert, für die Atomindustrie ist es also immer eine Win-win-win-win-win-win-win-Situation.

    Erneuerbare Energien sind dagegen immer böse Abzocke von Müslifressern und kosten uns 1000 Fantastilliarden pro Jahr, merkt euch das liebe Kinder was die Onkels Brüderle und Altmaier euch erklären.

    • tobmat
    • 11. März 2013 15:41 Uhr

    "Noch immer wird bestritten, dass es zu Kernschmelzen gekommen

    und dabei zum Austreten von Plutonium etc. sein muss"

    Das es zu Kernschmelzen kam wird soweit ich weiß nicht bestritten. Dsa dabei allerdings Plutonium ausgetreten ist, ist mir neu. Auch bei den hohen Temperaturen eienr Kernschmelze verdampft Plutonium nicht und verbleibt damit in der Schmelze.
    In Tschernobyl lief das auf Grund das Grafitbrandes anders ab.

  2. und muss vom japanischen Staat künstlich am Leben erhalten werden. Man fragt sich wieso, wo doch alles so gut gelaufen sein soll. Vermutlich alles nur eine Verschwörungstheorie der deutschen "Ökoreligiösen"...

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    Antwort auf "[...]"
  3. <em>Tepco zahlt den Fischern den Verdienstausfall, so, wie sie die Putzkommandos bezahlen, die unterwegs sind, um ein Gebeit von der Größe NRWs mit kleinen Bürstchen und Astscheren von strahlenden Partikeln zu reinigen. Kosten, die man natürlich den "billigen" Atomstrompreisen hinzurechnen muss.</em>
    Nicht ganz richtig, denn Tepco wäre ohne Milliardenrettungsschirme aus Steuermitteln längst pleite und gehört inzwischen mehrheitlich der japanischen Regierung.
    http://meta.tagesschau.de/id/60879/japanische-regierung-uebernimmt-mehrh...

    De facto zahlt also der japanische Steuerzahler die Aufräumarbeiten genau so wie die Sicherung der explodierten Meiler, die sicher nicht gesunkenen Gehälter der Tepco-Manager und obendrein noch die Pro-Atom-Propaganda die schon wieder eifrigst von Industrie und gelenkter Presse dort betrieben wird.

    Egal ob ein AKW nun funktioniert oder explodiert, für die Atomindustrie ist es also immer eine Win-win-win-win-win-win-win-Situation.

    Erneuerbare Energien sind dagegen immer böse Abzocke von Müslifressern und kosten uns 1000 Fantastilliarden pro Jahr, merkt euch das liebe Kinder was die Onkels Brüderle und Altmaier euch erklären.

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    • ZH1006
    • 11. März 2013 13:32 Uhr

    aber, es heißt ja auch, Stuttgart 22 wird durch die Bahn gbaut, dabei ist´s der Steuerzahler, der zahlt und baut, genau so, wie es heißt, der Atomstrom ist billig. Dass der Steuerzahler Milliarden zusätzlich zur Stromrechnung aufbringen muss, um den entstehenden Atommüll zu verpacken, zu transportieren und zu lagern, und Altkraftwerke zurückzubauen, davon ist, zumindest seitens der Atomstromindustrie und der FDP, keine Rede. Die Atomstromkonzerne sind faktisch Körperschaften des öffentlichen Rechts, nicht nur in Japan und in Deutschland, sondern überall auf der Welt.

  4. der die Tsunamifolgen und die daraus erwachsenden Herausforderungen einmal *abseits* der in deutschen Köpfen so omnipräsenten Fukushima-Havarie schildert.

    Traurig, dass schon nach den ersten vier Kommentare die Debatte wieder in die alte Leier zu verfallen droht.

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    ... diejenigen, die die Triple-Katastrophe nur auf die Atomkatastrophe reduzieren und dabei den Tsunami und seine unmittelbaren Folgen ignorieren sind keinen Deut schlechter oder besser als jene, welche die Atomkatastrophe klein reden wollen.

  5. Nuklear verseuchten Boden und Gebäude kann man nicht so einfach aufräumen wie ein verschüttetes Glas Wein. Noch Jahrzehnte werden die Menschen der Region mit den Folgen leben müssen. Wie stark die sind, wird man auch dann erst feststellen (siehe Nagasaki und Hiroshima).
    Wenn ich heute höre, dass Tausende Kinder der Region schon heute Auffälligkeiten an der Schilddrüse haben (und noch nicht einmal die Hälfte ist untersucht), dann macht das wenig Hoffnung für diese und die nächsten Generationen.

    Man kann den Boden eben nicht einfach abtragen und gut ist. Außerdem, wohin will man konterminierte Erde bringen?

    2 Leserempfehlungen
    • ZH1006
    • 11. März 2013 13:32 Uhr

    aber, es heißt ja auch, Stuttgart 22 wird durch die Bahn gbaut, dabei ist´s der Steuerzahler, der zahlt und baut, genau so, wie es heißt, der Atomstrom ist billig. Dass der Steuerzahler Milliarden zusätzlich zur Stromrechnung aufbringen muss, um den entstehenden Atommüll zu verpacken, zu transportieren und zu lagern, und Altkraftwerke zurückzubauen, davon ist, zumindest seitens der Atomstromindustrie und der FDP, keine Rede. Die Atomstromkonzerne sind faktisch Körperschaften des öffentlichen Rechts, nicht nur in Japan und in Deutschland, sondern überall auf der Welt.

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