Berlin, den 28. Februar 1913. Im Preußischen Kriegsministerium an der Leipziger Straße wird die neue Heeresvorlage fertiggestellt. Drei Tage später genehmigt Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg den Entwurf. Die Vorlage fordert, die Armee um weit mehr als hunderttausend Mann zu verstärken. Es ist das größte Aufrüstungsprogramm, das es seit 1871 gegeben hat. Doch weder Kriegsminister Josias von Heeringen – ein gebürtiger Hesse – noch Generalstabschef Helmuth von Moltke (der Jüngere), die in den Wochen zuvor heftig gestritten haben, sind zufrieden: Dem Kriegsminister geht die Vorlage viel zu weit, dem Generalstabschef nicht weit genug.

Das Militärsystem des Kaiserreichs ist, man kann es nicht anders sagen, eher chaotisch. Es gibt weder einen Reichskriegsminister noch einen Reichsgeneralstab, sondern nur den Preußischen Kriegsminister und den Preußischen Generalstab. Beide sind aber für die gesamte Armee des Reiches, nicht nur für deren preußisches Kontingent zuständig. Der Preußische Kriegsminister ist für die Verwaltung der Armee, ihre Bewaffnung und Organisation verantwortlich; auf die Planung des Generalstabs hingegen hat er keinen Einfluss.

Ein drittes "Entscheidungszentrum" ist das Militärkabinett des Kaisers und preußischen Königs. Es übt starken Einfluss auf die Personalangelegenheiten aus. Oberste Instanz in allen Fragen des Militärs bleibt Kaiser Wilhelm II. Leider zeigt Seine Majestät sich zunehmend unfähig, die Tätigkeit seiner drei Entscheidungszentren zu koordinieren.

Am 8. Oktober 1912 begann der erste Balkankrieg. Das Osmanische Reich, das dem deutschen Kaiserreich nahestand, wurde rasch besiegt; die von Russland ermunterten Balkanstaaten erstarkten. Künftig, so stand nun fest, würde das mit Deutschland verbündete Österreich-Ungarn im Kriegsfall einen Teil seiner Armee gegen Serbien einsetzen müssen. Die Mächtebalance in Europa hatte sich zum Nachteil des deutsch-österreichischen Blocks verschoben.

Der Kaiser war beunruhigt. Am 13. Oktober fand in seinem Jagdschloss Hubertusstock bei Berlin eine Besprechung zwischen Reichsregierung und Militärführung statt. Wilhelm forderte eine Verstärkung der Armee, doch Kriegsminister Heeringen und Generalstabschef Moltke wandten sich dagegen.

Das Einvernehmen zwischen Moltke und Heeringen hielt nur einen Tag. Bereits am 14. Oktober verlangte nun auch der Generalstabschef in einer Denkschrift eine erhebliche Vergrößerung des Heeres. Moltke hatte das Schreiben unterzeichnet – verfasst aber hatte es der Obrist Erich Ludendorff: der Mann, der dann im Ersten Weltkrieg zum faktischen Oberbefehlshaber der Armee aufsteigen und nahezu die Machtfülle eines Militärdiktators erlangen sollte.

Ludendorff war wenige Jahre zuvor zum Chef der Aufmarschabteilung des Generalstabs ernannt worden. Sie hatte die Aufgabe, die Mobilmachungs- und Operationspläne auszuarbeiten und zu aktualisieren. Ludendorff kannte somit den streng geheimen Schlieffenplan.

Dieser von Moltkes Vorgänger Alfred von Schlieffen 1905 präsentierte Plan sah vor: Im Falle eines Zweifrontenkrieges gegen Frankreich und Russland sollte die Masse der deutschen Armee – völkerrechtswidrig – durch die neutralen Länder Belgien, Holland und Luxemburg hindurch in Frankreich eindringen, bis nach Paris vorstoßen, um Paris herum nach Süden und Osten schwenken und die gesamte französische Armee in einer gigantischen Kesselschlacht vernichten. Der ganze Feldzug sollte nur sechs Wochen dauern. Der Plan war letztlich unrealistisch. Schlieffen unterschätzte die Kampfkraft der französischen Armee und überschätzte die möglichen Marschleistungen der deutschen Truppen. Auch war der Plan weder mit der eigenen Marine noch mit der Militärführung des verbündeten Österreich-Ungarn abgestimmt.

Ludendorff begriff: Wenn der Plan überhaupt eine Erfolgschance haben sollte, dann nur bei einer enormen Verstärkung des Heeres. Die Bedenken der konservativen Militärs um Heeringen erschienen ihm zweitrangig.

Der entschlossene Ludendorff war sich der Unterstützung durch die Nationalisten gewiss. Auch rechtsradikale Kreise um den Alldeutschen Verband und den Deutschen Wehrverein sowie pensionierte Militärs wie General Friedrich von Bernhardi forderten eine massive Aufrüstung. Mehr oder minder offen propagierten sie alle den Angriffskrieg. Direkte Kontakte Ludendorffs zu diesen Kreisen sind zwar nicht nachzuweisen, in dem Ziel aber, gegen die konservativen Militärs einen Rüstungsschub durchzusetzen, stimmte er mit ihnen überein.