Zehn Tage nachdem Jason Russell das größte politische Video aller Zeiten veröffentlicht hat, hetzt er nackt durch die Straßen von San Diego und hämmert seine Unterarme auf die Pflastersteine. Er glaubt, er müsse sofort nach New York reisen, sonst würde er den Kampf seines Lebens verlieren. Den Kampf gegen Joseph Kony, den ugandischen Kriegsherrn. Er stößt einen Fluch nach dem anderen aus, bis ihn Polizisten abführen. Es ist der 15. März 2012.

Ein Jahr später sitzt Russell in seinem Büro in San Diego und spricht von sich wie von einer Filmfigur. Auf dem Fenstersims steht ein gerahmtes Cover des Time-Magazins, dessen Titelgeschichte von Russells Videoclip Kony2012 handelt. Der Film zeigt Russell mit ugandischen Flüchtlingskindern und zu Hause in Amerika mit seinem kleinen Sohn. Der 30-minütige Clip sollte Kony weltweit bekannt machen, um Druck auf die amerikanische Regierung auszuüben. Er verbreitete sich auf YouTube wie ein Waldbrand, allein in der ersten Woche sahen ihn 100 Millionen Menschen. Jason Russell wurde über Nacht weltberühmt, die wichtigsten Medien wollten mit ihm reden, der Popstar Bono hätte ihm am liebsten einen Oscar zuerkannt. Russell gab ein Interview nach dem anderen, er konnte vor Erschöpfung nicht mehr schlafen, seine Gedanken kreisten nur noch um Kony.

»Ich wollte nicht einsehen, dass ich ein Problem habe«, sagt er heute. »Ich dachte wirklich, ich sei etwas Besonderes.« Er schaut an die Decke und lacht auf. Anfangs hat er den Hype als seine große Chance empfunden. Nach all den Jahren humanitärer Arbeit gegen Kony hörten ihm die Menschen endlich zu. Russell gefiel sich in der Rolle des Helden, aber als die Menschen begannen, ihn zu kritisieren, wurde ihm die Rolle zu viel. Nach seinem Nervenzusammenbruch hat er fast zwei Monate in zwei Psychiatrien verbracht, noch immer nimmt er Medikamente. Eine richtige Diagnose hat er nie bekommen, die Ärzte vermuteten eine posttraumatische Belastungsstörung.

Invisible Children

Russell ist 34 Jahre alt, ein Surfertyp, der sich einen dunklen Anzug und eine rosa Krawatte angezogen hat. Die Haare hat er mit viel Gel zur Seite gescheitelt. Er ist in einer religiösen Familie aufgewachsen, seine Eltern betrieben ein christliches Jugendtheater. Als Kind ist er oft bei ihnen aufgetreten, später wollte er Regisseur werden und Musicals für Hollywood drehen. Als Jugendlicher nahm er sich einen Journalisten zum Vorbild, dessen Erzählungen über Afrika in Russell eine Sehnsucht nach Abenteuer weckten.

Er zieht ein Reisetagebuch aus seinem Regal und schlägt eine Seite auf, die mit Erde beschmiert ist. »Aus dem Sudan«, sagt er stolz. Er hat den Kontinent als 21-Jähriger mit einer christlichen Mission zum ersten Mal bereist, mochte die Gruppe aber nicht. Vor neun Jahren hat er die Hilfsorganisation Invisible Children gegründet und so seinen Lebensstil zu einem Job gemacht. Seitdem reist er um die Welt, dreht Filme, sammelt Spenden und spricht mit Jugendlichen.

Über seinem Schreibtisch hängt eine Flagge der Vereinigten Staaten, darunter eine Urkunde: »Diese Flagge wurde am 22.06.2009 für Jason Russell, Bobby Bailey und Lauren Pool über dem Kapitol gehisst, um ihre Verdienste in Nord-Uganda zu ehren.« Zehn Jahre ist es her, dass Russell nach Uganda reiste und ein Versprechen gab, das sein Leben seitdem bestimmt. Er hatte sich dort mit einem Jungen angefreundet, der ansehen musste, wie sein Bruder von Konys Rebellen ermordet wurde. Russell hat ihm versprochen, Kony aufzuhalten.

"Radical Russell"

Seitdem beschäftigt er sich mit nichts anderem. Aus seiner Kindheit hat er den Spitznamen »Radical Russell«, und obwohl er sich darüber lustig macht, mag er das Prinzip: »Nur wer radikal ist, verändert etwas in der Welt.« Und nur wer sich fokussiert, ist radikal. Andere Themen als Kony interessieren ihn wenig: Russell weiß nicht, dass das amerikanische Terrorgefängnis Guantánamo immer noch nicht geschlossen ist.

Was wäre ihm wichtiger: Sauberes Trinkwasser für ganz Afrika oder die Festnahme von Kony? Russell überlegt lange. Dann sagt er: »Ich kann mich nicht entscheiden.«

Er hat seine persönliche Mission zu der Frage überhöht, ob so etwas wie internationale Gerechtigkeit möglich ist: Es gibt da jemanden, der herumzieht und Verbrechen begeht. Das darf nicht sein. Das muss die Welt verhindern. Kony, das ist für ihn der Konflikt aller Konflikte – weil er so einfach ist. »Das ist für die Menschheit so, wie einem Kind eins plus eins beizubringen«, sagt er. »Frieden im Nahen Osten zum Beispiel, das ist kompliziert, da gibt es viele Ebenen. Aber Kony hat Frauen Nasen und Münder abgeschnitten und Kinder gezwungen, ihre Eltern zu töten. Er hat Jungen zu Soldaten gemacht und Mädchen zu Sexsklaven.« Russel lehnt sich vor und klopft mit der Hand auf den Tisch. »Kony vor Gericht zu stellen, das ist eins plus eins. Das müssen wir schaffen.«