KunstmarktZu teuer für ein Museum?

Nur alle Jubeljahre gelangen Werke von Leonardo da Vinci auf den Kunstmarkt. Doch jetzt sucht ein Gemälde seinen Käufer. von Stefan Koldehoff

Wenn schon mal ein Gemälde von Leonardo da Vinci zum Kauf angeboten wird, sollte man als Museumsdirektor eigentlich sofort zuschlagen. So oft passiert das nämlich nicht – weil es nur 15 ganz oder teilweise eigenhändige Bilder des Renaissancemeisters gibt. Und die befinden sich fast ausnahmslos in öffentlichen Museen. Der letzte Museumsmann, der das Glück hatte, doch noch ein neues Leonardo-Gemälde zu entdecken, war der deutschstämmige Maler Ernst von Liphart. Im Sommer 1909 besuchte er als kaiserlicher Museumsarchivar in Diensten des russischen Zaren in St. Petersburg eine Ausstellung mit Kunstwerken aus Privatbesitz. Eine offensichtlich nicht ganz vollendete Madonna mit Kind vor einem Fenster hing dort an einer Wand – ohne Zuschreibung an einen Künstler. Liphart recherchierte, veröffentlichte das Gemälde noch im selben Jahr als Leonardo-Werk und überzeugte 1914 seinen Dienstherren, Zar Nikolaus II., es für die Eremitage zu kaufen. Die rund 1,5 Millionen Dollar, die der Regent dafür an die russische Frau des Malers Leonti Nikolajewitsch Benois überweisen ließ, waren damals der höchste Betrag, der jemals für ein Kunstwerk bezahlt worden war.

An Leonardos Rekordpotenzial hat sich in den vergangenen 100 Jahren nichts verändert. Nur ein einziger Verkauf eines weiteren Leonardo-Gemäldes ist in der Zwischenzeit bekannt geworden. Nanne Dekking, Vizepräsident der New Yorker Galerie Wildenstein, gilt als der Mann, der Ende der 1990er Jahre eine von zwei Fassungen der Madonna mit der Spindel an einen Privatsammler verkauft hat. Der Preis wurde nie bekannt, dürfte aber im dreistelligen Millionenbereich gelegen haben. Zusammen mit der anderen Fassung im Besitz des Duke of Buccleuch in Schottland waren die beiden Spindel-Madonnen lange Zeit die letzten Leonardo-Gemälde in Privatbesitz. Bis vor zwei Jahren der New Yorker Händler Robert Simon die Kunstwelt mit der Nachricht elektrisierte, es gebe ein weiteres Bild. Die 66 mal 47 Zentimeter große Holztafel zeigt Jesus Christus in der klassischen Pose des Salvator Mundi, des Retters der Welt. Dass es eine solche Darstellung von der Hand Leonardos geben musste, war der kunsthistorischen Forschung seit fast vier Jahrhunderten bekannt. Schon um 1650 hatte der böhmische Zeichner und Grafiker Wenzel Hollar ein Gemälde in Kupfer gestochen, das er als Salvator Mundi nach Leonardo da Vinci bezeichnet hatte. Die Übereinstimmungen zwischen Stich und Gemälde sind frappierend – bis hin zu den Lichtreflexen im lockigen Haar und dem Faltenwurf des Gewandes. Lediglich im Gesicht unterscheiden sich die Darstellungen. Auf dem Gemälde wirkt Christus schlanker und jünger.

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Das Bild, das 1958 bei Sotheby’s noch als Kopie nach einem Gemälde von Leonardos Schüler Giovanni Antonio Boltraffio für 45 Pfund den Besitzer gewechselt hatte, wurde in New York, Boston und London von den maßgeblichen Experten stilkritisch, materialtechnisch und hinsichtlich seiner Provenienz untersucht. Einige Kunsthistoriker zweifeln noch immer an der Eigenhändigkeit, doch als auch Martin Kemp, seit mehr als vier Jahrzehnten der Doyen der Leonardo-Forschung, den Daumen hob, hing das Bild Anfang 2012 in der großen Leonardo-Ausstellung der National Gallery in London erstmals als Original an der Wand. Seither suchen seine Besitzer – eine Gruppe von Kunsthändlern um den Altmeister-Galeristen Robert Simon im 800-Einwohner-Nest Tuxedo Park im Staat New York – nach einem Käufer für den Salvator Mundi.

Zunächst sah es so aus, als würde eine Gruppe von Sponsoren das Bild für das Dallas Museum of Art kaufen. Direktor Maxwell Anderson, gerade erst nach Texas gekommen, suchte zum Amtsantritt ein destination painting: ein Werk, das – wie Munchs Schrei im MoMA – die Menschen in Scharen nach Texas strömen lässt. Zwar wurde das Bild nach der Londoner Ausstellung nach Dallas gebracht; die kolportierte Preisforderung von angeblich 200 Millionen Dollar war dann aber doch zu hoch – ein Ankauf kam nicht zustande. »Der Leonardo hätte in Dallas auch ein reichlich einsames Dasein gefristet«, kommentiert der New Yorker Galerist Richard Feigen. »Dort hätte das künstlerische Umfeld gefehlt.«

»Natürlich würde der Salvator Mundi hervorragend in ein deutsches Museum passen«, weiß Robert Simon, bestätigt aber auf Anfrage auch, dass sich bislang keines bei ihm gemeldet hat. »In den vergangenen Jahren gab es nur sehr wenige Ankäufe von bedeutenden Altmeister-Gemälden durch deutsche Museen. Und, ganz offen: Ich glaube bei den heutigen ökonomischen Rahmenbedingungen wäre es für ein Haus in Ihrem Land sehr schwer, sowohl die öffentliche Unterstützung als auch die Mittel für den Ankauf des Leonardo-Bildes zu organisieren – von der Summe mal ganz abgesehen. Ich vermute, in Deutschland müsste es dafür einen sehr reichen Menschen mit Sinn für die Öffentlichkeit geben.«

Dass es solche Reichen auch hier gibt, zeigte im Juli 2011 der Fall der Darmstädter Madonna von Hans Holbein, die als Leihgabe des Fürstenhauses Hessen seit 1965 im Schlossmuseum Darmstadt und ab 2004 im Frankfurter Städel zu sehen war. Als die Hessische Hausstiftung ankündigte, das mit Ausfuhrverbot belegte Gemälde verkaufen zu wollen, scheiterten die Verhandlungen, obwohl der Staat 40 Millionen Euro geboten hatte. Der Schraubenunternehmer Reinhold Würth bot mehr und stellte das epochale Werk wieder der Öffentlichkeit zur Verfügung – allerdings nicht mehr im Städel: Seit Januar 2012 hängt das Gemälde, das angeblich 55 Millionen Euro gekostet hat, in einer Dependance der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall.

Leonardos Salvator Mundi ist unterdessen aus Dallas wieder nach New York zurückgekehrt. Aktive Verkaufsbemühungen gebe es zurzeit nicht, sagt Robert Simon. Der Erscheinungstermin eines Buches über das Gemälde und seine Geschichte, das das Dallas Museum of Art zum Ankauf herausgeben wollte und für das Martin Kemp den zentralen Aufsatz geschrieben hat, wurde vorerst allerdings verschoben. Ziel der Eigentümer sei es, das Gemälde in einer öffentlichen Sammlung unterzubringen. Einfach wird das nicht: Als im Juli 2001 bei Christie’s in London das letzte bedeutende Leonardo-Blatt, eine nur dreizehn mal acht Zentimeter große Reiterzeichnung, angeboten wurde, war sie einem Sammler 7,4 Millionen Pfund wert. Eingeliefert hatte das Blatt – eine Studie für die Anbetung der Könige – die Familie des ehemaligen Direktors der National Gallery of Art in Washington, J. Carter Brown. Laut Presseberichten hat schon damals in London weder ein deutsches Museum noch ein anderes in der Welt mitgeboten.

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