Gibt es ihn also doch? Gibt es bei den Linken einen »primären Judenhass« – ein stählernes Gerippe des Antisemitismus, dem die Kapitalismuskritik dann übergestreift wird wie ein Tarnanzug? Der Streit über linken Antisemitismus ist alt, und Wolfgang Kraushaar hat ihn mit seinem Buch über den Anschlag auf die Israelitische Kultusgemeinde in München neu entfacht. Für Kraushaar steht fest: Der Anschlag, bei dem 1970 sieben Holocaust-Überlebende starben, wurde von Linken verübt, und sein Motiv war Judenhass.

In der Tat, nach linkem Antisemitismus muss man nicht lange suchen. In der Antiglobalisierungsbewegung Attac fand sich die Karikatur eines fetten Kapitalisten, der einen abgemagerten blonden Arbeiter in Zinsknechtschaft nimmt. Oder dies: Bei einer Tagung des IWF vollführten linke Aktivisten unter den Masken von Donald Rumsfeld und dem israelischen Ministerpräsidenten Scharon einen Tanz ums Goldene Kalb. In Hamburg verhinderten »Antizionisten« gewaltsam eine Aufführung von Claude Lanzmanns Israel-Film. Und wenn Abgeordnete der Partei Die Linke im Bundestag über Israel reden, dann bekommt ihre Tonlage oft genug etwas affektiv Feindseliges, ganz so, als ginge der DDR-Kommando-Antizionismus mit der dumpfen Israelverachtung alter BRD-Linker eine schlagende Verbindung ein.

Dass es in Deutschland Judenfeindlichkeit gibt – an diesen Skandal hat man sich gewöhnt, er gehört zur neuen politischen Normalität, und selbst unter den bürgerlichen Eliten ist er zu Hause. Aber »linker Antisemitismus«? Besitzen Linke nicht eine hochgradige moralische Empfindsamkeit, ein untrügliches Gespür für Ausgrenzung und Verfolgung? Wie konnte ein linker Antisemitismus entstehen, der im »Zionismus den Feind der Menschheit« sieht? Wie konnte die RAF nach der Geiselnahme der israelischen Olympiamannschaft mit unüberbietbarer Niedertracht diesen Satz in eine »Strategieschrift« meißeln: »Israels Nazi-Faschismus verheizt seine Sportler wie die Nazis die Juden – Brennmaterial für die imperialistische Ausrottungspolitik.« Oder mit Joschka Fischer gefragt: Warum landeten »jene, die mit der Abkehr von der Elterngeneration als Antifaschisten begonnen hatten«, bei der judenfeindlichen »Sprache des Nationalsozialismus«?

Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik ist als einer der Ersten den Wurzeln des linken Antisemitismus nachgegangen, sie reichen zurück ins 19. Jahrhundert, zurück zu den Frühsozialisten, zum Beispiel zu Louis-Auguste Blanqui (1805 bis 1881). Blanqui war ein revolutionärer Feuerkopf, er kämpfte gegen »industriellen Feudalismus« und für die Gleichheit aller. Doch mit Unterscheidungen hielt er sich nicht lange auf; Kapitalismus und Judentum waren für ihn ein und dasselbe, und in den Bankiers Rothschild sah er die »Thronbesteigung der Juden«. Blanqui: »Die Semiten sind der Schatten auf dem Gemälde der Zivilisation, der böse Geist der Erde. All ihre Geschenke sind die Pest. Sie sind eine minderwertige Rasse.«

Schon Saint Simon, der Gottvater der Frühsozialisten (1760 bis 1825), hatte dem christlichen Antijudaismus einen linken Anstrich gegeben, er betrachtete »die Juden« als »Inbegriff der Geldwirtschaft«. Auch beim Anarchisten Bakunin (1814 bis 1876) wanderte das Hassmotiv von rechts nach links, »die ganze jüdische Welt« war ihm eine »ausbeuterische Sekte, ein Blutegelvolk, das einen einzigen fressenden Parasiten bildet, eng und intim nicht nur über die Staatsgrenzen hinweg«. Von Pierre-Joseph Proudhon (»Eigentum ist Diebstahl«) schweigt man besser, denn von ihm überliefert Brumlik diesen Satz: »Der Jude ist der Feind der Menschengattung. Man muss diese Rasse nach Asien zurückschicken oder sie ausrotten, sei es durch das Eisen, durch das Einschmelzen oder durch die Vertreibung.« Kein Zufall, dass ihr Judenhass viele Linke um 1900 an die Seite der französischen Rechten führte – im Kampf gegen »Geld«, »Liberalismus« und »Parlamentarismus«.

Man muss hier einen Sprung machen, man kann den stalinistischen Antisemitismus (»wurzellose Kosmopoliten«) nur erwähnen, auch den verordneten Antizionismus in der DDR. Interessant ist die Israel-Begeisterung der Neuen Linken in der frühen Bundesrepublik. Sie suchte eine neue politische Identität, sie war historisch aufgeklärt und liebäugelte mit dem Kibbuz-Sozialismus. Bewusst oder unbewusst hatten die Kinder der NS-Täter die Schuld ihrer Eltern übernommen, und mit diesem negativen Gefühlserbe im Gepäck fuhren sie nach Israel, wurden Kibbuzim, glaubten an Wiedergutmachung und hofften, im Land der Holocaust-Überlebenden werde ein doppelter Traum in Erfüllung gehen: der Traum vom Sozialismus und die Befreiung vom Alb deutscher Vergangenheit.