PanamaSchokolade über alles

In Panama werden viele Indianer erstaunlich alt. Dafür gibt es drei Gründe: Kakao zum Frühstück, Kakao zum Mittagessen, Kakao zum Abendbrot. Angeblich kochen sie sogar damit. von Karin Ceballos Betancur

Die flüssige Schokolade

Die flüssige Schokolade  |  © Karin Ceballos Betancur für DIE ZEIT

Viele Reisen beginnen ja mit dem Wunsch, den eigenen Fantasien und Vorstellungen auf den Grund zu gehen. Ist Machu Picchu genauso magisch, wie es auf Postkarten aussieht? (Nein, viel magischer.) Schläft New York tatsächlich nie? (Doch.) Amüsiert sich auf der Reeperbahn echt jeder, jedenfalls nachts um halb eins? (Geht so.)

In einer Reportage über Panama hatte ich gelesen, die indigene Bevölkerung des Landes werde unter anderem deshalb überdurchschnittlich alt, weil es dort Brauch sei, große Mengen ungesüßten Kakaos zu sich zu nehmen, was Blutdruck und Cholesterinspiegel senke. Zu lesen war außerdem der Satz: "Kuna-Indianer kochen alles mit Schokolade." Eine großartige Vorstellung! Was Europäern das Salz in der Suppe ist, soll einem karibischen Inselvolk der Kakao auf der Languste sein? Ihre Heimat, Kuna Yala: ein Land, in dem vielleicht weder Milch noch Honig, dafür aber fette Schokoladenströme fließen? Und: Wenn der Kuna-Koch verliebt ist, schmeckt der Salat dann irre doll nach Kakao? Das sind so Fragen, die einen jahrelang beschäftigen. Bis man es irgendwann genau wissen will.

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Die Suche nach Antworten muss in Bocas del Toro beginnen. Die Provinz im Nordwesten Panamas ist eines der größten Kakaoanbaugebiete des Landes. Zu dessen geografischen Eigenwilligkeiten gehört, dass es sich wie ein Limbotänzer zwischen Costa Rica und Kolumbien wirft, wodurch die Karibik im Norden und der Pazifik im Süden liegt. Das ist am Anfang irritierend, aber nicht zu ändern.

Noch vor zehn Jahren war die winzige Provinzhauptstadt auf der Isla Colón ein Geheimtipp unter Surfern – der Riffs und wilden Wellen wegen, die azur-, türkis- und erbsengrün vor den Küsten brechen. Mittlerweile säumen Hostels und Supermärkte die Hauptstraße, die mit dem schlichten Namen "3" auskommt. Bocas’ Soundtrack, das sind ein polyglotter Sprachgesang mit englischem Refrain in den Straßen, der Beat der Flipflopträger, die durch luftfeuchte Nachmittage schlappen, und die Motorbässe der Ausflugsboote, die die Traveller auf die zahllosen weißen Strände des Archipels verteilen.

Im Gourmetladen am Hafen verkaufen sie organischen Kakao als Bohnen, Barren und gemahlen, abgepackt in braune Papiertütchen, so frisch und naturbelassen, dass er kaum länger hält als eine Schicht Urlaubsbräune. Aber was soll eine kulinarisch unbedarfte, nesquiksozialisierte Gringa damit anfangen? Ich brauche Unterweisung.

Während der Überfahrt zur Nachbarinsel Bastimentos senken sich die grauen Wolken am Himmel tief über das Meer. Am Ufer zwinkern pastellgrelle Anwesen aus schwarzgrünen Wäldern: Viele der Ausländer in Bocas kommen längst, um zu bleiben. Als warmer Regen aus den Wolken bricht, reicht mir der Bootsfahrer eine ölige Plastikplane nach vorne. Für den Rest der Fahrt heftet sich der Windschutz dicht an mein Gesicht, und das Panorama schmiert ab zum grüngrauen Balken. Was tut man nicht alles für eine Tasse Gesundheitsboost.

Am Steg erwartet mich Rutilio Milton, stämmig und barfüßig – der Kazike der über die Hügel von Bastimentos verstreuten Gemeinde Bahia Honda, man könnte auch sagen: ihr Bürgermeister. Vor sieben Jahren haben sie am Ufer ein Restaurant gebaut. Der Tourismus soll sich auch für seine Leute, die Ngobe-Indianer, lohnen. Früher, sagt Rutilio, habe er vom Fischfang gelebt. "Inzwischen gibt es hier kaum noch Langusten, weil zu viel gefischt wird" – Hotels leeren die Fanggründe für ihre Gäste. Selbst der Tintenfisch werde knapp. Und Kakao, sagt Rutilio, für Kakao sei gerade ein ganz schlechter Moment. Sie hätten selbst nur noch ein paar Bohnen vom letzten Jahr übrig.

Um mir zu zeigen, warum das so ist, biegen wir kurz darauf mit dem Kanu in einen Kanal, der sich durch Mangrovendickicht windet. Es knistert und knackt und zwitschert und tropft, während der Motor leise blubbert, um die Natur nicht beim Dasein zu stören. Bromelien leuchten, Grillen zirpen, Sonnenstrahlen fallen durch die Baumkronen, irgendetwas, das man nie zu sehen kriegt, malt Kreise auf das braune Wasser. Es riecht nach Wiederauferstehung.

An einer Lichtung steigen wir aus, stapfen in Gummistiefeln über den feuchten Urwaldboden, schrecken Pfeilgiftfrösche auf, die – daumennagelgroß und erdbeerrot – im morschen Dickicht verschwinden. An einer Biegung des Wegs streckt Rutilio den Finger aus und zeigt auf einen niedrigen, knorrigen Baum, der schwarze, am Zweig verrottete Früchte trägt. "Monilia", sagt Rutilio: "Seit Anfang der achtziger Jahre macht uns der Pilz die Kakaobäume kaputt." Die Familie, die die Plantage einst angepflanzt hat, habe aufgegeben und lebe inzwischen von den vier Dollar Eintritt, die Touristen für die nahe gelegene Fledermaushöhle zahlen.

Leserkommentare
    • schokk
    • 14. März 2013 9:46 Uhr

    Schokolade aus Panama, das ist bei uns noch gar nicht richtig bekannt. Gerade vor Kurzem erschien schon ein Artikel auf Chclt.net dazu: http://de.chclt.net/schokolade/duffys-panama-tierra-oscura-72/ Die dort getestete Schokolade stammt ebenfalls Bocas del Toro. Scheint, als steckte in dem Kakao aus Panama eine Menge Potential für feine Schokolade!

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    Muss der Europäer auch wirklich ALLES importieren, was man essen kann?
    Möcht gar net dran denken, wie viel Essen weggeworfen wird in den westlichen Zivilisationen. Das ganze ist ja auch Konsum.

    Viele Schokoladensorten die hier "designed" werden, schmecken ja nicht einmal richtig gut und sind meistens voll mit Zucker oder Milch.

  1. Toast mit Dosenwurst und Käse? Da lobe ich mir doch fangfrischen Fisch mit Reis, der in Kokosmilch gekocht wurde. Lecker, auch ohne Schokolade. Offenbar hatten wir mehr Glück mit unserer Unterkunft dort.

    • Lyaran
    • 18. März 2013 8:29 Uhr

    Also ich wurde letztens von einem mexikanischen Bekannten zum Essen eingeladen. Es gab Huhn mit einer Chilli-Kakao Soße. Sehr lecker! Also wahrscheinlich einfach im falschen Land gewesen. Gekocht wird mit Kakao aber durchaus.

    Eine Leserempfehlung
  2. ... die hier übliche 30-prozentige Vollmilchschokolade in den lila-Verpackungen.

    Der Artikel ist genau so fundiert geschrieben, wie man es von einer "unbedarften, nesquiksozialisierten Gringa" erwartet. Pro7-Niveau ! Schade um die Zeit des Lesens. Aus der Überschrift und dem Thema hätte man etwas machen können !

    6 Leserempfehlungen
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    • KBV
    • 18. März 2013 14:48 Uhr

    Der Artikel ist gut und unterhaltsam geschrieben, trotzdem kann ich die Kritik von Sunstreet in gewissem Maß nachvollziehen.

    Allerdings stört mich die Aufmachung und der Bezug wiedre einmal zu Ernährung und Gesundheit.
    Wir haben die besten Lebensmittel in der Menschheitsgeschichte!
    Das ist unserer Gesellschaft leider nicht bewusst, da die leidigen Skandale immer alles überschatten und von dem Medien in den Vordergrund gespielt werden!
    Dazu kommen ständige Diäten und Ernährungsmythen (esse das und Du wirst gesund) von selbsternannten Gurus, die sich nach einer Weile dann mal wieder als Humbug erweisen. Dann sind aber die Bücher und die Präparate schon verkauft, der Verbraucher um den nächsten Vertrauensverlust reicher und die Bahn frei für das nächste Ernährungsthema .... der nächste Journalist treibt die nächste Sau durchs Dorf.
    In dieser Hinsicht wünsche ich mir von Journalisten weniger Ernährungsmythen, mehr fundiertes wissenschaftliches Verständnis und weniger Gier nach Sensationen und Schlagzeilen.

    • Iktomi
    • 18. März 2013 16:37 Uhr

    wenn Sie es so viel besser wissen.

    • knaak
    • 19. März 2013 13:59 Uhr

    Also, ganz ehrlich, mir hat der Artikel auch nicht gefallen. Er wirkte streckenweise sehr angestrengt (die Schlange hat die Haut vergessen?), schlecht recherchiert, und etwas schlampig, wo Anglizismen grundlos verwendet werden, weil man keine Lust hatte, über das deutsche Wort nachzudenken. Aber vielleicht ist die Autorin ja noch am Anfang ihrer Karriere, das wird also schon noch. Ein gewisser Schwung und Begeisterung ist ihr ja nicht abzusprechen.

  3. Und gern gelesen. Vielen Dank.

    (Liebe ZEIT - hier fehlt ein like-Button!)

    3 Leserempfehlungen
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    Schade das die Kuna ihre mit Kakao zusätzlich gewonnenne Lebensjahre etwa doppelt so häufig mit einer HIV infektion zerstören, als die restliche erwachsene Bevölkerung Panamas.

    und das gilt doppelt, solange ihm kein "dislike"-Button beigestellt wird.

    Es verwirrt die Gleichsetzung von Kakao mit Schokolade.
    ....Und alles mit viel Schokolade!" Der Haken eines Fragezeichens zieht ihre Stirn in Falten. "Ihr kocht doch hier alles mit Kakao?" Sie schweigt. Und schüttelt den Kopf. "Aber die Großeltern, vielleicht haben die noch alles mit Schokolade...?" ....

  4. Schade das die Kuna ihre mit Kakao zusätzlich gewonnenne Lebensjahre etwa doppelt so häufig mit einer HIV infektion zerstören, als die restliche erwachsene Bevölkerung Panamas.

    Antwort auf "Toll geschrieben!"
  5. Herrlicher Artikel! Wunderbar leicht und mit einem Schmunzeln zu lesen... Ich überlege mir direkt, ein Abonnement abzuschliessen, allein für die Möglichkeit, dann öfter etwas von Frau Betancur zu lesen.

    Ach @sunstreet50: ihre Kritik ist genauso fundiert geschrieben, wie man es von einem moralinsauren Besserwisser erwarten kann. Ohne wirklichen Mehrwert...

    7 Leserempfehlungen
  6. könnte auf die Liste zum Wort des Jahres.
    Auch sonst ein sehr schön geschriebener Artikel. Lassen Sie sich die Erzählperspektive, die mit eigenen Schwächen offen umgeht, nicht durch die Besserwisser vermiesen.

    4 Leserempfehlungen

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