Viele Reisen beginnen ja mit dem Wunsch, den eigenen Fantasien und Vorstellungen auf den Grund zu gehen. Ist Machu Picchu genauso magisch, wie es auf Postkarten aussieht? (Nein, viel magischer.) Schläft New York tatsächlich nie? (Doch.) Amüsiert sich auf der Reeperbahn echt jeder, jedenfalls nachts um halb eins? (Geht so.)

In einer Reportage über Panama hatte ich gelesen, die indigene Bevölkerung des Landes werde unter anderem deshalb überdurchschnittlich alt, weil es dort Brauch sei, große Mengen ungesüßten Kakaos zu sich zu nehmen, was Blutdruck und Cholesterinspiegel senke. Zu lesen war außerdem der Satz: "Kuna-Indianer kochen alles mit Schokolade." Eine großartige Vorstellung! Was Europäern das Salz in der Suppe ist, soll einem karibischen Inselvolk der Kakao auf der Languste sein? Ihre Heimat, Kuna Yala: ein Land, in dem vielleicht weder Milch noch Honig, dafür aber fette Schokoladenströme fließen? Und: Wenn der Kuna-Koch verliebt ist, schmeckt der Salat dann irre doll nach Kakao? Das sind so Fragen, die einen jahrelang beschäftigen. Bis man es irgendwann genau wissen will.

Die Suche nach Antworten muss in Bocas del Toro beginnen. Die Provinz im Nordwesten Panamas ist eines der größten Kakaoanbaugebiete des Landes. Zu dessen geografischen Eigenwilligkeiten gehört, dass es sich wie ein Limbotänzer zwischen Costa Rica und Kolumbien wirft, wodurch die Karibik im Norden und der Pazifik im Süden liegt. Das ist am Anfang irritierend, aber nicht zu ändern.

Noch vor zehn Jahren war die winzige Provinzhauptstadt auf der Isla Colón ein Geheimtipp unter Surfern – der Riffs und wilden Wellen wegen, die azur-, türkis- und erbsengrün vor den Küsten brechen. Mittlerweile säumen Hostels und Supermärkte die Hauptstraße, die mit dem schlichten Namen "3" auskommt. Bocas’ Soundtrack, das sind ein polyglotter Sprachgesang mit englischem Refrain in den Straßen, der Beat der Flipflopträger, die durch luftfeuchte Nachmittage schlappen, und die Motorbässe der Ausflugsboote, die die Traveller auf die zahllosen weißen Strände des Archipels verteilen.

Im Gourmetladen am Hafen verkaufen sie organischen Kakao als Bohnen, Barren und gemahlen, abgepackt in braune Papiertütchen, so frisch und naturbelassen, dass er kaum länger hält als eine Schicht Urlaubsbräune. Aber was soll eine kulinarisch unbedarfte, nesquiksozialisierte Gringa damit anfangen? Ich brauche Unterweisung.

Während der Überfahrt zur Nachbarinsel Bastimentos senken sich die grauen Wolken am Himmel tief über das Meer. Am Ufer zwinkern pastellgrelle Anwesen aus schwarzgrünen Wäldern: Viele der Ausländer in Bocas kommen längst, um zu bleiben. Als warmer Regen aus den Wolken bricht, reicht mir der Bootsfahrer eine ölige Plastikplane nach vorne. Für den Rest der Fahrt heftet sich der Windschutz dicht an mein Gesicht, und das Panorama schmiert ab zum grüngrauen Balken. Was tut man nicht alles für eine Tasse Gesundheitsboost.

Am Steg erwartet mich Rutilio Milton, stämmig und barfüßig – der Kazike der über die Hügel von Bastimentos verstreuten Gemeinde Bahia Honda, man könnte auch sagen: ihr Bürgermeister. Vor sieben Jahren haben sie am Ufer ein Restaurant gebaut. Der Tourismus soll sich auch für seine Leute, die Ngobe-Indianer, lohnen. Früher, sagt Rutilio, habe er vom Fischfang gelebt. "Inzwischen gibt es hier kaum noch Langusten, weil zu viel gefischt wird" – Hotels leeren die Fanggründe für ihre Gäste. Selbst der Tintenfisch werde knapp. Und Kakao, sagt Rutilio, für Kakao sei gerade ein ganz schlechter Moment. Sie hätten selbst nur noch ein paar Bohnen vom letzten Jahr übrig.

Um mir zu zeigen, warum das so ist, biegen wir kurz darauf mit dem Kanu in einen Kanal, der sich durch Mangrovendickicht windet. Es knistert und knackt und zwitschert und tropft, während der Motor leise blubbert, um die Natur nicht beim Dasein zu stören. Bromelien leuchten, Grillen zirpen, Sonnenstrahlen fallen durch die Baumkronen, irgendetwas, das man nie zu sehen kriegt, malt Kreise auf das braune Wasser. Es riecht nach Wiederauferstehung.

An einer Lichtung steigen wir aus, stapfen in Gummistiefeln über den feuchten Urwaldboden, schrecken Pfeilgiftfrösche auf, die – daumennagelgroß und erdbeerrot – im morschen Dickicht verschwinden. An einer Biegung des Wegs streckt Rutilio den Finger aus und zeigt auf einen niedrigen, knorrigen Baum, der schwarze, am Zweig verrottete Früchte trägt. "Monilia", sagt Rutilio: "Seit Anfang der achtziger Jahre macht uns der Pilz die Kakaobäume kaputt." Die Familie, die die Plantage einst angepflanzt hat, habe aufgegeben und lebe inzwischen von den vier Dollar Eintritt, die Touristen für die nahe gelegene Fledermaushöhle zahlen.