ZEITmagazin: Herr Stoiber, wann haben Sie zuletzt laut gelacht?

Edmund Stoiber: Ach, meine siebenjährige Enkelin hat mir am Klavier Alle meine Entchen vorgespielt, und in dem extremen Bemühen, das ganz perfekt zu spielen, hat sie danebengelangt. Sie hat aber nicht geweint, sondern gelacht, und ich habe auch laut gelacht. Das war befreiend.

ZEITmagazin: Wie waren Sie eigentlich als Kind?

Stoiber: Zu Hause war ich der Jüngste und eher zurückhaltend. Schon als Kind wusste ich, dass meine Mutter an einem Herzmuskelschaden litt. Ich hatte immer Angst, dass ihr etwas passiert, dass ich von der Schule nach Hause komme und sie nicht mehr lebt. Von ihr habe ich außerordentlich viel Liebe und Fürsorge erfahren. Sie hat immer gesagt, ich will, dass du aufs Gymnasium gehst, trotz Schulgeld und Fahrtkosten. So war ich von meiner Klasse einer der ganz wenigen, die aufs Gymnasium gingen. Wenn man weiß, dass sich die Eltern krummlegen für die Ausbildung, hat man natürlich Angst, die Erwartungen vielleicht nicht zu erfüllen. Aber ich wollte auch selbst den sozialen Aufstieg schaffen. Da wir »koa Sach«, also keinen Besitz, hatten, führte mein Weg über die Bildung.

ZEITmagazin: Den Politiker Stoiber kennen wir. Beschreiben Sie doch mal den Menschen Edmund Stoiber!

Stoiber: Au, das ist schwierig! Er ist hundertprozentig im Einsatz in allem, was er macht. Ich will möglichst viel wissen, den Dingen auf den Grund gehen. Manchmal neige ich zu Perfektionismus. Ich bin aber auch gesellig und ein eher nachgiebiger Mann im Freundeskreis und in der Familie. Ich bin engagiert, versuche zuverlässig, diszipliniert, feinfühlig, sensibel zu sein und möchte eigentlich nicht verletzen.

ZEITmagazin: Feinfühlig und sensibel? Dann haben Sie aber Politik gegen Ihre Natur gemacht. 

Stoiber: Das muss man trennen können. Denken Sie an das politische Ringen um Entscheidungen in den siebziger Jahren: Freiheit oder Sozialismus. Ich wollte die Menschen mit meinen Reden zum richtigen Glauben bringen, deswegen wurden mir Klischees aufgedrückt: »harter Hund« oder »blondes Fallbeil«. Ich habe mich nie über die Verzerrungen beschwert. Meine Legitimation waren die guten Wahlergebnisse. Ins Persönliche gehende Kritik konnte ich deshalb gut abprallen lassen, sie hat mich nie entscheidend getroffen.

ZEITmagazin:Angela Merkel hat Ihnen 2002 den Vortritt als Kanzlerkandidat gelassen, Sie sind Gerhard Schröder knapp unterlegen. Hat Sie das nicht deprimiert?

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Stoiber: Nein, ich blieb ja in der Regierung, deshalb habe ich das sehr schnell überwunden. Ich hatte auch gar keine Zeit. Am Wahlsonntag bin ich in der Kutsche zum Oktoberfest gefahren, abends im Fernsehstudio galt ich noch als neuer Kanzler. Erst nach dem Rückflug nach München war klar, dass es nicht reichte, aber am Montagmorgen hatte ich Vorstandssitzung und musste die Partei auf ein neues Ziel einstellen. Da kannst du gar nicht lange in dich gehen, dich beklagen und bejammern. Meine Frau hat mir in der Nacht gesagt: Beruhige dich, wer weiß, für was es gut ist, und du hast eine Riesenaufgabe hier.

ZEITmagazin: Hat Sie gerettet, dass Sie sich nicht einen Moment erlaubt haben, innezuhalten?

Stoiber: Ja. Es ging um Vernunft, Disziplin und Verantwortung für die Partei. Für mich war klar, das Entscheidende ist, dass die Partei nicht in Sack und Asche gehen darf. Wenn du zwanzig Meter am Tor vorbeischießt, gibt’s keine große Aufregung. Wenn du aber an die Latte schießt, der Ball geht von der Latte auf die Torlinie, dann noch an den Pfosten, aber trotzdem raus, wird intensiv debattiert. Der schönste Lattenschuss ist aber auch kein Tor. Als Verlierer habe ich mich aber nicht so sehr gesehen, das Ergebnis hatte ich ja deutlich verbessert.

ZEITmagazin: Fünf Jahre später sind Sie von den eigenen Parteifreunden gestürzt worden.

Stoiber: Das war sicherlich schmerzhafter als die Niederlage 2002, aber auch hier ging es um Disziplin. Ich habe die CSU gelebt, ich wollte keine Zerreißprobe. Die letzte Konsequenz habe ich vorher nur mit meiner Frau besprochen. Sie ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Sie hat ihr Leben in den Dienst der Passion ihres Mannes gestellt. Wir sind jetzt 45 Jahre verheiratet, wissen Sie, als unser Sohn 1980 geboren wurde, ist sie zum Glück etwas früher ins Krankenhaus gegangen. Hätte sie auf die Wehen gewartet, wäre er nicht gesund geboren worden, weil sich die Nabelschnur um seinen Kopf gelegt hatte. Die Hebamme war unendlich aufgeregt, als die Herztöne plötzlich aufhörten, und ich habe ständig gefragt: Wie geht’s denn meiner Frau? Das sind Lebenssituationen, die zusammenschweißen. Als sie mir nach Kreuth signalisiert hat, jetzt beginnt ein anderes Leben, war mir klar: Es kommt eine neue Etappe, die, wie ich hoffe, noch lang ist, aber eben die letzte Etappe des Lebens.