Die Schlepper machen Nageeb Fayzian keine falschen Versprechungen, ihr Angebot ist eindeutig. 30.000 Dollar solle er ihnen geben, dann würden sie ihn nach Europa bringen. Einen gefälschten Pass würden sie ihm besorgen und ein Flugticket, nonstop von Teheran nach Zürich. Was dort aus ihm werden würde, darum müsse er sich selbst kümmern. Sie erzählen ihm nicht das Märchen vom Kontinent der unbegrenzten Möglichkeiten, sie machen ihm nichts vor. "Doch eine andere Perspektive, die gab es für mich nicht", sagt der 31-Jährige. Nageeb gibt ihnen das Geld – und fliegt.

Ein Jahr später, ein grauer Tag im Zürcher Stadtteil Hard. Lange Straßenzüge in Einheitsfront prägen das Straßenbild, in den Wohnbunkern des alten Arbeiterviertels gibt es den höchsten Ausländeranteil der Stadt. Aus der Hoffnung, mit der Nageeb aufbrach, ist Alltag geworden – Schulalltag, um genau zu sein. In einer alten Baracke am Güterbahnhof, in der die Autonome Schule Zürich eine Heimat gefunden hat, lernt Nageeb dreimal in der Woche Deutsch. Noch ist sein Aufenthaltsstatus nicht geklärt. Noch wartet er darauf, auch offiziell als Flüchtling in der Schweiz anerkannt zu werden. Solange das nicht geklärt ist, bekommt er keine finanzielle Unterstützung vom Staat für einen Deutschkurs. Wer als Asylsuchender dennoch die Sprache lernen will, oft dauern die Anerkennungsverfahren sehr lange, der ist auf Freiwillige angewiesen, die in Flüchtlingszentren und Gemeinden unentgeltliche Angebote organisieren.

Auch die Autonome Schule ist so ein Angebot: Dort lernen jene Menschen Deutsch, die sich einen Sprachkurs nicht leisten können, oder solche, die als Illegale im Land leben. Finanziert wird die Schule durch Spenden, getragen durch den Verein Bildung für alle. Die Schule versteht sich als ein gemeinschaftliches Projekt, Asylsuchende, illegale Einwanderer, ausgebildete Lehrer oder auch Studenten unterrichten hier, ehrenamtlich. Die Deutschkurse machen einen großen Teil der Aktivitäten der Schule aus, aber der Verein organisiert auch Konzerte, Diskussionsveranstaltungen oder auch Kurse in anderen Sprachen. Rund 200 Schüler hat die Schule im Schnitt, um die 40 Freiwillige helfen bei der Organisation des Schulalltags. Die Schule möchte mehr bieten als klassischen Deutschunterricht und Integrationshilfe. Seit drei Monaten geht Nageeb Fayzian zur Autonomen Schule. Vorher hat er in Sarnen im Kanton Obwalden, dort, wo er in einer Asylunterkunft lebt, einen Deutschkurs der Caritas besucht. Doch das Niveau war so niedrig, dass der Sprachlehrer Nageeb nach Zürich geschickt hat. Über eine Stunde braucht er mit der Bahn von Sarnen nach Zürich. Er nimmt das hin, weil er weiß, wie wichtig Deutsch für seine Zukunft ist.

Vier Lernräume, eine Küche, ein kaputtes Klo: Aus mehr besteht die Schule nicht, die Ende März dem neuen kantonalen Polizei- und Justizzentrum Platz machen muss und dann nach einer neuen Bleibe sucht. Die Wände sind mit Graffiti besprüht, die Halogenlampen nur notdürftig an der Deckenverkleidung befestigt. Einige der Fenster sind nur mit Sperrholz oder Styroporplatten verrammelt.

Es ist Freitagnachmittag, Deutsch für alle Lernstufen. Drei Stunden lang konjugieren, deklinieren und Satzbau üben. Mit seinen dunklen Haaren, grüner Jeansjacke und der verschlissenen Hose sitzt Nageeb in der letzten Reihe und schaut in seine ausgebreiteten Notizen. Zwanzig Schüler haben sich in dem kleinen Raum versammelt, an Tischen in unterschiedlicher Höhe und Form. Das Mobiliar ist aus Spenden zusammengewürfelt. Die jüngste Schülerin ist nicht einmal 15, der älteste schon deutlich über 50. Der Unterricht ist offen, immer wieder geht die Tür auf, Nachzügler klinken sich ein.

Aufgrund ihres Konzepts, dem zufolge hier nicht nur ausgebildete Lehrer unterrichten, ist die Autonome Schule bei offiziellen Stellen umstritten. Das Amt für Stadtentwicklung der Stadt Zürich hat vor Kurzem eine Broschüre herausgegeben, in der es für über 350 Deutschkurse in der Stadt wirbt. Die Autonome Schule hat es nicht auf die Liste geschafft.

Der Hauptkritikpunkt: Dadurch dass die Kurse nicht nur von ausgebildeten Lehrern gegeben werden, sei ein bestimmtes Niveau des Unterrichts nicht gesichert. "Diese Schule gibt unentgeltliche Kurse ohne Ausrichtung auf unsere Qualitätsstandards", sagt Julia Morais, Kantonale Beauftragte für Integrationsfragen in Zürich. "Wir können offiziell nur Schulen empfehlen, die die von der Fachstelle gesetzten Standards einhalten." Doch auch sie gesteht: "Wie alle niederschwelligen Angebote ist auch die Arbeit der Autonomen Schule sinnvoll." Bea Schwager sieht das ähnlich. Die 51-Jährige ist Leiterin der Anlaufstelle für Flüchtlinge in Zürich. "Die Autonome Schule hilft den Menschen: Sie können sich dort treffen, organisieren und ein Stück weit emanzipieren", sagt sie. Wer Deutsch lernt, der habe einen grundlegenden Schritt getan, um sich die Teilhabe an der Gesellschaft zu verdienen. Oder hat sich zumindest ein Stück Unabhängigkeit erkämpft.