Es ist heiß. Vor mir dampfen zwanzig frisch gebratene T-Bone-Steaks, daneben blubbert braune Soße in einem Rechaud. Genau auf der Höhe meiner Augen brüllt rot glühend ein Heizstrahler, um die fertig angerichteten Teller warm zu halten, und in meinem Rücken spüre ich die Hitze der Herdplatten, auf denen die anderen Köche Gemüse sautieren, Soßen reduzieren – und weitere T-Bone-Steaks braten.

Ich schwitze. Die komische Papiermütze auf meinem Kopf kann den Schweiß nicht mehr auffangen. Er rinnt mir in die Augen, er tropft mir von der Nase, er fließt mir den Nacken hinunter. Aber ich kann ihn auch nicht wegwischen, denn meine Gummihandschuhhände sind voller Soße. Außerdem wäre das unhygienisch. Und alles, was unhygienisch sein könnte, ist hier streng verboten. Auf einer Edelstahlfläche vor mir sehe ich spiegelverzerrt ein feuerrotes Etwas. Es ist mein Gesicht.

Wenn nun in einer solchen Situation der Mensch rechts von einem » Hot plate! « sagt, dann sollte man das sehr, sehr ernst nehmen. Doch es ist auch laut hier: Rundum bullert es und zischt es, Kommandos tönen durch den Raum, Teller klappern. Deshalb dringt die Bedeutung von » hot plate « erst in der gleichen Millisekunde in mein Hirn wie der Schmerz. Ich habe den heißen, ach was: den extrem heißen Teller so unbefangen angefasst wie alle anderen vorher, wollte einen Spiegel Soße neben das Mais-Karotten-Gemüse und die Kartoffelecken... Au! Verdammt!

Jetzt weiß ich, warum alle Köche hier an der Essensausgabe drei, vier, gar fünf Paar Gummihandschuhe übereinander tragen. Und ich weiß, dass die Arbeit in einer Profiküche hart ist, die Arbeit in der Hauptküche eines Kreuzfahrtschiffes mit 2000 Passagieren allerdings noch einmal eine ganz andere Nummer.

Aber ich wollte es ja so.

Am Vormittag hat die Mein Schiff 2 den Hafen von Dubai verlassen, ist ein paar Stunden später durch die Straße von Hormus gedampft, und während ich jetzt Teller für Teller mit Soße begieße und (vorsichtig!) weiterschiebe, damit der Kollege Sotero auf Gemüse, Kartoffeln und Soße je ein Steak platzieren kann, zieht irgendwo hinter meinem Rücken und jenseits der Herdplatten und einer fensterlosen Edelstahlwand und von noch ein paar Stahlwänden die bergige Küste der Halbinsel Musandam vorbei.

Ich könnte jetzt im kurzärmeligen Hemd achtern auf Deck 12 sitzen, an der Bar hoch über dem Pool, könnte einen Mojito schlürfen und in die untergehende Sonne blinzeln. Oder mich im Restaurant hier auf Deck 5 fläzen, irgendwo hinter der Drehtür. Ich würde mir in aller Ruhe ein Menü aus fünf, sechs Gängen zusammenstellen (»Und gern zum Hauptgang das T-Bone-Steak, medium rare, bitte!«), ich würde genießerisch in der Weinkarte blättern und zuletzt doch den Merlot nehmen, der für alle Gäste inklusive...

»Give me five fish, give me three pigeons and give me nine steaks«, brüllt da schon wieder der Sous-Chef, »two medium rare, one well done, the rest regular. Now!«

Ausgeträumt. Aber ich wollte ja als Smut auf Zeit die Welt diesseits der Drehtür kennenlernen, wollte wissen, wie auf einem Passagierschiff dieser Größe geplant, eingekauft und gekocht wird.

Denn Seeluft macht hungrig. Und eine Seefahrt an sich ist ereignisarm. Das treibt die Erwartungen der Passagiere in die Höhe, sich mit sehr gutem und sehr vielem Essen die Zeit vertreiben zu lassen. Hohe Erwartungen aber, gepaart mit erschwerten Bedingungen – das ist der Stoff, aus dem die besten Dramen sind. Und Kochen unter erschwerten Bedingungen, das ist das Kochen auf einem Schiff allemal: Es ist eng, es schaukelt, es ist weit weg von zu Hause. Und wenn mal eine Zutat fehlt, kann der Koch nicht schnell den Lehrling über die Straße zu Edeka schicken.

Dazu kommt: In keinem Restaurant an Land leben zwei so verschiedene Welten auf so engem Raum miteinander – und doch so hermetisch voneinander getrennt: auf den oberen Decks die Passagiere in Urlaubsstimmung. Und im Bauch des Schiffs, hinter Stahltüren, auf denen »Kein Zutritt« steht und »Crew only«: das Personal. Die Matrosen, die Maschinisten, die Stewards. Und eben die Köche, die auf so einem Schiff zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche und neun Monate am Stück dafür schuften, dass die Passagiere essen können wie daheim, nur besser und mehr und öfter. Ich wollte wissen, wie diese Köche eine Kreuzfahrt erleben.