Detlev Ganten ist einer der einflussreichsten Mediziner in Deutschland – und der einzige mir bekannte Spitzenforscher, der einen Lehrbrief als landwirtschaftlicher Gehilfe besitzt. Als junger Mann pflügte er Kartoffelfelder an der Wesermündung, dort hielt es ihn nicht lange. Er wurde Arzt und wanderte nach Kanada aus, wo er die Ursachen des Bluthochdrucks erforschte. Als Gründungsdirektor des 1991 eröffneten Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Buch bei Berlin gehörte er zu den Pionieren der Gentherapie und leitete schließlich die Charité, das berühmte Berliner Universitätskrankenhaus. Heute organisiert er den World Health Summit, eine jährliche internationale Konferenz in Berlin, die für ein weltweites Menschenrecht auf Gesundheit eintritt. Ganten macht sich für eine Medizin stark, die den Menschen vor dem Hintergrund seiner steinzeitlichen Herkunft sieht.

Stefan Klein: Herr Ganten, Sie schreiben, der menschliche Organismus sei an viele Aufgaben beklagenswert schlecht angepasst. Empfinden Sie sich als Fehlkonstruktion?

Detlev Ganten: Nicht wirklich. Aber ebenso wenig sehe ich mich als Krone der Schöpfung. Ich versuche, meine Begrenzungen zu akzeptieren, manchmal mit Bedauern.

Klein: Der große Physiker und Physiologe Hermann von Helmholtz schimpfte schon im 19. Jahrhundert: "Wenn ein Student es wagen würde, eine derartige Fehlkonstruktion wie das menschliche Auge abzuliefern – ich würde sie zurückweisen."

Ganten: Sicher, ein guter Ingenieur würde das Auge anders entwerfen. Es könnte anpassungsfähiger sein, sollte nie kurz- und weitsichtig werden...

Klein:...und keinen blinden Fleck haben.

Ganten: Aber die Natur ist kein Ingenieur. Ich habe ja lange in der Genomforschung gearbeitet. Da wurde ich oft nach Designerbabys gefragt.

Klein:Wie würde ein optimaler Mensch aussehen?

Ganten: Bestimmt ganz anders als wir. Schon dass wir mehrmals am Tag essen müssen, ist doch blöd. Lange grüne Ohren könnten das Licht einfangen und per Fotosynthese in Energie verwandeln. Und wenn wir schon eine ganz andere Linie der Entwicklung einschlagen: warum nicht die der Mollusken? Als Weichtiere wären wir die Wirbelsäule samt Rückenschmerz los. Aber wollen wir das wirklich? Ich nicht. Es ist doch eine wichtige Erfahrung, mit Grenzen fertigzuwerden.

Klein: Gewiss. Aber wie erklären Sie das einem Patienten, der erblindet, weil seine Netzhaut aufgrund der sonderbaren Konstruktion unseres Auges degeneriert?

Ganten: Natürlich sind viele Gebrechen schwer zu ertragen. Doch gäbe es nicht immer wieder Abweichungen von der einigermaßen funktionierenden Norm, hätte sich der Mensch niemals entwickelt: Variabilität ist ein Prinzip der Evolution. Sie macht uns alle einzigartig – und ermöglicht Krankheiten. Aber Sie haben recht, ich mache es mir leicht, weil ich gesund bin.

Klein: Nicht einmal Rückenschmerzen plagen Sie?

Ganten: Doch. Auch ich ärgere mich gelegentlich über die unvermeidliche Mitgift der Evolution. Wir haben die Wirbelsäule ja von den Fischen. Die brauchten vor gut 500 Millionen Jahren etwas, wo die Muskeln ansetzen konnten. In der Schwerelosigkeit war das Prinzip Rückgrat ideal. Aber dann gingen die Lebewesen an Land. Und dafür ist die Wirbelsäule viel zu schwach. Doch den Bauplan der Fische wurde die Natur nie wieder los.

Klein: Weshalb hätte sie ihn auch aufgeben sollen? Wenn sich der Bandscheibenvorfall einstellt, haben wir uns meist schon vermehrt.

Ganten: Eben. Überleben und Fortpflanzung ist die Währung der Evolution. Wir sind nicht dafür gebaut, gesund zu sein. Und schon gar nicht kümmert sich die Natur darum, ob es uns im Alter gut geht.

Klein: Noch nicht einmal unsere Geschlechtsorgane sind besonders funktionstüchtig. Die Probleme beginnen bei der Geburt: Der Geburtskanal etwa ist für unseren Kopf viel zu eng. Wo es keine gute Medizin gibt, stirbt bei jeder zehnten Geburt der Säugling und bei jeder 50. die Mutter.

Ganten: Trotzdem war die Notwendigkeit in der Evolution offenbar zu gering, den Bauplan zu ändern.

Klein: Ein zu breites Becken behindert den aufrechten Gang.

Ganten: Also blieb es bei der schmerzhaften Geburt. Die Natur macht Kompromisse.

Klein: Nicht die beste Lösung setzt sich durch, sondern die am wenigsten schlechte.

Ganten: Sogar Krankheiten können ein Vorteil sein in der Evolution. Wir brauchen dringend eine neue Medizin, die dies in Betracht zieht. Eine der häufigsten Erbkrankheiten unter Europäern ist die Mukoviszidose. Jeder Zwanzigste unter uns trägt in sich ein entsprechend verändertes Gen, ein Allel. Für sich allein ist es harmlos. Kommen aber im Erbgut je ein Mukoviszidose-Allel vom Vater und von der Mutter zusammen, entsteht zähflüssiger Schleim in den Bronchien. Schon als Säuglinge leiden diese Patienten unter Sauerstoffmangel. Warum ist das defekte Gen nicht verschwunden? Weil es offenbar früher vor Infektionskrankheiten wie Tuberkulose und Cholera schützte. Sobald eine dieser Seuchen ausbrach, hatten die Träger von Mukoviszidose-Allelen bessere Karten. Den Preis bezahlen wir mit einem noch immer unheilbaren Leiden.