TiermützenÜber den Trend zur Tierkopfmütze

Und dann sitzt man in der S-Bahn zwischen Mäusen, Hasen, Elchen und Fröschen. von Heike Kunert

Als ob der Mensch nicht schon genug auf seinen Schultern zu tragen hätte, setzt er sich jetzt noch einen tierischen Kopf auf. Man könnte auch Mütze dazu sagen. Aber es wäre fahrlässig, die wolligen Esel-, Löwen-, Bären-, Mäuse- oder Hundehäupter einfach in die große Klasse der Mützen einzuordnen. Warum der Mensch an kalten Tagen seinen Kopf in einen Tierkopf steckt, darüber kann man nur unken.

Was wird aufgesetzt? Amphibien nur selten. Kröten kriegen Warzen weg, aber keine Kälte; sind sie doch selber kalt. Allenfalls thront ein Frosch über den Häuptern und lässt seine Schenkel lasziv über die Ohren baumeln. Insekten werden auf Köpfen gar nicht gesichtet. Der Mensch hat seit je ein schwieriges Verhältnis zu ihnen, traut ihnen jedenfalls keine wärmespendende Wirkung zu. Zu viel Chitin. Dabei würde sich ein wolliger Weberknecht auf manchem Kopf gut ausnehmen.

Anzeige

Der Mensch hält den Säugetieren die Treue. Am liebsten setzt er sich Eisbären auf. Wahrscheinlich wäre er selbst gern einer: niedlich, flauschig und gefährlich. Man sieht kleine Kinder mit riesigen Eisbärköpfen. In der Neuen Deutschen Welle gab es mal eine Band, die hieß Grauzone und sang: »Eisbären müssen nie weinen.« Stimmt nicht. Löwen und Tiger sind im Raubtierkapitalismus auch sehr beliebt. Erstaunlich ist, wie viele sich freiwillig zum Esel machen. Man versuche einmal, mit so einem tierkopfgekrönten Haupt zu sprechen, es zum Beispiel nach der Uhrzeit zu fragen. In welches Gesicht soll man schauen? Im Selbstversuch einen waschbärköpfigen Mann gefragt, wie spät es sei. »Halb zehn«, sagte der Waschbär. Wie der Mann aussah – keine Ahnung. Neulich lief ein stattlicher Dachs mit einem Aktenkoffer über den Alexanderplatz. Frauen tragen auffallend gern Eulen auf dem Kopf. So manches Gesicht wirkt unter dem Vogel wie ein Ei, das bebrütet wird. Man sollte deshalb darauf achten, ein Tier zu tragen, das einem steht und nicht klüger aussieht als man selbst.

Zeige mir deine Mütze, und ich sage dir ... Ja, was? Wer du bist? Was du lieber wärst? Was du wirklich bist? Alle Erklärungen dieses Modetrends sind natürlich löchrig, aber mit Mütze und Mensch scheint es sich ähnlich zu verhalten wie mit Herr und Hund.

Manchmal sitzt man in der schaukelnden S-Bahn zwischen Raubkatzen, Mäusen, Hasen, Elchen, Fröschen. So, denkt man, muss es auf der Arche Noah gewesen sein. Wohin die Reise geht, weiß man bei der Berliner S-Bahn auch nicht immer. Und wie enttäuscht man ist, wenn sich plötzlich jemand den Löwenkopf vom Kopf nimmt. Und ganz sicher ist man: Kein Tier käme auf die Idee, sich einen Menschenkopf aufzusetzen.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Kleine Anmerkung nebenbei: Weberknechte sind keine Insekten, sondern Spinnentiere ;-)

  2. nur schaue man mal auf alle die Pelzbesätze und Pelzmäntel, die heutzutage wieder ohne Skrupel getragen werden.
    Das ist das glatte Gegenteil von Arche Noah.
    Da lobe ich mir gestrickte Dachse und Pinguine statt abgezogene Häute lebender Tiere.

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    EBEN, - da kann ich Ihnen NUR zustimmen!

  3. EBEN, - da kann ich Ihnen NUR zustimmen!

    • 4p9xD
    • 23. März 2013 22:28 Uhr

    So lange es keine echten Tiere sind ist es vollkommen akzeptabel! :)

    Eine Leserempfehlung
  4. Dieser Trend kommt aus China. Dort laufen die Großstädter schon seit Jahren mit diesen Mützen rum.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    In Hong Kong schon 1996 gesehen.

  5. Da laufen einige in Berlin rum, die besser mit ner Eselmütze in der Ecke stehen sollten.

    2 Leserempfehlungen
  6. "Man sollte deshalb darauf achten, ein Tier zu tragen, das einem steht und nicht klüger aussieht als man selbst."

    Das hat mir den Tag erhellt :)

    4 Leserempfehlungen
  7. In Hong Kong schon 1996 gesehen.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Mode | Modedesign | Lebensstil | Tier
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service