Freitagabend, 19 Uhr. "Hier sind nur noch Italiener", sagt Paolo Robuffo Giordano und lacht, als er in seinem Büro angerufen wird. "Die Deutschen sind schon zu Hause." Der 35-jährige Forscher arbeitet als Projektleiter am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen, weil er in Italien nicht ewig für einen Arbeitsplatz anstehen wollte.

Robuffo Giordano hat Robotik an der römischen Universität La Sapienza studiert. Seit 14 Jahren gibt es dort keine neuen Stellen für Professoren. In seiner Arbeitsgruppe arbeiten weitere vier Italiener. Die Landsleute seien besonders motiviert, erklärt Robuffo Giordano: "Wir wollen beweisen, dass wir mithalten können."

Dass italienische Universitäten konkurrenzfähige Wissenschaftler ausbilden, hat sich kürzlich wieder gezeigt. Als das US-amerikanische Magazin Time seine "Menschen des Jahres" auswählte, landete auf Platz fünf die italienische Nuklearphysikerin Fabiola Gianotti – sie hat in Mailand studiert und arbeitet seit Jahren für das europäische Kernforschungszentrum Cern in Genf. "Unser Land ist führend in der Teilchenphysik", sagte Gianotti – sie meint nicht die Schweiz, sondern Italien. Und wies darauf hin, dass Italien mehr Physikerinnen aufweise als die europäische Konkurrenz. In der Heimat bleiben wollte die Ausnahmewissenschaftlerin trotzdem nicht.

Italien erlebt seit einigen Jahren einen historisch beispiellosen Brain-Drain, eine Massenemigration akademischer Talente. Jeder siebte italienische Wissenschaftler arbeitet derzeit im Ausland. Misswirtschaft, Filz und eine chronische Unterfinanzierung der Hochschulen vertreiben Heerscharen von Nachwuchsforschern aus dem Land. "Die Universität spiegelt die Blockade der italienischen Gesellschaft wider. Auf den wichtigen Posten sitzen die Alten, die Jungen kommen nicht nach", sagt Claudio De Persis.

Seit vier Jahren lehrt und forscht De Persis in den Niederlanden, zurzeit als Professor für Robotik an der Universität Groningen. Vor einiger Zeit hat man ihm in Rom einen Job in Aussicht gestellt. Doch De Persis möchte nicht mehr zurück: "Als wissenschaftlicher Mitarbeiter erträgst du den Geldmangel noch, als Professor brauchst du aber Mittel, um arbeiten zu können."

De Persis erzählt von italienischen Professoren-Kollegen, die seit Jahren auf Ferien verzichten, ihre Büroarbeit ohne Sekretärin erledigen, die nachts EU-Projekte bearbeiten und am Wochenende für internationale Fachzeitschriften schreiben. Helden nennt Claudio De Persis diese italienischen Professoren. "Ihre Selbstausbeutung sorgt dafür, dass das System nicht zusammenbricht."

In Italien habe er sich "geschämt", zu sagen, dass er an der Uni arbeite, sagt De Persis. "Man gilt da als Versager, als zu langsam für die Wirtschaft." In den Niederlanden dagegen seien Uni-Professoren hoch angesehen. De Persis muss noch nicht einmal die Landessprache beherrschen, er unterrichtet auf Englisch. In den Niederlanden interessieren nur seine Fähigkeiten als Wissenschaftler und als Dozent. Gerade hat er sich in Groningen eine Wohnung gekauft, die Familie aus Italien kann kommen.

In den internationalen Rankings taucht Italien unter "ferner liefen" auf

Auch Paolo Robuffo Giordano zieht es nicht zurück nach Italien. Gerade hat er beim nationalen Forschungszentrum CNRS im französischen Rennes angeheuert. Drei Stellen für Robotik-Ingenieure hatte das renommierte Institut ausgeschrieben, genommen wurden drei Italiener. Seine Frau, eine Physikerin, hat ebenfalls die Stelle gewechselt, von Stuttgart ist sie nach Salzburg gegangen.

Die italienische Dauerkrise macht eine ganze Generation von Forschern zu Job-Nomaden. Wer in der Wissenschaft etwas werden will, muss ins Ausland gehen. In Italien dagegen kann man ausländische Professoren mit der Lupe suchen. Bei den Studenten ist es kaum anders: Nur jeder 20. Student an der La Sapienza ("Die Weisheit") stammt nicht aus Italien. Nicht zuletzt wegen des Mangels an Internationalität taucht keine italienische Universität in den bekannten globalen Rankings auf einem der ersten hundert Ränge auf. Il futuro è passato qui, lautet der Slogan der Sapienza. Ein doppelsinniger Satz. Man kann ihn so übersetzen: "Die Zukunft kommt von hier." Es ginge aber auch so: "Die Zukunft ist hier Vergangenheit."