Natürlich kann der Chef des höchsten deutschen Gerichts mit einer Runde von Hauptstadtjournalisten reden, vertraulich, so wie es Andreas Voßkuhle vergangene Woche gemacht hat. Das ist kein Skandal, auch wenn manche Unionspolitiker deshalb gerade aufheulen. Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts ist, je nach Zählweise, der dritte, vierte oder fünfte Mann im Staate, er repräsentiert ein oberstes Verfassungsorgan, und als solcher ist er eine öffentliche Figur, schüttelt also Hände, hält Vorträge – und manchmal plaudert er eben mit der Presse. Das ist schon okay.

Nur: Ist es auch klug?

Das Bundesverfassungsgericht ist eine eigentümliche Institution. Es ist ungeheuer beliebt, außer bei Regierungspolitikern; keinem anderen Staatsorgan vertrauen die Bürger so sehr wie den Trägern der roten Roben. Das hat mit deren Urteilen zu tun, die häufig punktgenau die Stimmung der Bevölkerung getroffen haben, vor allem aber auch mit der Aura des Unpolitischen, die das Gericht umweht.

In Karlsruhe, so geht die Vorstellung, wird nicht taktiert, geschachert, mit Lobbyisten gemauschelt – in Karlsruhe sitzen lauter kluge Männer und Frauen, die meisten von ihnen Professoren, denken sehr lange und angestrengt nach, und am Ende kommen sie mit einer gerechten Lösung für ein Problem, über das ab dann nicht weiter diskutiert werden muss. Karlsruhe ist das ideale Gericht für ein Volk, das Streit eigentlich nicht mag und Politiker eher verachtet.

Es ist daher kontraproduktiv für Andreas Voßkuhle, wenn er sich in die Arena des Politischen hineinbegibt, und das tut er unvermeidlich, wenn er Gesprächsrunden mit den Berliner Korrespondenten besucht. Hintergrundkreise mit Fachjournalisten gibt es in Karlruhe seit Langem. Aber der Auftritt in Berlin war etwas anderes: Voßkuhle hat sich einzumischen versucht. Und wird damit, jedenfalls ein bisschen, den Politikern ähnlicher. Genau das waren die Richter bislang nicht, obwohl das Gericht – es kann gar nicht anders – auch politische Urteile gesprochen hat. Aber die 16 Richter waren keine Politiker. Sie waren überhaupt nicht als Personen sichtbar.

Was sie urteilen, prägt die Republik, doch kaum ein Bürger würde einen Verfassungsrichter beim Brötchenkaufen erkennen. Wer, außer ein paar Eingeweihten, weiß schon, wie Monika Hermanns aussieht oder Andreas Paulus? Das Haus des Gerichts ist aus Glas, aber drinnen sitzen lauter Unbekannte.

Diese Unsichtbarkeit ist in der Mediendemokratie eigentlich eine Anomalie. Sie hat jedoch eine Menge Vorteile. Für den Alltag der Richter, die ziemlich unbehelligt von Reportern und Kameras ihr Leben führen können, aber vor allem auch für deren Arbeit.