Wohlstand durch Wachstum" lautete lange Zeit das Credo der industriellen Moderne. Das hat sich gründlich geändert. Mit dem Report des Club of Rome von 1972 wurden die "Grenzen des Wachstums" zum geflügelten Wort. Die neunziger Jahre brachten eine neue Erfahrung: Wachstum ohne Wohlstand. Das Bruttosozialprodukt stieg, die Kaufkraft der Mehrheit erodierte. Reich wurde nur eine Minderheit. Heute geistert ein neuer Slogan durch die Feuilletons und Universitäten: "Wohlstand ohne Wachstum". Auch die Titelgeschichte der ZEIT von vergangener Woche (Wie viel braucht der Mensch?) atmete diesen Geist. Das Dossier eröffnete mit wuchtigen Sätzen: Unser Wirtschaftssystem gerät an seine Grenzen, wir können nicht ständig mehr konsumieren. Der Kapitalismus bringt keinen Wohlstandsgewinn mehr. Es kann deshalb nicht mehr um Wachstum gehen, sondern um das gute Leben.

Solche Thesen treffen den Zeitgeist. Die Welt ist krisenhafter geworden. Der Westen steckt im Schuldensumpf. Zuversicht weicht bürgerlichem Selbstzweifel. Die Mehrheit der Deutschen glaubt nicht mehr, dass es ihren Kindern besser gehen wird als ihnen selbst. Der Aufstieg Chinas und die Verschiebung des wirtschaftlichen Kraftzentrums in den pazifischen Raum verstärken das Gefühl, dass Europa seinen Zenit überschritten hat. Während Milliarden Menschen gerade auf dem Weg in die industrielle Moderne sind, ist bei uns eine Fin-de-Siècle-Stimmung spürbar: Die Party ist vorbei. Wir müssen unser Leben ändern: vom "schneller, weiter, höher" zur neuen Bescheidenheit.

Das klingt gut und grenzt doch an Realitätsflucht. Punkt eins: Wer ist mit der Behauptung gemeint, "wir" könnten nicht ständig mehr konsumieren? Selbst in der reichen Bundesrepublik lag das verfügbare Nettoeinkommen 2011 im Durchschnitt bei 1300 Euro. Die Mehrheit der Bevölkerung schwimmt keineswegs im Überfluss. Für sie ist das postmaterielle Zeitalter noch nicht angebrochen. Und je weiter wir nach Ost- und Südeuropa blicken, desto größer wird die reelle Armut. Das gilt erst recht für die Milliarden Menschen in Asien, Lateinamerika und Afrika, die alles daransetzen, ein besseres Leben für sich und ihre Kinder zu schaffen. Es sind ihre Wünsche, ihr Fleiß, ihre Ambitionen, die das Wachstum der Weltwirtschaft vorantreiben. Dieses Wachstum ist die Basis für steigende Lebenserwartung, sinkende Kindersterblichkeit, bessere Bildung und Gesundheitsversorgung, kurz, für alles, was uns selbstverständlich erscheint.

Punkt zwei: Wirtschaftliches Wachstum bedeutet keineswegs "mehr vom Gleichen". Es bedeutet vor allem Innovation: neue Technologien, bessere Produkte, neue Möglichkeiten und damit auch neue Bedürfnisse. Wer das Wachstum stoppen will, muss diesen kreativen Prozess aus Erfindergeist und Wettbewerb stoppen.

Punkt drei: Ab einem bestimmten Punkt führt steigender Wohlstand zu verändertem Konsumverhalten. Wer auf sich hält und es sich leisten kann, veredelt seinen Lebensstil. Schöner statt mehr, Kunst und Kultur, Wellness, Bildungsreisen, Fair Trade, Biolebensmittel, Hybridauto und Sportrad.

Wir können trefflich darüber spekulieren, ob sich die globale Ökonomie irgendwann "auswachsen" und in einen stationären Zustand münden wird. Auf absehbare Zeit lautet die entscheidende Frage allerdings nicht ob, sondern wie die Weltwirtschaft wachsen wird: auf der Basis welcher Energiequellen, Werkstoffe, Verkehrssysteme und Bautechniken. Es mag Europa verlockend erscheinen, in einen Zustand selbstgenügsamer Beschaulichkeit einzutreten. In den Augen der restlichen Welt aber wäre das der Abschied in die Bedeutungslosigkeit. In Griechenland und Spanien lässt sich gerade besichtigen, was eine schrumpfende Volkswirtschaft bedeutet. Möchte man darin wirklich ein Modell für die Zukunft Europas sehen?

Natürlich können wir nicht zurück zum ressourcenfressenden Wachstum des letzten Jahrhunderts. Das wäre ein Verbrechen an den Lebenschancen künftiger Generationen. Wenn bloße Verzichtsappelle aber ins Leere gehen – was ist dann die Alternative?