Unser Blick auf die Welt wäre ein anderer, hätte der Mensch nicht irgendwann mit dem Sammeln begonnen. Und hätte er nicht nur gesammelt, was teuer und kostbar ist, sondern auch das eigentlich Überflüssige, Dinge, die ihm rätselhaft, verwegen, unergründlich erschienen oder einfach nur schön. Ob Bohnenhülsen oder Buchsbaumschalen, Goldkannen, Haifischzähne oder feinste Kameen, alles trug er begeistert hinein in seine Kunst- und Wunderkammern. Um sie zu besitzen, sie staunend zu betrachten – und um sie zu begreifen. Hier, in den frühen Sammlungen, kam vor gut 500 Jahren die Welt zu Welt. Hier nahm das unbedingte Wissenwollen seinen Anfang, der Drang nach Erkenntnis und ebenso die Freude am kunstvollen Blödsinn.

Natürlich, das Glitzern und Funkeln gehört dazu. Gold und Silber und teure Edelsteine in rauen Mengen, dazu das Elfenbein mehrerer Elefantenherden, all diese Kostbarkeiten wollen gesehen, wollen bewundert werden. Jetzt auch wieder in Wien, wo das Kunsthistorische Museum gleich 20 Säle mit den Schätzen der Kunstkammer aufbietet – und sie nach überlanger Renovierungsarbeit von mehr als zehn Jahren endlich zeigen kann. Prunkpokale sonder Zahl, Planetenuhren, Ketten, Schalen, Medaillons und Kokosnüsse und selbstverständlich auch das berühmteste Salzbehältnis der Kunstgeschichte, die Saliera von Benvenuto Cellini, sie alle möchten das Auge verführen, mit ihrem Glanz, ihrer Kunstfertigkeit. Das wichtigste und schönste Exponat der Kunstkammer ist jedoch die kindliche Freude: daran, wie reich die Welt ist – und wie lustvoll es sein kann, sie weiter zu bereichern.

Und so schließen sich hier handwerkliche Raffinesse und derber Jokus nicht aus. Ein Eimer aus Lapislazuli ist ebenso kostbar wie der Mönch aus Ton, dem man den Kopf abnehmen kann, um aus der tüllenförmigen Kapuze seiner Kutte einen Schluck Wein zu trinken. Auch die sogenannte Tantalus- Figur lässt sich auf diese Weise köpfen, ein wohlgenährter Herr, dem ein mit lauter Leckereien gedeckter Tisch wie ein Riesenkragen um den Hals hängt, sodass er die Köstlichkeiten riechen, aber nichts davon verspeisen kann, weil seine Hände nicht heranreichen. Er hat alles und hat doch nichts – eine Art Ebenbild des sammelnden Herrschers, ein spöttisches zudem.

Dieser Sammler rafft zusammen, was er an Habenswertem bekommen kann. Und je mehr er hat, desto größer wird sein Verlangen – je größer es aber wird, desto mehr spürt er die Vergeblichkeit des eigenen Trachtens. Wer versucht, die Welt umarmend festzuhalten (und nichts anderes heißt ja Sammeln), der wird dem Tantalus gleich lustvoll-verzweifelt daran scheitern.

Noch heute arbeiten viele Künstler nach dem Prinzip Wunderkammer

Die ersten Kunstkammern waren in der Renaissance entstanden, zu jener Zeit, in der sich der neuzeitliche Mensch erstmals im Mittelpunkt des Universums wähnte. Und ihm damit die Welt, die bis dahin so selbstverständlich erschienen war, entglitt. Aus der Kunstkammer spricht nicht zuletzt dieses Gefühl des Verlusts und ebenso das Verlangen, die verlorene Selbstverständlichkeit wiederzugewinnen: die Welt neu zu versammeln, zu befragen, zu bewundern.

Allerdings interessiert die Kuratoren des Wiener Museums mehr als alles andere die Ordnung. Das große Mit-, In- und Durcheinander der Dinge und Zeiten ist ihnen suspekt, sie wollen Systematik. Und so wird alles in eine kunsthistorische Fortschrittsgeschichte eingewoben. Ein Verlangen nach Logik und Folgerichtigkeit prägt die Ausstellung, chronologisch sortiert, hyperästhetisch in hohen Vitrinen dargeboten. Perfekter sah die Kunstkammer nie aus. Man muss sagen: leider.

Sicher, die Erosion begann schon früh. Vieles, was über Jahrhunderte an unterschiedlichen Herrschersitzen zusammengetragen wurde, ging verloren, wurde verkauft. Und schon im 18. Jahrhundert begann das große Aussortieren. Die Aufklärung wollte vom Wunderlichen nicht mehr viel wissen, sie sonderte aus, was sich aussondern ließ: in Spezialabteilungen für Rüstzeug, Gemälde oder Naturkunde. Die Kuratoren von heute können sich also auf die Tradition berufen.