Band Palma VioletsViel Lärm um Lärm

Rettung des Indie-Rock oder bloß der nächste Hype der Saison? Palma Violets wollen eine Band werden. von Frank Sawatzki

© Beggars Group

Am Anfang waren die Palma Violets kaum mehr als ein Getuschel. Aufgeschnappt von ein paar Nachtschwärmern, die der Mundpropaganda in ein Kellerloch im Süden Londons gefolgt waren, wo vier dünne junge Männer Rock-’n’-Roll-Übungseinheiten vor den Augen Gleichaltriger absolvierten. Stickig und laut soll es dort gewesen sein, und wenn Rock ’n’ Roll daran gemessen werden darf, wie viele Oberkörper im Auditorium nachher entblößt waren, hatten die Palma Violets ihre Sache gut gemacht. So gut, dass der Hype-freudige New Musical Express (NME) die Proberaumcombo im Herbst vergangenen Jahres auf seine Titelseite holte und blitzschnell zur besten Rockband Englands erklärte. Gerade mal mit einem fertig produzierten Track im Gepäck war den Palma Violets eine sportliche Aufgabe zugedacht: die Rettung des Indie-Rock. Jetzt, da das Palma-Violets-Debüt 180 erschienen ist, darf man sich fragen, wer mit dieser Kampagne eigentlich gerettet werden möchte.

Das intensive Getrommel der Medien gehört zum Grundrauschen im britischen Pop-Betrieb. Dass coole, junge Gitarrenbands als next big thing verkauft werden, ohne ein Album aufgenommen zu haben, irritiert zwischen London und Glasgow niemanden. Britische Musikfans definieren sich über das Lokale, sie suchen Bands, die sie wie ihr Fußballteam unterstützen können. Bands, die in einem wiedererkennbaren musikalischen Spektrum operieren und eine leicht heroisierte Version ihrer eigenen Träume und Ängste in die Welt setzen – so hat es Kritiker Simon Reynolds vor Jahren in einem Essay formuliert. Wenn das ein Wunschprofil ist, erfüllen die Palma Violets es mit sofortiger Wirkung. Statt Freunde in Sozialen Netzwerken zu sammeln, bekräftigten die Jungs aus dem Südlondoner Bezirk Lambeth die Nähe zur Basis in einer nicht enden wollenden Serie von Konzerten mit Wohnzimmercharakter. Den Zuschlag fürs erste Album erhielt keine Major Company, sondern das legendäre Londoner Rough-Trade-Label, das bereits die Debüts der Libertines und Strokes veröffentlicht hatte – die beiden wichtigsten Platten des Punkrock-Revivals. In den Songs der Palma Violets funkelt es unter der von schrammeligen Gitarren angekratzten Oberfläche: Wer mag, darf dort noch einmal ferne Echos des Who-Klassikers My Generation aufspüren, den Furor der Punk-Rebellen The Clash, die dröhnenden Keyboardsirenen der Stranglers oder die süße Kakofonie von The Jesus And Mary Chain. Präsentiert mit einer Raubauzigkeit, die noch aus den Gründertagen des Rock ’n’ Roll zu stammen scheint.

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Die Entdeckung der Palma Violets durch die einzige verbliebene Musikwochenzeitschrift der Briten ist bisheriger Schlusspunkt einer Comeback-Kampagne für den Brit-Rock, für die die gesammelte Punk- und Rockprominenz der letzten 30 Jahre auf den Covern des NME Pate stehen musste. Das ist weniger selbstlos, als es auf den ersten Blick wirkt: Die Gitarrenjugend des Jahres 2013 setzt dem Rock ’n’ Roll der Alten ein Denkmal, so die konservative Botschaft. »Wir produzieren Lärm aus Spaß in unserem Proberaum. Das ist der Ort, an dem du uns erleben musst«, ließ Sänger Sam Fryers wissen, »eine Rock-’n’-Roll-Band sieht man am besten live.« Der Schauplatz dieser Auftritte ist gleich im Titel des Albums verewigt worden, ein baufälliges Gebäude der britischen Eisenbahngesellschaft in der Lambeth Road 180, das von der Band in Besitz genommen und zu einem sozialen Treffpunkt inmitten von Reihenhaussiedlungen umfunktioniert wurde. Die Palma Violets probten und spielten nicht nur im Studio 180, sie erklärten ihre Auftritte zu Happenings für Freunde und Fans, bis sich die ersten professionellen Musikbeobachter unter die Partygäste mischten, um dort eine Art Déjà-vu zu erleben. Ist das nicht genau wie bei Pete (Doherty) und Carl (Barat) von den Libertines anno 2000?


In den Geschichten der Musikpresse fällt die britische Rockmusik immer wieder auf sich selbst zurück – eine Endlosschleife der Selbstbeschwörung und Selbstbetäubung, in der die Sehnsucht nach dem Glücksgefühl all der glamourösen Jahre aufscheint. Im Falle der Palma Violets ist das die Wiederentdeckung der romantischen Punkrock-Adventisten im Shabby-Chic-Outfit, das Cover des Debütalbums spielt auffällig mit Bildersprache und Duktus des Punk: »In Times Of Turmoil Find A Home To Attack From« steht auf der Türe des Studio 180 geschrieben, vor der vier Jungs postiert sind, die ihr Gelangweiltsein zur Schau tragen, als wollten sie der Kohorte ihrer musikalischen Vorkämpfer eine Grußkarte schicken.

Das Bild täuscht, Aufruhr und Attacke sind im Universum der Palma Violets nicht mehr als weit entfernte Fixsterne. Fryers und Bassist Jesson kreisen in ihren Liedern brav um die sozialen Themen, die sie von der Straße auflesen: Einsamkeit, Entwurzelung, Freundschaft. Sie haben eine Hymne auf den Nachtbus geschrieben, der sie nach Hause bringt, sie senden Liebesbotschaften an Mädchen, die nur beste Freundinnen sein sollen und »ladyfriends«, von deren Seite sie bis zum Ende der Tage nicht mehr weichen wollen. Über die Strecke von 40 Minuten dokumentiert 180 Momentaufnahmen aus dem Prozess einer Band-Werdung: von der zünftig aufbrausenden Single Best Of Friends bis zum Hochgeschwindigkeitsritt auf dem Rattlesnake Highway, wo man dem Geist von Joe Strummer begegnen kann, von zwingenden Hooklines bis zu weniger schlüssigen Rhythmuswechseln und epischen Breitseiten. Nach dreimal Hören hat man seinen Frieden mit dem Album geschlossen. 180 wirkt wie eine klingende Kleinanzeige: Hungrige junge Band sucht Produzenten, der ihnen die Zeit schenkt, in der ihre Songs wachsen können.

Das Publikum darf sich derweil locker machen: Im Studio 180 wurde weder eine Rock-’n’-Roll-Sensation geboren noch das nächste Lied für den Kanon entdeckt. Mit dem Hype der Saison hat der NME sich selbst nicht vor dem Absturz in die Belanglosigkeit retten können. Der Brit-Rock wird’s überleben.

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

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