Manchen Büchern tut es gut, sich durch Übersetzung ein wenig zu verspäten. Dies hier ist so ein Fall. Peter Beinarts großer Essay Die amerikanischen Juden und Israel kam vor einem Jahr im Original heraus. Das Buch löste in den Vereinigten Staaten eine heftige Kontroverse aus. Der Autor, Professor für Politikwissenschaft und Journalismus in New York, selbst ein orthodoxer Jude, wurde zur maßgeblichen Stimme der linken jüdischen Öffentlichkeit und im Gegenzug zum liebsten Hassobjekt der etablierten konservativen Lobbygruppen. Einseitigkeit, gar jüdischer Selbsthass wurde ihm vorgeworfen. Wer das Buch heute liest, wird es anders sehen: Beinarts Prophetie über die drohende politische Entfremdung zwischen Amerika und Israel hat sich als zutreffend erwiesen.

Der israelische Premier Benjamin Netanjahu hat im amerikanischen Wahlkampf gegen Barack Obama Stellung bezogen und auf Mitt Romney gesetzt. Das ging bekanntlich schief. Obama schlug zurück, indem er Journalisten steckte, Netanjahu sei ein »politischer Feigling« und wisse offenbar nicht, wo Israels wahre Interessen lägen – nämlich in einem Ausgleich mit den Palästinensern. Netanjahu ist geschwächt, Obama hingegen gestärkt aus den jeweiligen Wahlen hervorgegangen. Vor Obamas erster Israel-Reise als Präsident gibt es zaghafte Hoffnung: Wird es noch einmal einen Versuch geben, einen Frieden zwischen Palästinensern und Israelis zu vermitteln? Bekommt die Zwei-Staaten-Lösung eine letzte Chance? Netanjahu will sie nicht, davon ist Beinart überzeugt. Unter Berliner Außenpolitikern, die sein Buch verschlungen haben, sieht man das genauso, sagt es aber lieber nicht laut.

Peter Beinart stellt die Entzweiung der beiden Politiker in einen größeren Kontext der »Krise des Zionismus« – so die wörtliche Übersetzung des treffenden Originaltitels. Obama und Netanjahu stehen in seinen Augen für den Scheideweg, an dem sich Israel und die mit ihm bangenden Juden befinden. Beinart glaubt, dass die zionistische Idee – ein demokratischer jüdischer Staat als Antwort auf Jahrhunderte der Diaspora und der Unterdrückung – nur zu retten sei, wenn auch die Palästinenser die gleichen Rechte in ihrem eigenen Staat wahrnehmen können. Die Besatzung müsse beendet, die meisten Siedlungen müssten geräumt werden. Israel brauche einen Staat Palästina fast noch dringender als die Palästinenser.

Benjamin Netanjahu wiederum ist nach Beinarts Analyse vom Gegenteil überzeugt: Eine Rückgabe des besetzten Gebiets mache Israel wehrlos, und darum müsse ebendies durch Siedlungsbau verhindert werden. Es bleibe »Bibis« Mission, einen palästinensischen Staat im Westjordanland zu torpedieren, davon ist Peter Beinart überzeugt, trotz Netanjahus Lippenbekenntnis von 2009, er könne sich einen solchen Staat vorstellen.

Die brillante Rekonstruktion des vergifteten Verhältnisses zwischen Präsident und Premier schildert deren Ringen als Kampf um die Seele des jüdischen Staates.

Eine besondere Ironie dieser wie ein Krimi erzählten Geschichte besteht darin, dass Obama in diesem Spiel die Rolle des letzten Zionisten übernimmt – während Netanjahu in Beinarts Augen ein Totengräber der zionistischen Hoffnung ist: Der »jüdische Präsident« Obama, der Israel in den Grenzen von 1967 bewahren will, steht gegen den Premier, der mit den Siedlungen die Trennung von den Palästinensern unmöglich macht und so einer postzionistischen »Ein-Staat-Lösung« den Boden bereitet. Beinarts Furcht: In dem de facto binationalen Staat zwischen Mittelmeer und Jordan, der so entsteht, werden die Juden entweder mit Gewalt über die entrechteten Palästinenser herrschen müssen, oder sie werden zur Minderheit werden wie vor dem Zionismus – nur jetzt im eigenen Land.

Beinart schildert, wie Obama in Chicago durch die liberalen Zionisten geprägt wurde, die aus der jüdischen Diskriminierungserfahrung die universalistische Konsequenz zogen, sich für alle verfolgten Minderheiten zu engagieren: auch für die Schwarzen in der Bürgerrechtsbewegung. Netanjahu hingegen kommt, wie sein Vater Benzion, aus der Schule des Rechtszionismus, der den Universalismus als Keim des Verderbens begriff: Die Konsequenz aus der jüdischen Geschichte sahen Vordenker des Revisionismus in einem wehrhaften Nationalismus, der Skrupel und Empathie als Schwäche brandmarkte.

Die einen sehen die Juden durch ihre Geschichte der Unterdrückung besonders in der Pflicht gegenüber den Fremden und Schwachen, die sie selbst immer wieder gewesen sind. Die anderen glauben, die Juden könnten nur überleben, wenn sie endlich so werden wie jene anderen: stark, machtvoll, rücksichtslos.

Israel gehört heute, allen Gefahren zum Trotz, zu den Vormächten der Region. Es ist zum Glück nicht wehrlos, wie Netanjahu mit seinen dauernden Holocaust-Anspielungen suggeriert. Keiner seiner Nachbarn kann es mit Israel aufnehmen. Beinart schildert den Kampf zweier Zionismen durchaus nicht ohne Verständnis für den Revisionismus der rechten Nationalisten. Er sieht darin eine verständliche Reaktion auf die jüdische Ohnmachtserfahrung. Diese Erfahrung bietet aber keine Orientierung mehr: Die heutige Herausforderung besteht darin, die Verantwortung anzunehmen, die aus jüdischer Macht erwächst.