Sachbuch IsraelZionismus gegen Zionismus

»Die amerikanischen Juden und Israel«: Peter Beinarts großer Essay über die Zukunft eines gefährdeten Staates von 

Barack Obama mit Benjamin Netanjahu im März 2012

Barack Obama mit Benjamin Netanjahu im März 2012  |  © SAUL LOEB/AFP/Getty Images

Manchen Büchern tut es gut, sich durch Übersetzung ein wenig zu verspäten. Dies hier ist so ein Fall. Peter Beinarts großer Essay Die amerikanischen Juden und Israel kam vor einem Jahr im Original heraus. Das Buch löste in den Vereinigten Staaten eine heftige Kontroverse aus. Der Autor, Professor für Politikwissenschaft und Journalismus in New York, selbst ein orthodoxer Jude, wurde zur maßgeblichen Stimme der linken jüdischen Öffentlichkeit und im Gegenzug zum liebsten Hassobjekt der etablierten konservativen Lobbygruppen. Einseitigkeit, gar jüdischer Selbsthass wurde ihm vorgeworfen. Wer das Buch heute liest, wird es anders sehen: Beinarts Prophetie über die drohende politische Entfremdung zwischen Amerika und Israel hat sich als zutreffend erwiesen.

Der israelische Premier Benjamin Netanjahu hat im amerikanischen Wahlkampf gegen Barack Obama Stellung bezogen und auf Mitt Romney gesetzt. Das ging bekanntlich schief. Obama schlug zurück, indem er Journalisten steckte, Netanjahu sei ein »politischer Feigling« und wisse offenbar nicht, wo Israels wahre Interessen lägen – nämlich in einem Ausgleich mit den Palästinensern. Netanjahu ist geschwächt, Obama hingegen gestärkt aus den jeweiligen Wahlen hervorgegangen. Vor Obamas erster Israel-Reise als Präsident gibt es zaghafte Hoffnung: Wird es noch einmal einen Versuch geben, einen Frieden zwischen Palästinensern und Israelis zu vermitteln? Bekommt die Zwei-Staaten-Lösung eine letzte Chance? Netanjahu will sie nicht, davon ist Beinart überzeugt. Unter Berliner Außenpolitikern, die sein Buch verschlungen haben, sieht man das genauso, sagt es aber lieber nicht laut.

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Peter Beinart stellt die Entzweiung der beiden Politiker in einen größeren Kontext der »Krise des Zionismus« – so die wörtliche Übersetzung des treffenden Originaltitels. Obama und Netanjahu stehen in seinen Augen für den Scheideweg, an dem sich Israel und die mit ihm bangenden Juden befinden. Beinart glaubt, dass die zionistische Idee – ein demokratischer jüdischer Staat als Antwort auf Jahrhunderte der Diaspora und der Unterdrückung – nur zu retten sei, wenn auch die Palästinenser die gleichen Rechte in ihrem eigenen Staat wahrnehmen können. Die Besatzung müsse beendet, die meisten Siedlungen müssten geräumt werden. Israel brauche einen Staat Palästina fast noch dringender als die Palästinenser.

Benjamin Netanjahu wiederum ist nach Beinarts Analyse vom Gegenteil überzeugt: Eine Rückgabe des besetzten Gebiets mache Israel wehrlos, und darum müsse ebendies durch Siedlungsbau verhindert werden. Es bleibe »Bibis« Mission, einen palästinensischen Staat im Westjordanland zu torpedieren, davon ist Peter Beinart überzeugt, trotz Netanjahus Lippenbekenntnis von 2009, er könne sich einen solchen Staat vorstellen.

Die brillante Rekonstruktion des vergifteten Verhältnisses zwischen Präsident und Premier schildert deren Ringen als Kampf um die Seele des jüdischen Staates.

Eine besondere Ironie dieser wie ein Krimi erzählten Geschichte besteht darin, dass Obama in diesem Spiel die Rolle des letzten Zionisten übernimmt – während Netanjahu in Beinarts Augen ein Totengräber der zionistischen Hoffnung ist: Der »jüdische Präsident« Obama, der Israel in den Grenzen von 1967 bewahren will, steht gegen den Premier, der mit den Siedlungen die Trennung von den Palästinensern unmöglich macht und so einer postzionistischen »Ein-Staat-Lösung« den Boden bereitet. Beinarts Furcht: In dem de facto binationalen Staat zwischen Mittelmeer und Jordan, der so entsteht, werden die Juden entweder mit Gewalt über die entrechteten Palästinenser herrschen müssen, oder sie werden zur Minderheit werden wie vor dem Zionismus – nur jetzt im eigenen Land.

Beinart schildert, wie Obama in Chicago durch die liberalen Zionisten geprägt wurde, die aus der jüdischen Diskriminierungserfahrung die universalistische Konsequenz zogen, sich für alle verfolgten Minderheiten zu engagieren: auch für die Schwarzen in der Bürgerrechtsbewegung. Netanjahu hingegen kommt, wie sein Vater Benzion, aus der Schule des Rechtszionismus, der den Universalismus als Keim des Verderbens begriff: Die Konsequenz aus der jüdischen Geschichte sahen Vordenker des Revisionismus in einem wehrhaften Nationalismus, der Skrupel und Empathie als Schwäche brandmarkte.

Die einen sehen die Juden durch ihre Geschichte der Unterdrückung besonders in der Pflicht gegenüber den Fremden und Schwachen, die sie selbst immer wieder gewesen sind. Die anderen glauben, die Juden könnten nur überleben, wenn sie endlich so werden wie jene anderen: stark, machtvoll, rücksichtslos.

Israel gehört heute, allen Gefahren zum Trotz, zu den Vormächten der Region. Es ist zum Glück nicht wehrlos, wie Netanjahu mit seinen dauernden Holocaust-Anspielungen suggeriert. Keiner seiner Nachbarn kann es mit Israel aufnehmen. Beinart schildert den Kampf zweier Zionismen durchaus nicht ohne Verständnis für den Revisionismus der rechten Nationalisten. Er sieht darin eine verständliche Reaktion auf die jüdische Ohnmachtserfahrung. Diese Erfahrung bietet aber keine Orientierung mehr: Die heutige Herausforderung besteht darin, die Verantwortung anzunehmen, die aus jüdischer Macht erwächst.

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Leserkommentare
    • conure
    • 21. März 2013 11:43 Uhr

    das ausdrückt, was viele US Juden denken, aber nicht laut zu äußern wagen,
    um nicht als illoyal gebrandmarkt zu werden.

    Gideon Levy fordert heute in HAARETZ von Präsident Obama
    Israel vor sich selbst zu retten.

    2 Leserempfehlungen
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    • Karl63
    • 21. März 2013 12:03 Uhr

    dem müsste auch klar geworden sein, es gibt mittlerweile auch in Israels Sicherheitsapparat einige herausragende Persönlichkeiten die erkannt haben: mit rein militärischen Mitteln ist weder der Konflikt lösbar, noch die Spirale aus Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen.
    Indirekt stützt dies die Position dieses Buches, wenn auch aus einem ganz anderen Blickwinkel auf den Konflikt.

    • Karl63
    • 21. März 2013 12:03 Uhr

    dem müsste auch klar geworden sein, es gibt mittlerweile auch in Israels Sicherheitsapparat einige herausragende Persönlichkeiten die erkannt haben: mit rein militärischen Mitteln ist weder der Konflikt lösbar, noch die Spirale aus Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen.
    Indirekt stützt dies die Position dieses Buches, wenn auch aus einem ganz anderen Blickwinkel auf den Konflikt.

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    Antwort auf "Ein wichtiges Buch"
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    • conure
    • 21. März 2013 12:19 Uhr

    wie wird diese Erkenntnis, die viele kluge Juden weltweit teilen,
    in konkrete Politik umgesetzt.

    In Israel selbst existiert,seit der Ermordung Rabins,
    keine politische Kraft von Bedeutung mehr ,
    die eine weitsichtige Politik im Sinne Beinharts
    anstrebt.

    In den USA haben zwar wieder 75% der US Juden demokratisch
    gewählt, die mächtige Israellobby wird allerdings nachwievor
    von AIPAC und Geldgebern wie Adelson und Lauder bestimmt.
    Und sie sind es, nicht liberale Organisationen wie J-Street, die
    Einfluß auf die US Politik haben.

    Es gibt bereits Plakatkampagnen liberaler,jüdischer Organisationen
    in den USA mit der Headline "AIPAC doesn't speak for me", an den
    realen Machtverhältnissen ändert das zur Zeit leider wenig.

  1. Mit Netanjahu wird es keine Lösung des Problems geben - höchstens eine gewaltsame.

    4 Leserempfehlungen
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    ... wählt trotzdem immer wieder Netanyahu. Das stimmt. Und genau wie unterscheidet sich das von Deutschland?

    • conure
    • 21. März 2013 12:19 Uhr

    wie wird diese Erkenntnis, die viele kluge Juden weltweit teilen,
    in konkrete Politik umgesetzt.

    In Israel selbst existiert,seit der Ermordung Rabins,
    keine politische Kraft von Bedeutung mehr ,
    die eine weitsichtige Politik im Sinne Beinharts
    anstrebt.

    In den USA haben zwar wieder 75% der US Juden demokratisch
    gewählt, die mächtige Israellobby wird allerdings nachwievor
    von AIPAC und Geldgebern wie Adelson und Lauder bestimmt.
    Und sie sind es, nicht liberale Organisationen wie J-Street, die
    Einfluß auf die US Politik haben.

    Es gibt bereits Plakatkampagnen liberaler,jüdischer Organisationen
    in den USA mit der Headline "AIPAC doesn't speak for me", an den
    realen Machtverhältnissen ändert das zur Zeit leider wenig.

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    • eras
    • 21. März 2013 12:54 Uhr

    "In Israel selbst existiert,seit der Ermordung Rabins, keine politische Kraft von Bedeutung mehr, die eine weitsichtige Politik im Sinne Beinharts anstrebt."

    Präziser wäre: In Israel glaubt seit der 2.Intifada und den katastrophalen Auswirkungen des Abzugs aus Gaza keine bedeutende politische Kraft mehr, die an die Formel "Land für Frieden" glaubt. Die Ermordung Rabins war nur eines von mehreren Ereignissen, die zur Neubewertung der Situation bei vielen Israelis führten.

    Dass J-Street, Beinart und andere Personen mit Wohnsitz außerhalb Israels eine andere Bewertung im Hinblick auf den Friedensprozess vertreten, hat auch mit der Tatsache zu tun, dass die Selbstmordattentäter und Kassam-Raketen eben nicht bei ihnen in der Nachbarschaft explodierten...

    Ob diese Distanz zum Geschehen diese Kommentatoren glaubwürdiger oder unglaubwürdiger macht, ist Interpretationssache.

    • eras
    • 21. März 2013 12:54 Uhr

    "In Israel selbst existiert,seit der Ermordung Rabins, keine politische Kraft von Bedeutung mehr, die eine weitsichtige Politik im Sinne Beinharts anstrebt."

    Präziser wäre: In Israel glaubt seit der 2.Intifada und den katastrophalen Auswirkungen des Abzugs aus Gaza keine bedeutende politische Kraft mehr, die an die Formel "Land für Frieden" glaubt. Die Ermordung Rabins war nur eines von mehreren Ereignissen, die zur Neubewertung der Situation bei vielen Israelis führten.

    Dass J-Street, Beinart und andere Personen mit Wohnsitz außerhalb Israels eine andere Bewertung im Hinblick auf den Friedensprozess vertreten, hat auch mit der Tatsache zu tun, dass die Selbstmordattentäter und Kassam-Raketen eben nicht bei ihnen in der Nachbarschaft explodierten...

    Ob diese Distanz zum Geschehen diese Kommentatoren glaubwürdiger oder unglaubwürdiger macht, ist Interpretationssache.

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    • conure
    • 21. März 2013 13:04 Uhr

    dass es diese Einschätzung auch in Israel selbst gibt.

    Es hat weniger mit der Nähe zu "Kassam Raketen" zu tun,
    als mit einer intelligenten Analyse dessen, was den
    Staat Israel langfristig gefährdet und was nicht.

    Israel ist nicht durch Kassam Raketen gefährdet.
    Israel ist ein hochgerüsteter Staat...
    konventionell und atomar.

    Es gibt auch ganz andere Bedrohungen für einen Staat:
    der innere, moralische Zerfall durch ein Verhalten, das
    den eigenen Werten, in diesem Fall denen des Judaismus,
    widerspricht.

    Und manche Dinge sieht man aus der Distanz ohnehin
    klarer....

    Beinhart IST Zionist....
    aber die Frage ist, welche Form des Zionismus garantiert
    langfristig den Erhalt , den Frieden des Staates Israel.

    Im Inneren und im Äußeren.

    • sxouk2
    • 21. März 2013 13:05 Uhr

    ...baut noch mehr siedlungen. vereinnahmt noch mehr land. baut noch höhere mauern und nehmt den palästinensern noch mehr rechte.

    und feiert zum schluss, was für ein demokratischer staat israel doch ist.

  2. 6. [.,..]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/au

    • conure
    • 21. März 2013 13:04 Uhr

    dass es diese Einschätzung auch in Israel selbst gibt.

    Es hat weniger mit der Nähe zu "Kassam Raketen" zu tun,
    als mit einer intelligenten Analyse dessen, was den
    Staat Israel langfristig gefährdet und was nicht.

    Israel ist nicht durch Kassam Raketen gefährdet.
    Israel ist ein hochgerüsteter Staat...
    konventionell und atomar.

    Es gibt auch ganz andere Bedrohungen für einen Staat:
    der innere, moralische Zerfall durch ein Verhalten, das
    den eigenen Werten, in diesem Fall denen des Judaismus,
    widerspricht.

    Und manche Dinge sieht man aus der Distanz ohnehin
    klarer....

    Beinhart IST Zionist....
    aber die Frage ist, welche Form des Zionismus garantiert
    langfristig den Erhalt , den Frieden des Staates Israel.

    Im Inneren und im Äußeren.

    2 Leserempfehlungen
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    • eras
    • 21. März 2013 14:58 Uhr

    "Sie wissen ebenso gut wie ich dass es diese Einschätzung auch in Israel selbst gibt."

    Keine Frage. Das hab ich auch nicht in Zweifel gezogen. Meine Aussage ging eher dahin, dass die Vertreter dieser Einschätzung derzeit keine bedeutende politische Kraft darstellen. Sie wohnen auch eher in Tel Aviv als im vom Raketenbeschuss betroffenen Süden.

    Ich hatte das Vergnügen, letzte Woche in Yaffo mit einer Vertreterin einer weit radikaleren Position als der von Beinhart zu diskutieren. Ihre Ansicht, die ich als zu naiv ablehne: "Vollständiger, unilateraler und sofortiger Rückzug aus allen umstrittenen Gebieten - und es gibt Frieden". Am nächsten Morgen war die Nachbarschaft mit "Tod den Juden"-Graffitis "verziert". Der Nahostkonflikt ist halt ein wenig komplizierter, als es so manche Stimme wahrhaben will...

    Ansonsten gibt es nur wenig Widerspruch von meiner Seite hinsichtlich Ihrer Positionen. Die derzeitige Politik ist sicher nicht zukunftsfähig.

    • sxouk2
    • 21. März 2013 13:05 Uhr

    ...baut noch mehr siedlungen. vereinnahmt noch mehr land. baut noch höhere mauern und nehmt den palästinensern noch mehr rechte.

    und feiert zum schluss, was für ein demokratischer staat israel doch ist.

    5 Leserempfehlungen

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