Es war immer schon das Schatzkästchen unter den Berliner Museen. Und ist es jetzt mehr denn je. Hinein geht es in das gerade fertig renovierte Berggruen Museum von der Schlossstraße, eine lichte Rotunde empfängt die Besucher und leitet sie auf einer sich elegant emporschraubenden Treppe gen Himmel – der Bau stammt von Friedrich August Stüler. Was hier jetzt in neuer Hängung zu sehen ist, gehört zum Feinsten der neueren Kunstgeschichte. Gleich im ersten Raum ist man umringt von drei, vier Meisterwerken Picassos, auch das Glanzstück der Sammlung Berggruen hängt hier, Der gelbe Pullover von 1939: Wie eine Königin thront Dora Maar auf einem Stuhl, ihre Lippen sind rot, ihr Gesicht grauweiß wie Marmor, mit dem linken Auge schaut sie nach rechts – und mit ihrem größeren, rechten Auge dem Betrachter mitten ins Gesicht. Ihre Hände sind knorrige, graue Klauen, man denkt an die Harpyien, aber diese Frau ist wunderschön.

Vom kommenden Wochenende an ist Der gelbe Pullover wieder in dem nach dem Kunsthändler und Sammler Berggruen (1914 bis 2007) benannten Museum gegenüber dem Charlottenburger Schloss zu bewundern. Knapp zwei Jahre war das Haus geschlossen, die Architekten Kuehn Malvezzi renovierten nicht nur den Stüler-Bau, sie bauten auch eine verglaste Pergola zum Nachbargebäude, in das sich nun die Kunstsammlung Berggruen ausdehnen kann. Für die 167 Werke von Picasso, Klee, Matisse, Cézanne und Giacometti, die seit 1996 als Leihgaben hier ausgestellt waren und die der Staat später Berggruen für 253 Millionen Mark abkaufte, ist nun sehr viel mehr Platz. Das Schatzkästchen hat sich in eine geräumige Schatzkiste gewandelt, mehr als sechs Millionen Euro hat der Umbau den Bund gekostet. Jetzt, sagt der auch für dieses Haus zuständige Direktor der Berliner Nationalgalerie, Udo Kittelmann, hänge die Kunst hier erstmals wie in einem richtigen Museum.

Und er hat recht, viele Werke kommen besser zur Geltung. Das Gewusel von einst hat sich gelichtet, im Stüler-Bau ist nun überall Picasso, rund 90 Werke, chronologisch geordnet. Den Anfang macht ein Skizzenblatt des 16-jährigen Picasso aus Madrid, auf das er Hunde, Affen, Hasen und Schnauzbartträger hintuschte. Nach zwei, drei Gemälden aus der blauen und der rosa Phase geht es weiter mit allerlei kubistischen Gitarren-Stillleben aus der Zeit um 1920 bis hin zu einer Gruppe expliziter Akte aus den letzten Lebensjahren Picassos. Eine schönere Übersicht über das Schaffen dieses Künstlers lässt sich kaum denken.

Allerdings hat das Museum durch die Vergrößerung auch viel von seinem Charmes verloren: vom Charme eines intimen Sammlersalons. Das zeigt sich schon im Picasso-Trakt, wo so mancher Raum nun locker mit mittelmäßigen Arbeiten auf Papier gefüllt wurde. Viele dieser Arbeiten gehören zu jenem wenige Dutzend Werke umfassenden Konvolut an neuen Leihgaben der Familie Berggruen, die als Begründung für den teuren Um- und Anbau herhalten mussten.

Der Verlust zeigt sich vor allem aber im neuen Trakt der Sammlung, im Kommandantenhaus. Das liegt zunächst an der Architektur jener Flure, über die man die Ausstellungszimmer – von Sälen kann man nicht sprechen – erreicht: Man fühlt sich wie in den Eingeweiden eines Kauf- oder Krankenhauses, Treppen, Aufzugs- und Notausgangstüren, wohin man schaut. In den Kabinetten selbst finden sich dann mehrere Bilder, von denen man sich kaum losreißen möchte: die winzige Leinwand Mädchen mit offenem Haar von Cézanne etwa oder Paul Klees Aquarell Felsenkammer (1929), ein Spiel aus lauter gelben und grünen Farbstreifen. Doch die Nähe von allzu vielen mediokren Blättern Klees lenkt mächtig ab – und die Bestände an Cézannes und Matisses in der Sammlung Berggruen sind zu klein und zu wenig repräsentativ, als dass man seinen Blick daran schulen könnte. In der Petersburger Hängung von einst war das nicht weiter aufgefallen.

Der besondere Charme der Sammlung lag bis zu Heinz Berggruens Tod 2007 auch darin, dass man als Besucher mit ein wenig Glück den Sammler persönlich kennenlernen konnte. Seinen Lebensabend hatte er, der als Jude während der NS-Zeit hatte fliehen müssen, zumeist in seiner Heimatstadt Berlin verbracht. Oft verließ Berggruen die ihm vom Museum im obersten Stock eingerichtete Wohnung und sprach mit Besuchern über die Kunst und sein Leben. Und es ist wohl kein Zufall, dass nun die erste Wechselausstellung des Museums den Gauklern, Narren und Harlekinen gewidmet ist. Schließlich glich Berggruen in gewisser Weise einem mittelalterlichen Narren – ein kritischer Freigeist, der es mit seiner gewitzten Art geschafft hatte, vom Sohn eines Wilmersdorfer Schreibwarenhändlers zu einem der mächtigsten Kunsthändler der Welt aufzusteigen. Und der dabei einige Menschen an der Nase herumführte.

Voriges Jahr sorgte ein Buch der Autorin Vivien Stein über dieses einzigartige Leben für Aufregung, eine literarische Anklageschrift, die den Sammler der Lüge, der Steuerhinterziehung und der Profitgier bezichtigte. Unweigerlich fragte man sich beim Lesen nach den Motiven der Autorin. Doch einige der durch das Buch aufgeworfenen Themen zum Umgang öffentlicher Museen mit privaten Sammlern sind, ganz unabhängig von der Person Berggruens, zukunftswichtig: Wie können Museen ohne Ankaufsetats ihre Entscheidungsmacht beim Sammeln von Kunst zurückerlangen? Wie können sie Privatsammler zu echten, also uneingeschränkten Schenkungen animieren? Und: Muss jeder Großsammler vom Staat gleich sein eigenes Museum hingestellt bekommen? Auch solchen Fragen kann man in den neu eröffneten Räumen nachgehen.

Berlin darf sich über den mit Bildschätzen gefüllten Stüler-Bau jedenfalls freuen, die Stadt hat jetzt ein echtes Picasso-Museum. Der Salon Berggruen aber ist Geschichte.