Man möchte Sergej Filin in die Augen schauen. Einschätzen, wie viel er erkennt von dem, was um ihn herum geschieht. Wie sehr er selbst glaubt an das, was er sagt.

Aber Sergej Filin trägt eine Sonnenbrille, die seine von der Schwefelsäure verätzten Augen verdeckt. Die Kapuze hat er tief ins Gesicht gezogen, während er vom Ballett redet, das sein Leben sei und immer bleiben werde. "Es ist eine einzigartige Welt der Märchen, in der alle Menschen der Kunst dienen."

Sergej Filin, 42 Jahre alt, ist künstlerischer Leiter der Ballett-Truppe des Bolschoitheaters in Moskau, des größten Balletts der Welt. Filin bestimmt, was getanzt wird und wie, vor allem aber: Er entscheidet, wer welche Rolle bekommt. Diese Macht, so scheint es, ist ihm zum Verhängnis geworden.

Vor zwei Monaten, in der Dunkelheit des 17. Januar, schüttete ein vermummter Mann ein Glas Schwefelsäure in Filins Gesicht. Vergangene Woche fand die Polizei heraus, dass es sich bei dem Täter um einen vorbestraften Verbrecher handelte, der mit Filin und dem Bolschoi nichts zu tun hatte. Den Auftrag für den Anschlag aber soll Pawel Dmitritschenko gegeben haben, ein berühmter Solist des Bolschoi.

Seitdem debattiert ganz Russland darüber, wie so viel menschliche Hässlichkeit an diesen Ort der Schönheit kam.

Bis vor fünf Jahren hat Sergej Filin selbst noch am Bolschoi getanzt. Die Zuschauer kennen ihn als Prinz Siegfried in Schwanensee, als Albert in Giselle, leichtfüßig, jungenhaft strahlend, der Pony fällt über die Augen. Ein Peter Pan, der für immer ein Knabe bleiben will. Jetzt ist sein Gesicht aufgedunsen und fleckig wie nach einem Sonnenbrand. Das Haar ist kurz geschoren. Filin kann keine Pirouetten mehr drehen.

In der Cafeteria des Aachener Universitätsklinikums, wo er zurzeit behandelt wird, tastet er sich am Arm seiner Ehefrau voran. Wenn er zur Teetasse greift, findet er sie nicht gleich. Ein lebendes Mahnmal, das an die Zerstörung des Mythos Bolschoi erinnert.

Filin, das Opfer – damit fängt die Geschichte an. Aber wo endet sie? Wer ist der Gute und wer der Böse? In der Wirklichkeit des Bolschoi sind die Rollen nicht so klar verteilt wie auf der Bühne.

Bolschoitheater – das heißt übersetzt schlicht: "Großes Theater". Und groß ist es, in jeglicher Hinsicht. Stolz weist man in Russland darauf hin, dass das Bolschoi ein paar Monate älter ist als die USA. Zweimal ist das Haus abgebrannt, zweimal wurde es wiederaufgebaut. Zuletzt 1856. Damals verhungerten im Krimkrieg russische Soldaten, in die Reparatur des Bolschoitheaters aber flossen Millionen Rubel. Als sowjetische Funktionäre im August 1991 gegen Michail Gorbatschow putschten, lief im Fernsehen zur Besänftigung der Massen eine Aufzeichnung von Schwanensee im Bolschoi – auf allen Sendern.

Die Attacke auf Sergej Filin, sagte Russlands stellvertretender Kulturminister Andrej Busikin, sei nicht nur gegen einen Menschen gerichtet gewesen: "Es war ein Anschlag auf die russische Kultur."

Manche Karrieren am Bolschoi beginnen auf wundersame Weise

Russland wurde in den vergangenen 20 Jahren aus seinen Grundfesten gehoben. Die Menschen wissen nicht mehr, woran sie sich halten sollen, also glauben sie an ihren Präsidenten, an ihren Patriarchen, an die Verheißung des Geldes – und an das Bolschoitheater. So schlecht es Russland auch ging – das Bolschoi blieb der Ort des Schönen, Reinen, Erhabenen.

Natürlich war das eine Illusion, aber es fiel nicht schwer, an sie zu glauben, obwohl sich bei genauerem Hinsehen am Bolschoi seit Jahren interne Machtkämpfe beobachten ließen – seit 1995 hatte das Ballett sechs künstlerische Leiter, keiner hielt länger als vier Jahre durch; einer wurde das Opfer einer Verschwörung unter den Tänzern, ein anderer stürzte noch vor dem Amtsantritt über einen Skandal um pornografische Bilder.

Erst das Attentat aber führte allen Russen vor Augen, dass Gewalt, Korruption und Intrigen inzwischen nicht nur in ihrem Land alltäglich sind, sondern auch in ihrem Großen Theater.

Am späten Abend des 17. Januar wartet ein Mann namens Juri Sarutski, der wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge im Gefängnis gesessen hat, vor einem Apartmenthaus in Moskaus Norden. Hier wohnt der Ballettdirektor. Es ist kurz nach elf, als Filin auftaucht. Der Attentäter ruft ihn beim Namen: "Sergej Jurjewitsch!" Als Filin sich umdreht, schüttet ihm Sarutski ein Glas Schwefelsäure ins Gesicht, wirft das leere Glas zu Boden und rennt davon.

Sergej Filin spürt einen brennenden Schmerz, er versucht, die Flüssigkeit mit Schnee abzuwaschen, und ruft den Parkplatzwächter zu Hilfe. Der informiert Filins Ehefrau und den Rettungsdienst. Die Ärzte im Städtischen Krankenhaus Nummer 36 verkünden der Öffentlichkeit wenige Stunden später die Diagnose: Verätzungen zweiten, dritten und vierten Grades an Gesicht und Kopfhaut, vor allem aber an den Augen. Sergej Filin kann zu diesem Zeitpunkt nichts mehr sehen.

Die Ermittler rekonstruieren später, dass zur Tatzeit ein Komplize Sarutskis namens Andrej Lipatow in einem Auto wartet und telefoniert. Über die Auswertung aller Handyverbindungen in der Nähe des Tatortes kommt die Polizei den beiden Männern auf die Spur. Über die Handykontakte Sarutskis stößt sie schließlich auf den Auftraggeber. Es ist der Tänzer Pawel Dmitritschenko, seine Paraderolle ist Iwan der Schreckliche.

Die drei Männer kennen sich aus der Datschensiedlung des Bolschoitheaters außerhalb Moskaus, wo der ehemalige Häftling Sarutski dem Tänzer gelegentlich bei handwerklichen Arbeiten zur Hand ging. 50.000 Rubel, umgerechnet 1250 Euro, soll Dmitritschenko für das Attentat bezahlt haben.

Am Dienstag vergangener Woche werden Sarutski, Lipatow und einige Stunden später Pawel Dmitritschenko verhaftet. Noch in derselben Nacht unterzeichnen alle drei ein Geständnis.

Sechs Jahre lang, von 2002 bis 2008, standen Sergej Filin und Pawel Dmitritschenko zusammen auf der Bühne. Als Künstler, die gemeinsam an der Leichtigkeit des Tanzes arbeiteten. Jetzt stehen sie als Opfer und mutmaßlicher Täter vor der russischen Öffentlichkeit.

Anfang Februar wurde Filin an die Aachener Augenklinik verlegt. Dort sitzt nun seine Frau Maria Prorwitsch, auch sie Tänzerin am Bolschoi, zierlich wie ein Teenager, neben ihm und verfolgt jedes Wort, jedes freudlose Lachen ihres Mannes. Drei Tische entfernt hat sich ein massiger Mann im schwarzen Anzug niedergelassen, der als Boris vorgestellt wird, Assistent und Dolmetscher. Boris hat den ruhig-unruhig umherschweifenden Blick eines Leibwächters.

Der verwundete Ballettdirektor sagt: "Die Menschen am Bolschoi sind anders als die normalen Menschen draußen auf der Straße." Filin ist das Kind solch normaler Menschen, sein Vater war Kraftfahrer, seine Mutter Hausfrau. Das Bolschoi war der Ort, an dem er sich von der Normalität seiner Herkunft befreite.

Filin scheint sich schon an diesem Tag – kurz vor den Festnahmen – sicher zu sein, wer hinter dem Anschlag steckt. Namen wolle er nicht nennen, sagt er. Aber dann streift das Gespräch die Solistin Angelina Woronzowa, eine ehrgeizige junge Ballerina – die Lebensgefährtin des mutmaßlichen Täters Pawel Dmitritschenko.

Mehrfach hat Woronzowa von Filin die Rolle der Schwanenkönigin im Ballett Schwanensee gefordert. Im Fernsehen sagte sie: "Ich wünsche mir sehr, dass das Ballett Schwanensee in meiner Biografie eine ganz besondere Rolle spielt."

Filin aber lehnte ab.

Hat Woronzowa diese Kränkung womöglich nicht überwunden? Wollte Pawel Dmitritschenko mit dem Attentat die vermeintliche Ungerechtigkeit gegenüber seiner Freundin rächen? Bisher wollte er sich dazu nicht äußern.

In der Caféteria in Aachen sagt Filin über Woronzowa: "Ich habe ihr klargemacht: Wenn sie diese Rolle möchte, sollte sie besser mit einer Frau trainieren als mit einem Mann." Tage später schickt Filins Assistentin eine lange E-Mail. Offenbar ist es dem Ballettdirektor wichtig, genau zu erklären, warum Woronzowa nicht Schwanenkönigin wurde. "Die Rolle lag noch weit über ihrem Status in der Truppe", steht in der E-Mail.

Dazu muss man wissen: Sergej Filin hat als Tänzer viele Jahre lang miterlebt, wie Karrieren am Bolschoi auf wundersame Weise begannen und andere abrupt endeten – nur weil mächtige oder reiche Menschen es verlangten. Wie hat er selbst sich als Ballettdirektor verhalten? Wollte er Angelina Woronzowa die Rolle der Schwanenkönigin wirklich nicht geben, weil sie noch nicht bereit dafür war? Oder wollte er ihrem Lehrer eins auswischen, dem Tänzer Nikolai Ziskaridse, mit dem ihn eine offene Feindschaft verbindet?

Das Gesicht der Ballerina sieht aus wie mit einem harten Bleistift gezeichnet

Die Leichtigkeit, die in Stücken wie Schwanensee vom Publikum so sehr bewundert wird, ist im Ballett immer hart erkämpft. Aber vielleicht nirgendwo so hart wie im Bolschoi.

Die Stimme der Ballettpädagogin zerschneidet die Klavierbegleitung mit der Gewalt von Peitschenhieben. "Ich verstehe wirklich nicht ein Körnchen von dem, was du da veranstaltest!" Auf der großen Bühne des Bolschoi tanzt eine Primaballerina. Der Zuschauerraum ist ein schwarzes Loch, es ist Nachmittag, Probenzeit. Ein Schweißfilm schimmert auf der Stirn der Primaballerina. Sie springt, tanzt auf Spitze die Bühne rauf und runter und wieder rauf und wieder runter. 30 Sekunden später steht sie gebückt, die Hände auf die Oberschenkel gestützt, ihr keuchender Atem ist bis weit in die Zuschauerränge zu hören. Sie schaut über den Orchestergraben hinweg zu ihrer Lehrerin. Ihr Blick fragt: Wie war ich? Die Antwort: "Unsinn, alles Unsinn!"

Die Primaballerina ist eine von zehn am Bolschoitheater, eine Ehre, um die sie lange kämpfen musste. Ihr Gesicht sieht aus wie mit einem harten Bleistift gezeichnet, so als sei es nicht zum Lächeln gemacht.

Nach der Probe schlüpft die Primaballerina aus ihren Spitzenschuhen. Ihre nackten Beine liegen auf dem Bühnenboden. Die Zehen sind gerötet, einige sind bandagiert, auf dem Schienbein klebt ein Pflaster, ein zweites auf dem rechten Fuß, darunter eitert eine offene Blase in der Größe eines Daumennagels.

In ihrer Tasche, die sie von Probe zu Probe schleppt, bewahrt sie Watte, Pflaster, Salben, Bandagen und ein Fläschchen Lidocain auf, mit dem sie den Schmerz betäuben kann, wenn er ihr die Konzentration raubt.

Solche Utensilien tragen die Tänzerinnen mit großer Selbstverständlichkeit mit sich herum. Tänzerinnen, deren Tage so lange dauern, dass es gerade mal für eine hinuntergestürzte Tasse Kaffee reicht. Tänzerinnen, die nicht wissen können, ob ihr täglicher Kampf gegen die Erschöpfung, gegen den Hunger, gegen die Schmerzen sich am Ende lohnen wird. Ob sie die Rolle bekommen, nach der sie sich sehnen.

Mehr als 200 Tänzer zählen zum Ensemble des Bolschoi. Tausende Mädchen und Jungen bewerben sich jedes Jahr an der Staatlichen Akademie für Choreografie in Moskau, der Talentschmiede des Bolschoi. Im vergangenen Jahr wurden 46 genommen. Am Ende ihrer Ausbildung werden sie 17 Jahre alt sein, und wer mehr wiegt als 45 Kilogramm, wird als schwer vermittelbar gelten. Das Bolschoi aber wird nur drei Tänzer auswählen, vielleicht fünf.

Die wenigen, die es an das Große Theater schaffen, haben 20 Jahre. In dieser Zeit kämpfen sie um Ruhm und Anerkennung, um die besten Rollen. Mit Ende 30, Anfang 40 gehen sie in Rente.

Nach einem Auftritt müssen die Tänzer, um den Applaus vom obersten Rang des Bolschoi zu empfangen, den Kopf weit in den Nacken legen. Es sieht dann so aus, als erwarteten sie die Gunstbezeugung eines höheren Wesens. Russlands Ballettstar der sechziger und siebziger Jahre, Maja Plissezkaja, hat einmal gesagt, in diesem Moment gebe man dem Zuschauer die Möglichkeit, den Schweif eines Kometen zu berühren. Es sind diese Momente, für die die Tänzer am Bolschoi sich in den Proben quälen und für die sie gegeneinander kämpfen.

Früher gab es am Bolschoi die Institution des Vortanzens. Eine Ballerina studierte eine Rolle ein und führte sie dem Ballettdirektor und den Pädagogen vor. Das schuf ein zumindest einigermaßen gerechtes Auswahlverfahren, das letzte Wort hatte schon damals der Ballettdirektor. Selbst dieses bisschen Durchschaubarkeit aber ist verloren gegangen. Die Tänzer, die heute auf der Bühne stehen, mussten nicht vortanzen – sie wurden erwählt, zuletzt von Sergej Filin.

Im Ensemble ist Bitterkeit zu spüren angesichts dieser Ohnmacht der Tänzer. Da taucht ein junges Mädchen im Corps de Ballet auf, keiner kennt es, keiner weiß, wie gut es tanzt, aber es erhält sofort die große Rolle, die alle anderen auch wollen. Von oben heißt es dann: "Experiment". Aber niemand weiß, was oder wer wirklich hinter der Entscheidung steckt.

Es geht jedoch nicht nur darum, wer die Julia tanzen darf, wer den Romeo. Es geht auch um Geld. Das Grundgehalt eines Tänzers am Bolschoi beträgt 9.000 Rubel, etwa 225 Euro, dazu kommt eine staatliche monatliche Förderung, die sich nach dem Erscheinen in der Morgenklasse, der Anzahl der einstudierten Rollen sowie der Anzahl und dem Schwierigkeitsgrad der Auftritte richtet. So kann man noch einmal auf 25.000 Rubel – 615 Euro – kommen, oder auch auf viel weniger. Nur Solisten erhalten Prämien, je nachdem, wie oft und wie lange sie auf der Bühne Höchstleistung zeigen, einige Tausend Euro können das im Monat sein.

Um die Solopartien wird mit allen Mitteln gekämpft

Die besten Rollen, die Solopartien, versprechen nicht nur Ruhm, sondern auch Wohlstand. Sie sind es wert, darum zu kämpfen – mit welchen Mitteln auch immer.

Am Bolschoi kursieren Gerüchte über durchgeschnittene Schleifenbänder an Ballettschuhen. Angeblich kam eine Schwanenkönigin einmal vor Beginn des nächsten Aktes in ihre Garderobe, und von ihrem Kostüm waren sämtliche Pailletten abgetrennt.

Die meisten Ensemblemitglieder spielen diese Geschichten als Legenden herunter. Doch sie kennen Intrigen, die weit schlimmer ausgingen als mit ein paar verlorenen Glitzersteinen: So hätte der jetzige künstlerische Leiter des Bolschoi statt Sergej Filin eigentlich Gennadi Janin heißen sollen. Doch wenige Tage bevor Janin den Vertrag unterschreiben sollte, schickte jemand eine E-Mail an 3847 Adressen: an Journalisten, Tänzer, Verwaltungsmitarbeiter des Bolschoi. Im Anhang befanden sich Bilder, die den nackten Janin zusammen mit nackten Frauen und Männern zeigten. Janin zog seine Bewerbung zurück. Wer die E-Mail versandt hatte, wurde nie aufgeklärt.

Sergej Filin wiederum bekam schon einige Zeit vor der Schwefelsäure-Attacke Drohungen. Seine Autoreifen wurden zerstochen. Am Silvesterabend 2012 ließ ein automatisches Anrufprogramm seine beiden Handys im Sekundentakt klingeln. Jemand richtete unter Filins Namen ein Facebook-Profil ein und veröffentlichte dort Briefe, in denen Tänzer als Frettchen bezeichnet wurden. Alexej Ratmanski, einer von Filins Vorgängern, der 2008 entnervt aufgegeben hatte und nach New York geflohen war, kommentierte den Anschlag auf Facebook mit den Worten: "Das Unglück ist kein Zufall. Das Bolschoi hat so viele Krankheiten. Die Ethik wird Schritt für Schritt zerstört."

Natürlich zeigten sich die Tänzer des Bolschoitheaters nach dem Attentat erschüttert. Es flossen Tränen vor laufender Kamera. Aber niemand wirkte wirklich überrascht.

Filin selbst und die Pressestelle des Bolschoi erklären den Anschlag so: Filin wurde dafür bestraft, dass er mehr Ehrlichkeit schaffen wollte. "Ich habe nie irgendwelche Rollen verkauft, bei mir bekommt jeder Tänzer seine Chance", sagt Sergej Filin.

Russische Medien berichten dagegen, Dmitritschenko habe bei der Polizei ausgesagt, Filin habe die Stipendien, die die Tänzer vom Staat bekommen, hauptsächlich an seine Favoriten und Günstlinge verteilt. Einen Teil des Geldes habe er selbst eingesteckt. Filin entgegnet, eine Kommission mit sechs Mitgliedern entscheide über die Verteilung des Geldes. Er allein könne keine Entscheidung treffen.

Selbst Tänzer, die Filin durchaus wohlgesinnt sind, bezweifeln allerdings, dass er so integer ist, wie er vorgibt. Eine Journalistin, die das Kommen und Gehen der künstlerischen Leiter des Balletts seit Jahren verfolgt, sagt: "Wer zu unbequem ist, bekommt diesen Posten nicht. Jeder spielt das Spiel mit." Wenn das stimmt, dann heißt das: Filin ist zum Opfer geworden, weil Dmitritschenko und Woronzowa nicht damit umgehen konnten, dass sie das Spiel verloren hatten.

Jeden seiner Tänzer verschlingt das Bolschoi mit Haut, Haaren und Gedanken. Mehr als zehn Stunden täglich verbringen die Tänzer im Theater, sechs Tage die Woche, oft auch den siebten. "Wir wissen nicht viel von dem, was draußen in der realen Welt geschieht", sagt eine Ballerina. Das Ballett ist wie eine Großfamilie, die mal Wärme spendet, ein anderes Mal mit Kälte straft. Sie kennen einander zu gut, sie lieben sich, und manchmal fangen sie an, sich zu hassen.

Sergej Filin war in erster Ehe mit einer Primaballerina des Bolschoi verheiratet. Seine jetzige Ehefrau tanzt im Corps de Ballet. Es gibt viele Partnerschaften und Ex-Partnerschaften im Ensemble. Die Freundin eines Solisten tauchte nackt auf Fotos eines anderen Tänzers auf. Der Mythos des Bolschoi will, dass alle bleiben und es miteinander aushalten. Weil es nirgendwo auf der Welt ein besseres Ballett gibt, bleiben auch fast alle. Aber irgendwann halten sie es nicht mehr miteinander aus.

Es existiert ein Video, das Pawel Dmitritschenko am Abend der Festnahme im Polizeirevier zeigt. Er sieht aus wie ein Mann, den man gerade aus dem Schlaf gerissen hat: Das Haar fettig und ungekämmt, die Augen sind dunkel umringt, die Lider hängen tief. Er bekam begehrte Rollen, weil die Choreografen die Kraft seiner Bewegungen schätzen. An diesem Abend jedoch wirkt Dmitritschenko schmal und unsicher. Er nennt seinen Namen, sein Geburtsdatum. Es sieht aus, als müsse er sich zu jedem Wort zwingen. Nur für Sekundenbruchteile schaut er in die Kamera. "Ich habe den Anschlag organisiert, aber nicht in dem Ausmaß, wie er dann passiert ist", sagt er. Bei der Anhörung vor Gericht einige Tage später distanziert er sich von seinem Geständnis: "Es ist absolut unwahr, dass ich den Auftrag gegeben habe, Filin Säure ins Gesicht zu schütten." Er habe lediglich zugestimmt, als sein Kumpel vorschlug, er werde Filin "eins in die Fresse" geben.

Pawel Dmitritschenko ist ein typischer Bolschoi-Mann. In Moskau geboren, Abschluss der Choreografie-Akademie, sofortiges Engagement am Bolschoiballett, wo er seit elf Jahren tanzt. Dmitritschenko gilt als impulsiv, als jähzornig. "Wenn es ernst wird, rastet er schnell aus", erzählt eine Tänzerin. Als eine Ballettkritikerin der Tageszeitung Kommersant es einmal wagte, negativ über eine Aufführung von Iwan der Schreckliche zu schreiben, in der Dmitritschenko tanzte, hinterließ er unter dem Artikel im Internet wütende Kommentare. Die Redaktion löschte sie, die Äußerungen des Tänzers erschienen ihr "anstößig". Richtete sich seine Wut nun gegen Sergej Filin? Weil der seiner Lebensgefährtin nicht genug Beachtung schenkte?

Filin und Angelina Woronzowa begegneten sich zum ersten Mal im Jahr 2008. Damals gewann die 16-jährige Tänzerin aus der Provinzstadt Woronesch einen bedeutenden internationalen Ballettwettbewerb. Filin holte die blutjunge Ballerina nach Moskau, half ihr bei der Wohnungssuche und versprach ihr ein Engagement an dem Moskauer Theater, für das er damals arbeitete. Woronzowa sagte zu, sprang aber in letzter Minute ab und ging zum Bolschoi. Ein Zeitungsartikel aus jener Zeit schwärmt von der kindlichen Woronzowa mit dem makellosen Ballettkörper, die Schokolade liebt und niemals aufhört zu lachen. Sie sagte: "Selbst im Schlaf träume ich davon, wie ich bestimmte Bewegungen noch verbessern kann."

Die Abneigung zwischen Filin und Ziskaridse ist legendär

Das Schmollgesicht und die Kulleraugen sind ihr geblieben. Angelina Woronzowa ist jetzt 21 Jahre alt und fühlt sich bereit für die begehrteste Rolle im Ballett: die Schwanenkönigin. 32 berühmte Fouettés, 32 einbeinige Pirouetten hintereinander tanzt der schwarze Schwan im dritten Akt. Immer wieder hat sie Filin um die Rolle gebeten. Das letzte Gespräch im Dezember endete im Streit. Genüsslich kolportiert die Moskauer Presse einen Satz Filins, der in diesem Gespräch gefallen sein soll: "Schau dich doch einmal im Spiegel an, was für eine Schwanenkönigin willst du denn sein?"

Wenn Sergej Filin selbst heute in den Spiegel schaut, erkennt er nicht mehr als ein verschwommenes Bild.

Angelina Woronzowa behauptet, Filin wollte ihr die Rolle geben, wenn sie ihren Lehrer Nikolai Ziskaridse verlasse. Filin bleibt dabei, er habe nur gesagt, es sei schlauer, mit einer Frau zu trainieren. Die Abneigung zwischen Sergej Filin und Nikolai Ziskaridse ist legendär. Wenn man Filin auf den Tänzer anspricht, erntet man nur Schweigen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Ziskaridse, der alternde Star der Truppe, Filins Posten des Ballettdirektors haben will. Ziskaridse ist 39 Jahre alt, er kommt langsam ins Ballett-Rentenalter. Auch für ihn ist ein Abschied von der Familie keine Option, doch wenn er bleiben will, muss er sich eine neue Position am Bolschoi suchen.

Als Filin und Ziskaridse noch gemeinsam tanzten, habe Filin dem Tanzpartner in der Garderobe oft kleine Zettel zugesteckt mit Lästereien über Tänzer und Vorgesetzte, sagt Ziskaridse. Er habe alle Zettel aufgehoben und werde sie irgendwann veröffentlichen.

Wenn das Bolschoitheater eine Großfamilie ist, die sich wegen Geld und Ruhm zerstritten hat, dann ist Anatoli Iksanow der Patriarch. An einem Nachmittag Anfang Februar sitzt er im Atrium des Theater-Nebengebäudes, vor ihm ein roter Teppich, neben ihm Mitglieder der Lettischen Nationaloper. Sie geben eine Pressekonferenz zu einem Gastspiel der Letten im Bolschoi.

Iksanow ist der Generaldirektor des Bolschoi. Er hat bewiesen, dass er Karrieren und Leben zerstören kann. Jetzt sitzt er da – und schweigt. Das kann er gut, die Augen verschwinden fast unter den zusammengezogenen Brauen. Nach der Pressekonferenz bestürmen ihn die Journalisten, alle wollen einen Kommentar zum Anschlag auf Filin. Iksanow wehrt brummend ab, schließlich doch noch ein Satz: "Sergej hat mir gesagt, er fühle sich, als wenn er im Krieg an der Front wäre. Ich habe ihm gesagt, an dieser Front kämpfe ich schon seit etwas mehr als zwölf Jahren."

Damals, im Jahr 2000, hat Iksanow das Amt des Generaldirektors übernommen. Seinen Vertrag schloss er direkt mit dem Ministerpräsidenten. Ohne hervorragende Beziehungen zur Regierungsspitze hätte sich der oberste Herr im Bolschoi nie so lange auf seinem Posten halten können.

Neben den hoch aufgeschossenen, schmalen Tänzern sieht der Direktor aus wie eine Karikatur: Er ist kugelrund und kahlköpfig. Man kann ihn sich eher mit einer Zigarre in der Hand auf einem Wirtschaftsempfang vorstellen als auf einer Theaterbühne. Bevor Iksanow kam, nahm im Bolschoi niemand die Wörter "Fundraising" und "McKinsey" in den Mund. Der neue Direktor aber warb um Sponsoren und holte Unternehmensberater ins Bolschoi.

In Interviews erzählt Anatoli Iksanow gern von dem Fabergé-Kristallschwan, der in einem Regal in seinem Büro steht. Seit ihn Zar Nikolaus II. dem Theater schenkte, wird der Schwan von Direktor zu Direktor weitergegeben. "Und so wird es auch noch viele Jahrhunderte sein." Iksanow verwaltet ein Jahresbudget von etwa 90 Millionen Euro, er ist sich sehr wohl bewusst, dass die Traditionsmarke "Bolschoi" viel mehr wert ist. Er selbst hat einmal aufgezählt, wer alles im Bolschoi regieren möchte, wer gegen ihn in den Krieg zieht: Oligarchen, überambitionierte Ensemblemitglieder, Lebemänner, die staatliche Nomenklatura aus dem Kulturministerium und aus der Präsidialverwaltung. Hat er gegen einen dieser Gegner je klein beigegeben? Er sagt: nein. Andere sagen, er tue das in schöner Regelmäßigkeit. Die meisten wollen nicht in der Öffentlichkeit zitiert werden.

Eine aber posaunt es heraus: Anastasia Wolotschkowa.

Die ehemalige Primaballerina gibt sich viel Mühe, den Eindruck zu erwecken, sie führe ein aufregendes Leben. Sie lässt Termine platzen, für Telefonate hat sie nur Zeit, wenn sie gerade im Taxi sitzt, unterwegs zu einem Flughafen irgendwo in Russland. Wolotschkowa ist 37 Jahre alt, sie könnte immer noch auf der Bühne des Bolschoi stehen, aber seit 2003 ist sie freigestellt. Sie hat seitdem jede Menge unternommen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie hat sich nackt fotografieren lassen, wollte Bürgermeisterin der Olympiastadt Sotschi werden, trat in Wladimir Putins Partei "Einiges Russland" ein und wieder aus. Wolotschkowa betont so oft, dass es ihr gut geht, dass es eigentlich nicht stimmen kann. Schließlich erscheint sie doch zu einem Treffen, um ihre Geschichte zu erzählen: in weißem Pelz und weißer Hose. Sofort denkt man an Odette, den unschuldigen weißen Schwan aus Schwanensee. Anastasia Wolotschkowa trägt immer noch die Ballerinafrisur, einen strengen Dutt am Hinterkopf.

Sie tanzen um ihre Rollen, für den Ruhm und gegen die Angst

1998 kommt Wolotschkowa aus St. Petersburg ans Bolschoi und erhält sofort die Rolle der Schwanenkönigin. Sie tanzt fünf Jahre, dann kündigt Anatoli Iksanow ihr. Der Direktor sagt öffentlich, die Tänzerin habe die Form verloren. Er sammelt unter den männlichen Stars des Balletts Unterschriften für einen Brief, in dem sie bekräftigen, sie könnten die Primaballerina nicht mehr hochheben. Es gefährde ihre Gesundheit. In Talkshows und auf der Straße diskutieren die Russen: Ist die Wolotschkowa zu fett fürs Ballett? Von dieser Kränkung hat sie sich nie erholt.

Anastasia Wolotschkowa klagte gegen die Kündigung, sie bekam recht, auf der Bühne des Bolschoi trat sie trotzdem nie wieder auf. Sie berichtet, während des Prozesses seien vor ihrem Umkleideraum Männer mit einem Blumenbouquet aufgetaucht und hätten ein Messer daraus hervorgezogen. "Sie drohten mir und forderten mich im Namen des Direktors auf, ich solle meine Klage zurückziehen."

Anastasia Wolotschkowas Vorwürfe lassen sich kurz zusammenfassen: Am Bolschoitheater unter der Führung von Anatoli Iksanow könne man für Geld alles kaufen – Rollen und Sex.

Sie scheint sich dabei nicht bewusst zu sein, dass sie selbst das beste Beispiel für mindestens einen dieser Vorwürfe ist. Ihr Aufstieg und ihr Fall als Ballerina sind eng mit einem russischen Oligarchen verbunden, mit dem sie um die Jahrtausendwende liiert war. Zunächst profitierte sie von seiner Gunst. Ein Tänzer, der sich in jener Zeit beim Theaterdirektor über die Bevorzugung Wolotschkowas beschwerte, berichtet, Iksanow habe geantwortet: "Verstehen Sie nicht, wer sie sponsert? Verstehen Sie nicht, wer hinter ihr steht?"

Wolotschkowa selbst sagt, ebenjener Oligarch habe nach ihrer Trennung bei Iksanow ihren Rausschmiss "bestellt".

Nikolai Ziskaridse, der alternde Star, Lehrer von Woronzowa und Widersacher von Filin, verglich den Führungsstil Iksanows öffentlich mit dem Josef Stalins. Iksanow hat darauf reagiert. Wieder einmal mit einem Brief. Den sollten alle Ballettpädagogen unterzeichnen und damit ausdrücken, wie unzufrieden sie mit Ziskaridse seien. Diesmal aber hat kaum einer unterschrieben.

Anatoli Iksanow sitzt also in seinem prächtigen Büro mit dem alten Fabergé-Schwan und schreibt Briefe. Es ist die Methode, mit der der alternde Patriarch versucht, seinen Posten zu sichern.

Es ist kurios. Nach den Verhaftungen herrscht im Bolschoi keine Erleichterung. Im Gegenteil: Die Angst scheint größer als zuvor. Nachdem die Nachricht von der dreifachen Festnahme sich verbreitet hatte, wurden Zitate für diesen Artikel zurückgezogen, Tänzer, die zuvor bereitwillig geredet hatten, wollten auf einmal nicht mehr mit ihrem Namen in der Zeitung stehen. Gab es eine Anweisung von ganz oben?

Ende vergangener Woche versammelten sich am Bolschoitheater die Mitarbeiter. Alle Künstler waren da, die ganze Bolschoifamilie. Im Atrium des Theaters hörten sie einer Gruppe von Ermittlern zu, die ihnen erklärten, welche Beweise es gegen das Trio gebe.

Die Tänzer aber, diesmal in der Rolle des Publikums, mochten das Stück nicht, das sie an diesem Tag zu sehen bekamen. Später war zu hören, viele hätten an der Darstellung der Polizisten gezweifelt, dass Dmitritschenko der Haupttäter sei. Auch der Generaldirektor Iksanow will das nicht glauben. Im Staatsfernsehen verkündete er, Dmitritschenko sei lediglich eine Marionette. "Dahinter steht noch ein Puppenspieler, den gilt es zu finden."

Das Kulissendrama geht weiter, immer weiter. Kaum ist eine Figur abgetreten, tauchen zehn neue auf. Jede von ihnen hat ihre Vergangenheit und ihre Zukunft, ihre Verbindungen und ihre Interessen.

Bei der Versammlung meldete sich auch Angelina Woronzowa, die verhinderte Schwanenkönigin, zu Wort. Ihr Lebensgefährte Dmitritschenko sei immer bereit gewesen, anderen Ensemblemitgliedern zu helfen, sagte sie. "Jetzt braucht er unsere Hilfe."

Woronzowa, die weiterhin am Bolschoi probt, bat ihre Kollegen, positive Charakterisierungen über Dmitritschenko zu schreiben. In Russland werden solche Charakterisierungen wie Beweismittel vor Gericht eingebracht.

Offenbar bemüht sich Angelina Woronzowa, die Schuld ihres Freundes kleinzureden, auf den bis zu zwölf Jahre Haft warten. Oder verteidigt Woronzowa, die längst auch ins Zentrum der Verdächtigungen gerückt ist, vor allem sich selbst?

Im Krankenhaus in Aachen hat Sergej Filin in den vergangenen Tagen oft über das Buch Ein Held unserer Zeit nachgedacht. Der russische Autor Michail Lermontow hat es geschrieben, vor 175 Jahren. Lermontows "Held" ist ein schwermütiger Pessimist, der Menschen genüsslich ins Verderben reißt, so wie es sein Schicksal vorsieht. Im Kampf zwischen Vorbestimmung und dem freien Willen des Menschen siegt bei Lermontow die Vorbestimmung.

Nach mehr als zehn Operationen an den Augen sagt Sergej Filin, er wolle unbedingt zurückkehren zum Bolschoiballett, zu seiner Familie, die er so liebt. "Es sind meine Tänzer", sagt er, "und jeder von ihnen ist ein kleiner Brillant, der vielleicht eines Tages zu etwas richtig Großem werden kann."

Die erste Ballettpremiere nach dem Anschlag auf Sergej Filin ist eine Aufführung des Stückes Bajaderka – Die Tempeltänzerin. Durch den geschlossenen schweren Vorhang perlen die ersten Töne. Draußen stimmen die Orchestermusiker ihre Instrumente, im Zuschauerraum suchen die Gäste ihre Plätze, und hinter dem Vorhang machen sich die Tänzer warm, kneten ihre Waden, massieren sich den Nacken, den Blick auf den Bühnenboden geheftet. Vom Schock zehn Tage zuvor ist schon nichts mehr zu spüren. Keine Emotionen, nur konzentrierte Blicke, die einander kaum streifen. In der Mitte der Bühne lehnt ein iPad auf einem Stuhl. Sergej Filin erscheint darauf, er grüßt aus dem Krankenhaus. "Ich liebe euch endlos, vergesst alles andere", sagt er. "Tanzt, tanzt, tanzt!"

Und so tanzen sie weiter, sie tanzen um ihre Rollen, für den Ruhm und gegen die Angst.