Was hat ein Presslufthammer mit Musik zu tun? Eine Single aus dem Jahr 1971 zeigt es: Auf dem Cover steht ein Dirigent auf einem Haufen Schutt, umrahmt von einem Orchester aus Presslufthämmern. Das nur einseitig bespielte Vinyl rattert volles Rohr: Man hört ebenjene Presslufthämmer, außerdem Synthesizer und fröhliches Pfeifen. Die Platte wurde als Werbegeschenk der Schweizerischen Industriegesellschaft Neuhausen auf der sechsten Baumaschinenmesse in Basel präsentiert. Musikalisch war sie ihrer Zeit weit voraus.

Unter Vinylarchäologen gilt diese Single als echter Fund. Der kleinen, aber weltweit vernetzten Gemeinde nichtakademischer Musikforscher verdankt sich das Interesse für den Schweizer Musiker Bruno Spoerri. Spoerri fertigte verschiedenste Werbe- und Auftragskompositionen an, die als Schallplatten verteilt wurden. Geschickt verstand er es, konkrete Klänge aus den Betriebsstätten seiner Auftraggeber in die Musik einzuarbeiten. Der Lärm einer Magnesiumgießerei trifft auf Synthesizer und Saxofon; das Rumpeln der Schweizer Bahn und die typischen Bahnhofsdurchsagen werden von einem donnernden Funk-Bass vorangetrieben; elektrische Fahrschalter, sägende Gitarren und Hubhydraulik preisen gemeinsam die Gabelstapler der Firma Lansing Bagnall.

Seine kommerziellen Arbeiten trugen Spoerri damals die Ablehnung der Kunst- und Musikszene ein. Nun werden sie, längst zu Sammlerobjekten avanciert, wiederveröffentlicht. Schon 2006 erschien die Kompilation Glückskugel mit Werbe- und Filmmusiken Spoerris. Jetzt kommt der Soundtrack Teddy Bär, den er 1983 für eine Komödie komponierte, in der der Zürcher Regisseur Rolf Lyssy den ersten Oscar-Gewinn eines Schweizers imaginierte. Der kuriose Film hatte keinen Erfolg. Heute existiert nur noch der Abspann, der Rest gilt als verschollen. Auch Spoerris Tonspur verkaufte sich nicht. Das britische Label Finders Keepers wagt jetzt mit dreißig Jahren Abstand den zweiten Versuch. Teddy Bär montiert feierliche Fernseh-Jingles, Jazz-Fusion und Disco-Rhythmen. Das Stück Baby Baby zitiert Diana Ross’ Hit Upside Down in einer tanzbaren Groteske. Die Balzerei klingt dann fast bedrohlich.

Das Lyricon (eine Kreuzung aus Synthesizer und Saxofon mit einem flachen, künstlichen Klang) entspricht Spoerris bipolarem Schaffen zwischen Jazz und Elektronik vielleicht ganz besonders. Das Album enthält zudem Spoerris Musik zu Lilith , einem Experimentalfilm des Schweizer Trickfilmers Kurt Aeschbacher. Hier finden sich elektronische Bearbeitungen der menschlichen Stimme, Dschungelfantasien, die in Idiome des Jazz übergehen, aber auch blubbernde Synthesizer-Passagen ohne Melodie und Rhythmus.

Dem 1935 geborenen Schweizer Spoerri ein passendes Etikett anzuheften ist schwer. Studierter Psychologe, spielt traditionellen Jazz, Swing, Blues und experimentelle Elektronik. In der Schweiz kennt man ihn vor allem als Elektronikpionier. Dabei beginnt er seine Karriere in den fünfziger Jahren als Jazz-Saxofonist, kann sich ein Leben als Musiker aber erst nicht vorstellen, wird Tongestalter einer Werbefirma. Um sich abzuheben, das merkt er schnell, ist es wichtig, frische Effekte zu verwenden. Die ersten Synthesizer sind so teuer, dass er sie sich nicht leisten kann. So verlegt er sich aufs Basteln. In nächtelanger Arbeit zerschneidet er Tonbänder und setzt die Schnipsel immer wieder anders zusammen.

Nachdem sein Spot für den Feuerzeughersteller Bic den ersten Preis beim Werbefilmfest in Cannes gewinnt, explodiert die Nachfrage. Migros, Coop, Möbel Pfister – alle wollen Spoerri. Mit den Aufträgen kommen das Geld und neue Geräte für sein Studio, das bald der Schaltzentrale eines Atomkraftwerks ähnelt. Anfang der siebziger Jahre kauft er für 50.000 Franken den EMS Synthi 100, den ultimativen Synthesizer seiner Zeit, von dem nicht mehr als 40 Exemplare hergestellt wurden. Diese Schrankwand aus Knöpfen und Reglern ist eine verrückte Anschaffung, die sich bezahlt macht, denn niemand sonst in der Schweiz kann damit aufwarten. Das Lösen von Problemen mit kaum kontrollierbaren Maschinen – das reizt Spoerri.

Im Rückblick ist es erstaunlich, auf welch unterschiedlichen Wegen sich die elektronische Musik global entwickelt hat. In Deutschland und Frankreich ist sie institutionell geprägt: Da gibt es Karlheinz Stockhausen und das Studio für Elektronische Musik des WDR in Köln, Pierre Boulez und das IRCAM in Paris. In der Schweiz, den Vereinigten Staaten und Großbritannien sind dagegen mehr Gebrauchsmusiker und Sounddesigner wie Raymond Scott oder die Leute vom BBC Radiophonic Workshop am Werk. Sie setzen futuristische Klänge zur Illustration von Radio- und TV-Sendungen ein. Ob institutionell oder kommerziell – die Ideen der Pioniere wirken bis heute fort.

Spoerri hat sich mit Experimenten allein nie begnügt. Der 78-Jährige tritt immer noch selber auf und spielt mal Blues, mal Swing oder gibt elektroakustische Duette mit einem Stepptänzer. Wenn er sich auf der Bühne weiße Handschuhe überzieht und vor dem Bildschirm seines Computers gestikuliert, spielt er das Very Nervous Musiksystem, das Berührung durch Bewegung ersetzt und wilde Tonstrudel ausstößt. Greift er dagegen zum Saxofon, tönt es so abstrakt, als würde es nicht von Luft, sondern von 500 Gigabyte durchströmt.