Der Fall, in dem die Staatsanwaltschaft Heidelberg im Juni 2012 unter dem Aktenzeichen 150 Js 12070/12 zu ermitteln begann, war nicht alltäglich: Es ging um einen vermuteten Verstoß gegen das Waffengesetz. Und der Beschuldigte war ebenso ungewöhnlich: Joachim von S. ist nicht nur seit 1985 Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND), sondern leitete damals auch die Verbindungsstelle des Auslandsgeheimdienstes in Mainz, über die Kontakte zu Sicherheitsbehörden und Firmen liefen. Entsprechend massiv gingen die Ermittler vor. Sie überwachten die Telekommunikation des BND-Mannes und observierten ihn sogar. Und am 26. September 2012 rückte ein halbes Dutzend Beamter bei der Privatwohnung des 62-Jährigen an, einem großzügig angelegten Haus am Waldrand. "Aufgrund der bisherigen Ermittlungen ... besteht der Verdacht, dass sich der Beschuldigte größere Mengen an Schusswaffen, zu denen auch vollautomatische Schusswaffen zählen, beschafft hat und diese zu paramilitärischen Übungen einsetzt", stand im Gerichtsbeschluss zu der Hausdurchsuchung.

Ein Bundesagent unter Milizverdacht? Tatsächlich hatten seine eigenen Vorgesetzten die Ermittlungen ausgelöst: Im Mai 2012 hatte BND-Präsident Gerhard Schindler der Staatsanwaltschaft heftige Verdächtigungen gegen S. mitgeteilt und ihn angezeigt. So sei S. häufig mit "rechtspopulistischen und ausländerfeindlichen Äußerungen" aufgefallen. Es hätten zudem drei Zeugen "überwiegend übereinstimmend" zu Protokoll gegeben, dass S. den sozialen Frieden im Land durch eine Unterwanderung von Muslimen gefährdet sehe; S. habe gesagt, er treffe "mit Gleichgesinnten" Vorkehrungen. Zwei Kollegen zufolge habe S. sich ein "Waffenarsenal" zugelegt. Laut eines Zeugen habe S. überdies einmal davon gesprochen, er habe eine Kiste mit Waffen im Wald vergraben. Im Juni 2012 legte der BND nach: Zwei Mitarbeiter des Mannes bestätigten nunmehr, schrieb der Dienst, dass von S. geplante "Übungen" offenbar "paramilitärischer Natur" seien. Das Ziel bestehe darin, den "Widerstand" gegen Muslime so effektiv wie möglich zu machen. Im Herbst 2011 fand in S.s Haus ein Treffen statt, an dem unter anderem ein Kriminalkommissar, ein Bundeswehroberst a.D. und ein BND-Mann teilnahmen. Dieser Teilnehmerkreis, schrieb der BND, bestätige den Eindruck, dass die von S. geplanten Übungen als "Vorbereitungshandlungen" für den erwarteten "großen Krieg" zu interpretieren seien.

Das waren massive Verdächtigungen, und der BND witterte offenbar einen potenziell gefährlichen Irrläufer in seinen Reihen. Einen islamophoben Möchtegern-Milizgründer, der sich ausgerechnet in der Zeit verdächtig machte, als das Neonazi-Terrornetzwerk NSU aufflog, nur ein halbes Jahr nach Anders Breivik und dessen Gräueltaten in Norwegen. Ein Mann, der gerne zum "Gästeschießen" einlud, darunter Firmenvertreter und einen Staatsanwalt, der ihm einmal sogar Munition überließ. Der das Bild des Bundespräsidenten in die Rumpelkammer hatte hängen lassen. Der laut BND überdies den Gemeinschafts-PC zur Lektüre rechtslastiger Aufsätze nutzte, in denen vom Untergang des Abendlandes die Rede und Geschichtsrevisionistisches zu finden war.

Aufmerksam geworden war der Dienst auf S. ein halbes Jahr zuvor, durch eine Beschwerde: Der BND-Mann und Oberst der Reserve vermische Dienstliches mit Privatem, male öffentlich Untergangsszenarien und mache laufend "rechtspopulistische Äußerungen". So steht es jedenfalls in einem Vermerk, den die Vorgesetzte von S. verfasste. Der führte dazu, dass gegen S. zunächst ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde. In dessen Zuge vernahm der BND im Januar 2012 auch S.s Mitarbeiter – und in diesen Gesprächen fielen jene Zitate, die für den Dienst so klangen, als ob S. eine geheime Miliz aufbauen wolle. Der BND erstattete Anzeige – wohl auch, um sich jedem Vorwurf der Blauäugigkeit vorbeugend zu entziehen. "Der BND äußert sich nicht zu Disziplinarverfahren und Personalfragen", heißt es dort heute. "Losgelöst vom Einzelfall", lege man aber Wert auf die Feststellung, dass "jedem Verdacht auf Straftaten, zumal im Staatsschutzbereich, mit gebotener Konsequenz nachgegangen" werde.

Den Ermittlungen hielt die Anzeige indes nicht stand: In ihrem Schlussbericht vom Januar 2013 schreibt die Polizei, dass "keine Verdachtsmomente" ermittelt werden konnten, "die den Anfangsverdacht hinreichend verifizierten". Es gebe keine Anhaltspunkte auf die "Gründung einer Wehrsportgruppe oder einer sonstigen paramilitärischen Einheit". S. hatte zwar Waffen zu Hause, aber alle waren ordentlich aufbewahrt und genehmigt. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein.

Genau das hatten S. und sein Anwalt Reinhard Mußgnug von Anfang an gefordert. Sie werfen dem BND "Mobbing" und eine Intrige vor. "Der BND hat sich einen Senioren-NSU zusammenfantasiert", sagt Mußgnug. Sein Mandant nehme die Bedrohung durch militante Islamisten vielleicht ernster als andere, aber er sei weder Rassist, noch habe er etwas gegen Muslime.

Und die angeblichen Äußerungen über ein Waffendepot, vermeintlich minderintelligente Schwarze und die drohende muslimische Machtübernahme? Laut Mußgnug nichts als Missverständnisse, Hörensagen oder absichtliche Verdrehungen. Die "Gleichgesinnten" in "gehobenen Positionen", von denen S. gesprochen haben soll? Ein privater Salon. Die ominösen Schießübungen? "PR-Aktionen mit Kooperationspartnern, auf einem Bundeswehr-Schießsimulator." Das merkwürdige Treffen bei S. zu Hause? Nur ein Meeting von Sicherheitsexperten, sagt Mußgnug, die überlegt hätten, eine Firma zu gründen, um Unternehmen in Krisengebieten zu beraten – nach ihrer Pensionierung. Der BND hält die Geschichte von der Firma für eine Schutzbehauptung. Ein Teilnehmer des Treffens sagte der ZEIT indes, es sei tatsächlich darüber gesprochen worden.

Mußgnug hat nun einen BND-Mann angezeigt, der S. belastet hatte. Der Dienst sieht seinerseits zwar den Verdacht der Gründung einer Miliz für erledigt an. Das Disziplinarverfahren nahm er aber wieder auf. Jetzt geht es nicht mehr um Waffen, sondern um Worte: Kann der BND einen langjährigen Mitarbeiter wegen "rechtspopulistischer Äußerungen" disziplinieren? Der Islam habe in Deutschland nichts zu suchen, soll S. unter anderem gesagt haben. Darf ein BND-Mann so etwas sagen? Der Dienst sieht die Beamtenpflicht verletzt. Hat er es überhaupt gesagt? Sein Anwalt bestreitet es. Das Disziplinarverfahren wird noch Wochen, vielleicht Monate dauern. S. ist einstweilen krankgeschrieben. Seinen Posten in Mainz hat er verloren. Ist für ihn eine Zukunft im BND denkbar? "Nur unter anderen Vorgesetzten", sagt sein Anwalt.