Wo spielt die Musik? Die Frage stellt sich zu Recht. Hamburg gibt eine halbe Milliarde aus, damit die Sinfonien jetzt, bald, irgendwann in Sichtweite der Hafenkräne ertönen. Anderswo ist man bescheidener, im Jazz zumal, aber immer bestimmt der Raum den Klang. Wer Musik nur mehr aus den Ohrstöpseln seines Taschentelefons hört, der vergisst das möglicherweise. Dafür kann er mit Miles Davis Bus fahren.

Im Jazz gilt der Club als klassische Spielstätte, und in Deutschland war es nach dem Krieg oft ein Keller. Das Souterrain entsprach den Neigungen und Möglichkeiten der Subkultur. In Bielefeld gibt es so etwas heute noch. Am Rand der Altstadt, wo der Niederwall in die Kreuzstraße mündet, führt eine breite Treppe in die Tiefe. Man könnte glauben, da unten wäre die U-Bahn. Der Eindruck wird vom knalligen Logo über dem Eingang noch befördert, weil es dem der Londoner Tube nachgebildet ist. Und tatsächlich kann man hier musikalisch einsteigen, wird mitgenommen auf überraschende Ausflüge, als wäre dieser Ort an Martin Kippenbergers weltweites Metrosystem angeschlossen, das nur aus inspirierenden Attrappen und lebensnotwendigen Luftschächten besteht. Richtung Manhattan? Take The »A« Train!

Der Bunker Ulmenwall ist ein Überbleibsel unserer martialischen Vergangenheit. Gebaut im Sommer 1940 zum Schutz vor den Bomben der Alliierten. Hunderte Frauen und Kinder zittern um ihr Leben, während die Männer andere Länder verwüsten. Leidgetränkt sind diese Wände.


Im Jahr 2013 ist der Bunker ein Stück internationales Bielefeld. Man kennt ihn in New York und sogar in Herford. Von überall her kommen die Musiker, und nicht nur aus Bielefeld kommt das Publikum. »Diese Wände sind musikgetränkt« – so hat es der aus Los Angeles stammende Saxofonist Arthur Blythe gesagt.

These Walls Are Soaked With Music heißt das Buch über den Bunker, das jetzt erscheint. Auf 232 Seiten mit vielen Fotos erzählt es süffig die Geschichte dieses einerseits typischen, andererseits außergewöhnlichen Jazzkellers von 1956 bis jetzt.

»Eigentlich wollten wir es schon zum 50-jährigen Jubiläum fertig haben«, sagt der Herausgeber Wilfried Klei stellvertretend für seine vielen Co-Autoren, »aber wir haben es einfach nicht geschafft.« Zu viel Stoff für Bürger, die neben ihrem Enthusiasmus für das Unterirdische noch ein Arbeitsleben haben.

Nun kommt das Buch aber gerade rechtzeitig, um als Munition in einem aktuellen Kampf zu dienen. Die Stadt Bielefeld überlegt, den Zuschuss für Personal und Betrieb des Bunkers zu streichen, 96.078 Euro jährlich. Mit der Musik wäre es dann vorbei. Eine aus dem Zwang zum Sparen heraus erklärliche Idee, deren Umsetzung allerdings ein absurdes Ergebnis hätte. Anderenorts (siehe oben) wird viel Geld ausgegeben, um eine charismatische Stätte zu schaffen. Hier ist eine vorhanden, wird aber nicht verstanden. Und das gilt vermutlich nicht nur für Bielefeld, sondern für etliche Städte: Gewachsenes zählt wenig, vermeintlich Zukunftsträchtiges viel. Je spektakulärer, desto besser.

Aber wie spektakulär ist der Bunker! Ein paar Namen aus sechs Jahrzehnten, nicht nur von Jazzern und nicht einmal nur von Musikern: Carla Bley, Chick Corea, Archie Shepp, Ginger Baker, Chet Baker, Pharoah Sanders, Hanns Dieter Hüsch, Albert Mangelsdorff, Hannes Wader, Harry Rowohlt, Alexander von Schlippenbach, Elias Canetti, Thomas Bernhard, Walter Jens, Julia Hülsmann, Michael Wollny, Ingrid Laubrock. Mit Wort und Klang haben sie den Geist beflügelt.