Debussy-EinspielungAchtung, das Meer!

Woher kommen Debussys Stimmen und Stimmungen? Jos van Immerseel hat mit dem Ensemble Anima Eterna drei sonst oft lustlahm interpretierte Werke herausragend eingespielt. von Mirko Weber

Claude Achille Debussy (1862 - 1918) auf einer Fotografie von 1901

Claude Achille Debussy (1862 - 1918) auf einer Fotografie von 1901  |  © Henri Manuel/Getty Images

Claude Debussy fragte seine Kritiker gerne zurück, ob es eigentlich ein Gesetz gebe, das die musikalische Dreieinigkeit von Melodie, Harmonie und Rhythmus in ihrem Mischungsverhältnis festlege: Doch wohl eher nicht, oder? In der Praxis ist das schwerer getan als gesagt, weswegen namentlich Debussys Orchestermusik immer eine Wolke des »Zuviel« umgibt: zu viel Farbe, Parfum, Bedeutung. Andererseits muss es ein von Mal zu Mal anders dosierter Hauch der drei Dinge im Mix sein. Fingerspitzengefühl ist vonnöten.

In seinen kritischen Schriften hat Debussy viel dazu beigetragen, dass aus seiner Musik im Idealfall nichts Unentschiedenes oder gar Schwammiges würde. Man solle ihn, kann man da zwischen den Zeilen lesen, elegant, einfach und natürlich deklamieren. Da kommt Jos van Immerseel mit seinem Originalklangensemble Anima Eterna gerade recht.

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Immerseel war zuletzt bis zum vertrackten Francis Poulenc vorgedrungen, was sicher keine schlechte Vorübung gewesen ist. Mit Mischklang jedenfalls hat er partout nichts im Sinn – und impressionistisch (in welcher Richtung auch immer) ist Immserseel auch nicht. Dafür präzise. Konzertiert wird mit den Instrumenten aus der Entstehungszeit der Kompositionen, wobei Immerseel sich hütet, in den quasihistorischen Rausch des rückwärtsgewandten Entdeckers zu geraten. Schäumen in La Mer die Érard-Harfen auf, spürt man den Sog der Musik nicht als Selbstzweck. Pure Schönheit wäre das eine (und so klingt es oberflächlich auch), rau indes ist aller Grund und Sand. Nicht: Ah, das Meer!, sondern: Achtung, das Meer!, heißt es hier.

Immerseel konzentriert sich mit seinen umfassend beteiligten Musikern darauf, etwas herzustellen, was normalerweise mit der Musik Debussys kaum verbunden wird: Er will eine möglichst trennscharfe Artikulation. Man soll hören, woher die Stimmen (und die Stimmungen) kommen. Meisterlich genau gelingt das in den Images, wo Immerseel die Abfolge der Sätze sinnvoll und auf Debussy zurückgehend geändert hat. Nach einer eher verhaltenen, tastenden Analyse von Prélude à l’après-midi d’un faune lässt Immerseel für seine Verhältnisse schon fast plakativ musizieren: insgesamt eine herausragende Einspielung dreier öfter lustlahm gespielter Werke.

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