ZuwandererDas umkämpfte Haus
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Die Roma müssen bei türkischen Geschäftsleuten Lehrgeld bezahlen

Heiner Augustin ist Pfarrer der Friedensgemeinde in Rheinhausen, dort wo die heilige Barbara steht und das Roma-Haus. Vor ein paar Wochen hatte er zum politischen Abendgebet geladen, einer Veranstaltung, die regelmäßig in seiner Gemeinde stattfindet. Das Thema war "Zuwanderung", und natürlich ging es auch um die Bulgaren und Rumänen im eigenen Viertel. Heiner Augustin hat an diesem Abend erlebt, wie Gewissheiten der jahrzehntelangen Integrationsgeschichte im Ruhrgebiet ins Wanken geraten sind, wie Ressentiments, die eigentlich nur noch in der rechten Szene salonfähig waren, ihren Weg in die bürgerliche Mitte gefunden haben. Worte wie "Untermenschen" fielen, von den "guten Deutschen" war die Rede, die überall, wo sie hingekommen seien, etwas aufgebaut hätten, und von den "Zigeunern", die nun da seien, um alles zu zerstören. Heiner Augustin hat zu spüren bekommen, wie sehr sich die Rheinhausener in ihrer bürgerlichen Existenz bedroht fühlen und wie viele umgängliche Leute zu verbalen Wüterern werden.

Anfangs seien die Zustände im und um das Hochhaus wirklich nicht gut gewesen, sagt er. Müllberge türmten sich, im Sommer lebten die Rumänen und Bulgaren mehr vor als in dem Haus, immer wieder rückte die Polizei an. Augustin weiß von dem Arbeiterstrich und der Prostitution; er hat erlebt, wie in einer Imbissbude ein junger rumänischer Mann Visitenkarten mit einer Handynummer verteilt hat, unter der man Frauen zum Sex bestellen konnte, für 5 Euro. Augustin sagt aber auch, dass die Situation im Hochhaus besser geworden sei. Das hat auch mit dem Runden Tisch zu tun, den er gegründet hat und an dem Bezirkspolitiker, Wohlfahrtsverbände, Vereine, die Integrationsbeauftragte und Anwohner zusammenkommen. Doch Fortschritte, wie die Entsorgung der Müllberge, werden von den betroffenen Anwohnern kaum zur Kenntnis genommen.

"Wenn ich nur könnte, wie ich wollte! Wenn ich die Macht hätte, dann..." Veronika Borgovan, roter Pulli, rote Hängeohrringe, sitzt an einem Dienstagnachmittag in der Beratungsstelle des Vereins Zukunft Orientierte Förderung (ZOF). Sie ist wütend, zu wütend, um ihren Satz zu Ende zu sprechen. Sie kennt die andere Seite des Zuwanderungsproblems, das für die Sozialarbeiterin vor allem darin besteht, dass die Behörden "den Menschen ständig Steine in den Weg legen". Vor allem kennt sie die Zuwanderer, kann mit ihnen sprechen. Alle 50 ZOF-Mitarbeiter haben einen Migrationshintergrund, beherrschen neben Deutsch noch mindestens eine weitere Sprache – Türkisch, Arabisch, eine slawische oder eine afrikanische Sprache. Und sie haben das Vertrauen der Zuwanderer – gerade weil sie keine Behörde sind. Bergovan und ihre Kollegen werden in diesen Tagen von vielen Behörden der Stadt angerufen. Dem Jugendamt, dem Ordnungsamt, der Polizei. Sie alle wollen die Hilfe des ZOF, weil der Verein in Duisburg der einzige mit sozialpädagogischen Fachkräften ist, die Bulgarisch und Rumänisch sprechen. Damit sind sie für die Stadtverwaltung auch der einzige direkte Zugang zu den 350 Menschen in dem Roma-Haus.

Gegründet hat den Verein vor knapp zehn Jahren ein türkischstämmiges Geschwisterpaar, beide Sozialpädagogen, Kinder von Gastarbeitern, die ihre eigenen Chefs sein und in einem multikulturellen Umfeld arbeiten wollten. In Duisburg sind es die alten Zuwanderer, die die neuen integrieren. Allerdings sind die Umstände diesmal andere: Als die Türken noch die Fremdesten der Fremden waren, förderte ein Job ihre Integration. Heute hat Duisburg eine Arbeitslosenquote von 13,4 Prozent (Landesdurchschnitt von Nordrhein-Westfalen: 8,5 Prozent), und selbst wenn es genug Arbeit gäbe, dürften Bulgaren und Rumänen sie nicht annehmen. Noch ist ihre einzige Möglichkeit, legal Geld zu verdienen, die Selbständigkeit. Deshalb steigt auch die Zahl der Gewerbeanmeldungen von rumänischen und bulgarischen Zuwanderern in Duisburg. Ob dahinter tatsächlich funktionierende Gewerbe stehen, lässt sich nicht überprüfen.

Dreimal in der Woche öffnen Veronika Borgovan und ihre Kollegen die Beratungsstelle in Duisburg-Hochfeld, einem Stadtteil, in dem etwa jeder zweite der 16.000 Einwohner einen Migrationshintergrund hat, meist einen türkischen. Die Türken sehen die Neuen in ihrem Stadtteil, Rumänen und Bulgaren, nicht gern. Auch das ist eine Volte der Migrationsgeschichte in Deutschland. Manche der alten Einwanderer ziehen die neuen ab. "Es gibt Leute, die sagen: Du willst Kindergeld beantragen? Füll ich dir aus, 150 Euro. Brauchst du eine Duldung? Kein Problem, 100 Euro. Kindergeldzuschlag? 500 Euro!" In Hochfeld sagen alteingesessene türkische Geschäftsleute Sätze wie: "Vor den Zigeunern muss man sich in Acht nehmen, man ist hier abends auf der Straße nicht mehr sicher." Das sagen viele Deutsche hier auch. Noch so eine Volte: Die Abgrenzung gegen die anderen lässt Deutsche und Türken zusammenrücken.

Ab und zu bringen die neuen Zuwanderer in die Beratungsstelle gleich mehrere Handyverträge mit. Die haben sie in einem der türkischen Handyshops unterschrieben, ohne sie lesen zu können, und nun sitzen sie auf Schulden.

Sie bringen auch die Post deutscher Behörden mit, die sie nicht lesen können. Zumeist geht es darum, wie man einen Antrag auf Kindergeld stellt. Für die meisten Familien ist es das einzige Einkommen. Kindergeld bekommt allerdings nur, wer seine Kinder auch in einer Kita oder Schule anmeldet. Dieser Tage ein schulpflichtiges Zuwandererkind an eine deutsche Schule zu bringen ist nicht einfach. Insgesamt 170 Kinder aus dem Roma-Haus gehen nicht zur Schule, schätzt Borgovan. Manchmal scheitert es am fehlenden Verantwortungsbewusstsein der Eltern, manchmal an den fehlenden Schulplätzen. Manchmal aber auch an Lappalien. Borgovan erzählt von einer Roma-Familie mit zwei Kindern, für die sie nach Monaten eine Schule gefunden hat. Die ist 16 Kilometer vom Wohnort entfernt. "Als ich das Busticket beantragen wollte, hieß es im zuständigen Amt: Ticket-Angelegenheiten werden nur an einem Tag im Monat bearbeitet. Sie müssen sich im nächsten Monat wieder melden." Nur, ohne dieses Busticket kommen die Kinder nicht zur Schule. Ihre Eltern können die regulären Bustarife nicht bezahlen. Also müssen diese beiden Kinder erst einmal zu Hause bleiben.

Leser-Kommentare
  1. Wirtschaftsflucht war nie ein offizielles Ziel dieser "Union".

    Nach den "neuen Märkten" im Osten (die ja ein Markt waren für Industrie Betriebe die billiger produzieren wollten), No-Bail-Out und anderen gebrochenen Versprechen nun dass.

    Kein Wunder das ein Großteil der Polen die Einführung des Euro ablehnt und diese ihren Laden dicht halten mit niedrigen sozialen Hilfen.

    Jede Keule wird genutzt um das zu legementieren und das wird irgendwann in Wut enden.

    Die Wut aus Griechenland wird wohl bald auch in Deutschland ankommen.

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    Die Freizügigkeit in der Europäischen Union finde ich gut, aber es war und ist ein Fehler Länder in diese aufzunehmen, wenn der Lebensstandard noch so gravierend abweicht, dass Wirtschaftsflucht in Frage kommt. Bulgarien und Rumänien aufzunehmen war viel zu früh, man hätte erst lieber warten sollen, bis sich die Bedingungen dort verbessern (und dazu beitragen)

    wieso Belgien und Frankreich in der Lage waren, diese Invasion abzuwehren. Dort gelten doch die gleichen EU-Gesetze.

    Die Freizügigkeit in der Europäischen Union finde ich gut, aber es war und ist ein Fehler Länder in diese aufzunehmen, wenn der Lebensstandard noch so gravierend abweicht, dass Wirtschaftsflucht in Frage kommt. Bulgarien und Rumänien aufzunehmen war viel zu früh, man hätte erst lieber warten sollen, bis sich die Bedingungen dort verbessern (und dazu beitragen)

    wieso Belgien und Frankreich in der Lage waren, diese Invasion abzuwehren. Dort gelten doch die gleichen EU-Gesetze.

  2. "Ticket-Angelegenheiten werden nur an einem Tag im Monat bearbeitet..."

    Nicht, das mich das wundert.

    Allerdings wundert es mich, dass unsere Politiker integration fordern und noch nicht mal ihre sch... Behörden und Ämter auf Trab gebracht haben.

    Die Einwanderer -und auch wir- sind denen sowas von egal, da kann man nur noch die große Wut bekommen.

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    Das ist Duisburg.

    Das ist Duisburg.

  3. Das ist Duisburg.

    Antwort auf "Ticketangelegenheiten"
  4. Was in die Behörde reinkommt sind lediglich Vorgänge, die nach herrschender Colour und Ermessen abgearbeitet und abgelegt werden und gut ist.
    Kosten, Folgen, Ausmass interessiert die nicht im geringsten.
    Ohne Vorgänge bei geschlossener Tür wären die auch glücklich und den ganzen Tag beschäftigt.

  5. Das erfordert, dass sich sowohl "Alteingesessene" als auch "Roma" endlich an einen Tisch setzen und besprechen, wie man die Lage zu einem besseren drehen kann. Man wird miteinander auskommen müssen. Als europäische Staatsbürger ist es keine Option, die Menschen einfach "abzuwimmeln". Es ist ihr gutes Recht, da zu sein. Aber es scheinen offensichtlich die Strukturen zu fehlen, Ausländer zu integrieren. Bei den "Türken" hat das ja auch mehrere Generationen gedauert und gelernt hat man scheinbar nichts.

    Ich hofffe, dass die Stadt und deren Bürger Lösungen finden bevor es zu einem weiteren Rostock Lichtenhagen in Duisburg kommt.

    Offensichtlich gibt es einige Lichtpunkte, wie die Familie, die ihre Kinder unbedingt in die Schule schicken wollte oder den Mann, der unbedingt arbeiten will. Gut ist auch, dass es eine Organisation gibt, die mit Zuwanderung vertraut ist und die Sprache der Roma spricht. Obwohl dies eigentlich aAufgabe des Staates wäre, finde ich es gut, dass es engagierte Bürger gibt.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf pauschalisierende und diskriminierende Äußerungen. Danke, die Redaktion/au

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf pauschalisierende und diskriminierende Äußerungen. Danke, die Redaktion/au

  6. ...es würde reichen, den Euro abzuwickeln.
    Nun bin ich zu der Überzeugung gelangt, das gleiche müsse mit der EU geschehen.

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    und dann wieder zurück in die Zukunft?

    Nee, nee. Bloß nicht. Betrachten wir es als Aufgabe Probleme zu lösen als uns in das Gefängnis des alten Denkens und der alten Grenzen zurück zuziehen. Vielleicht dauert es gar nicht so lange und wir sind diejenigen, die Hilfe brauchen. Is ja noch gar nicht so lange her, dass es schon mal so war. Oder?

    und dann wieder zurück in die Zukunft?

    Nee, nee. Bloß nicht. Betrachten wir es als Aufgabe Probleme zu lösen als uns in das Gefängnis des alten Denkens und der alten Grenzen zurück zuziehen. Vielleicht dauert es gar nicht so lange und wir sind diejenigen, die Hilfe brauchen. Is ja noch gar nicht so lange her, dass es schon mal so war. Oder?

  7. Die Union ein Hort des Friedens ?

    Wer mag das noch glauben, die Zukunft wird sehr ernst werden.

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    "Diese EU wird bald zum neuen Kriegsherd werden."

    Einen Krieg haben die Sinti und Roma in Europa noch niemand erklärt.
    Es wäre gut, sich auch einmal die Hintergründe klar zu machen. 2005 hatte die EU mit der "Dekade der Roma-Inklusion" ein Aktionsprogramm ausgearbeitet, das mit Mitteln der Weltbank europaweit die Lebensbedingungen der Volksgruppe so verändern sollte, dass deren Mitglieder gar nicht erst in die reicheren Länder Europas auswandern.
    Diese Erwartung erfüllte sich nicht, im Gegenteil. Die Finanzkrise hat das Wohlstandsgefälle in Europa verschärft. Südosteuropa ächzt besonders unter deren Folgen. Darüber hinaus verlaufen gut zwanzig Jahre nach dem Ende des Kommunismus durch die südosteuropäischen Transformationsgesellschaften tiefe soziale Gräben. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, da seit 1990 circa 50 Prozent der Arbeitsplätze wegfielen. Soziale Randgruppen wie die Roma geben da geeignete Sündenböcke ab. Die pogromartigen Attacken von Rechtsradikalen in Tschechien und Ungarn 2009/10 sind ja noch in Erinnerung.
    Die Roma können gewiss nicht als die Wurzel der Probleme Europas angesehen werden. Deren Elend ist allenfalls ein Symptom.

    unhaltbare Zustände schaft.
    Da kann man schon die Frage stellen, ob die EU in sich beginnt marode zu werden.

    "Diese EU wird bald zum neuen Kriegsherd werden."

    Einen Krieg haben die Sinti und Roma in Europa noch niemand erklärt.
    Es wäre gut, sich auch einmal die Hintergründe klar zu machen. 2005 hatte die EU mit der "Dekade der Roma-Inklusion" ein Aktionsprogramm ausgearbeitet, das mit Mitteln der Weltbank europaweit die Lebensbedingungen der Volksgruppe so verändern sollte, dass deren Mitglieder gar nicht erst in die reicheren Länder Europas auswandern.
    Diese Erwartung erfüllte sich nicht, im Gegenteil. Die Finanzkrise hat das Wohlstandsgefälle in Europa verschärft. Südosteuropa ächzt besonders unter deren Folgen. Darüber hinaus verlaufen gut zwanzig Jahre nach dem Ende des Kommunismus durch die südosteuropäischen Transformationsgesellschaften tiefe soziale Gräben. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, da seit 1990 circa 50 Prozent der Arbeitsplätze wegfielen. Soziale Randgruppen wie die Roma geben da geeignete Sündenböcke ab. Die pogromartigen Attacken von Rechtsradikalen in Tschechien und Ungarn 2009/10 sind ja noch in Erinnerung.
    Die Roma können gewiss nicht als die Wurzel der Probleme Europas angesehen werden. Deren Elend ist allenfalls ein Symptom.

    unhaltbare Zustände schaft.
    Da kann man schon die Frage stellen, ob die EU in sich beginnt marode zu werden.

    • persef
    • 21.03.2013 um 19:19 Uhr

    kommt der letzte Satz.. ich lach mich schlapp: Gebt mir Geld, dann wird alles gut!

    Die alte Ausrede und dann gleich noch so ehrlich gerade raus^^

    Die Menschheit wirds wohl nie lernen: Mit Geld löst man keine Probleme, man verdeckt sie nur. Je nachdem wie gross das Problem ist (und wie tief) brauchts eben etwas mehr zum verdecken, respektive auffüllen.

    Probleme löst man indem man scharf beobachtet, analysiert, plant, umsetzt, kontrolliert und anpasst. Ob man viel Geld hat, wenig oder keins ist dabei erstaunlich unwichtig.

    Zentral sind Grips, Kreativität und Einstellung. Aber das kann halt auch mal anstrengend sein.

    Naja, wenigstens hatte ich nochmal einen Nachrichtenlacher. Bei dem ganzen Zypern/Eurogedöns ist das eine nette Abwechslung...

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