ZuwandererDas umkämpfte Haus
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"Wenn es gut ausgeht, endet das hier in freundlicher Segregation."

"Die kommunalen Handlungsmöglichkeiten stoßen an ihre Grenzen", steht in Leyla Özmals Bericht. Duisburg ist hoffnungslos überschuldet, steht unter einem rigiden Sparprogramm und kann schon jetzt seine Pflichtaufgaben als Kommune kaum erfüllen. Trotzdem versucht die Stadt, die Lage in den betroffenen Vierteln zu verbessern – die Ordnungsämter werden personell durch umgeschulte Langzeitarbeitslose verstärkt, die Präsenz der Polizei wurde ebenso erhöht wie der Einsatz von Straßenreinigungsbetrieben. Zwei Halbtagskräfte mit rumänischen und bulgarischen Sprachkenntnissen wurden zur Unterstützung von Schulklassen mit Zuwandererkindern eingestellt, zwei weitere Honorarkräfte, um Zuwandererfamilien bei Behördengängen zu helfen. Das ist ein Anfang, mehr nicht. Was alles zu tun wäre, steht im Sachstandsbericht – von der Gesundheitsversorgung, über Sprachkurse, die Schaffung von Schulplätzen bis hin zu Qualifizierungsmaßnahmen für den Arbeitsmarkt. Die Kosten: 18,7 Millionen Euro. Geld, das "Duisburg in Anbetracht seiner Haushaltslage nicht aufbringen kann".

Michael Willhardt lebt seit 14 Jahren in Hochfeld. Er besitzt zwei Häuser mit schöner Fassade und modernem Innenleben, betreibt eine Kommunikationsagentur, ist kulturell engagiert und Sprecher des Bürgervereins "Zukunftsstadtteil Hochfeld". Ursprünglich hatte sich diese Initiative gegründet, um ein Stadtteilmarketing-Projekt zu entwickeln oder, wie Willhardt es formuliert: "um Leute, die im Hirn und wirtschaftlich fit sind, nach Hochfeld zu holen". Mittlerweile scheint es ihm nur noch darum zu gehen, Schlimmeres durch die Zuwanderung aus Südosteuropa zu verhindern. Schätzungsweise 2.300 Bulgaren und Rumänen leben in Hochfeld. Fragt man Willhardt, ob er als Sprecher der Bürgerinitiative Kontakt zu ihnen habe, antwortet er: "Ich kann mir Schöneres vorstellen, als mit denen zu sprechen."

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Willhardt redet vom "Feind im Rathaus", wenn er die Lokalpolitiker meint, den typischen Einwohner in seinem Stadtteil beschreibt er als "überdurchschnittlich bildungsfern, einkommensarm und Migrant". Über die neuen Zuwanderer sagt er: "Wenn es gut ausgeht, endet das hier in freundlicher Segregation." Dieser Satz ist die Absage an ein Zusammenleben. Willhardt teilt Duisburg in gute und schlechte Anwohner ein. Er gehört natürlich zu den Guten, zu denen, die sich engagieren und um den öffentlichen Raum kümmern.

Die Schlechten wohnen in dem Hochhaus.

Es liegt leicht abgesenkt, wir gehen mit Veronika Borgovan eine Steintreppe hinab, die zum Hof vor dem Haus führt. Es ist Frühling, der Hof ist gekehrt, und es scheint, als hätten sich hier fast alle Hausbewohner versammelt. Frauen, Männer, Jugendliche. Kinder. Sehr viele Kinder. Eine ältere Bewohnerin, die als Erste die Besucher erblickt, bedeutet mit ausgestrecktem Arm herüberzukommen. "Kinder Schule gehen!", sagt sie. Ein paar kleine Mädchen winken und rufen immer wieder das womöglich einzige deutsche Wort, das sie kennen: "Hallo! Hallo! Hallo!" Irgendwo läuft laute Musik, ein paar Männer sitzen um einen Plastiktisch und trinken. Es ist nachmittags.

Drei junge Männer kommen auf uns zu. Sie sind besser gekleidet als die Frauen hier: Sie tragen Jacketts, das Haar ist nach hinten gegelt. Die Männer fragen skeptisch, aber höflich, was wir wollen, wer wir sind. Offenbar kennen sie Veronika Borgovan nicht. Die ZOF-Mitarbeiterin erklärt sich. Als sie die ersten rumänischen Worte spricht, weicht die Skepsis aus den Gesichtern.

Auf den Balkonen trocknet Wäsche. An der Fassade hängen dicke Stromkabel, führen von Wohnung zu Wohnung. In einer Baumkrone baumeln drei Tüten mit dreckigen Windeln. Ein Mittvierziger mit vielen goldenen Zähnen, der so angezogen ist, als sei er auf dem Weg zu einem Golfturnier, zeigt auf eine Ecke, in der die Müllcontainer stehen. Es sind augenscheinlich zu wenige, die Bewohner haben die Müllbeutel, die nicht mehr in die Container gepasst haben, ordentlich aufeinandergestapelt. Der Mann mit den Goldzähnen sagt freundlich und fordernd zugleich: "Fotografier das! Fotografier das!"

Auf die Briefkästen am Eingang haben einige Bewohner mit Edding ihre Namen geschrieben. Sie wollen offenbar bleiben.

Wir klingeln an einer Wohnungstür im ersten Stock. Ein Mann öffnet die Tür. Er heißt Nicu und ist der Schwager von Petrisor, der die deutschen Parks und die deutschen Mütter mag. Im Wohnzimmer stehen zwei alte, mit Laken abgedeckte Sofas, auf einem davon schläft ein kleines Mädchen. Vielleicht 15 weitere Kinder laufen herum. Ein etwa 12-jähriges Mädchen mit hübschem Gesicht, langen, dunklen Wimpern und für ihr Alter viel zu hohen Schuhen will fotografiert werden. Die Erwachsenen verbieten es. An einer Wand hängt eine einsame Plastikrose. Vor dem Fenster steht ein großer Fernseher, davor ein Couchtisch. "Alles vom Sperrmüll", sagt Petrisor. In einer Vitrine stehen ein paar Gläser, ordentlich aufgereiht. Den Kühlschrank, erzählt Petrisor, habe er als Lohn bekommen, nachdem er beim Ausräumen einer Wohnung geholfen habe. Arbeiten gegen Ware. Im Schlafzimmer stehen mehrere alte Betten, auf denen drei Frauen mit ihren Kindern spielen. 400 Euro Miete zahlt Nicu für die Wohnung, die heruntergekommen und dreckig ist, in der aber alles seinen Platz hat. Bis vor Kurzem hat eine Frau die Miete einkassiert, in bar, ohne Quittung. Dann ist die Frau verschwunden, nun kommt ein Mann das Geld abholen und bringt eine Quittung mit.

Leserkommentare
  1. Wirtschaftsflucht war nie ein offizielles Ziel dieser "Union".

    Nach den "neuen Märkten" im Osten (die ja ein Markt waren für Industrie Betriebe die billiger produzieren wollten), No-Bail-Out und anderen gebrochenen Versprechen nun dass.

    Kein Wunder das ein Großteil der Polen die Einführung des Euro ablehnt und diese ihren Laden dicht halten mit niedrigen sozialen Hilfen.

    Jede Keule wird genutzt um das zu legementieren und das wird irgendwann in Wut enden.

    Die Wut aus Griechenland wird wohl bald auch in Deutschland ankommen.

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    Die Freizügigkeit in der Europäischen Union finde ich gut, aber es war und ist ein Fehler Länder in diese aufzunehmen, wenn der Lebensstandard noch so gravierend abweicht, dass Wirtschaftsflucht in Frage kommt. Bulgarien und Rumänien aufzunehmen war viel zu früh, man hätte erst lieber warten sollen, bis sich die Bedingungen dort verbessern (und dazu beitragen)

    wieso Belgien und Frankreich in der Lage waren, diese Invasion abzuwehren. Dort gelten doch die gleichen EU-Gesetze.

  2. "Ticket-Angelegenheiten werden nur an einem Tag im Monat bearbeitet..."

    Nicht, das mich das wundert.

    Allerdings wundert es mich, dass unsere Politiker integration fordern und noch nicht mal ihre sch... Behörden und Ämter auf Trab gebracht haben.

    Die Einwanderer -und auch wir- sind denen sowas von egal, da kann man nur noch die große Wut bekommen.

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    Das ist Duisburg.

  3. Das ist Duisburg.

    Antwort auf "Ticketangelegenheiten"
  4. Was in die Behörde reinkommt sind lediglich Vorgänge, die nach herrschender Colour und Ermessen abgearbeitet und abgelegt werden und gut ist.
    Kosten, Folgen, Ausmass interessiert die nicht im geringsten.
    Ohne Vorgänge bei geschlossener Tür wären die auch glücklich und den ganzen Tag beschäftigt.

  5. Das erfordert, dass sich sowohl "Alteingesessene" als auch "Roma" endlich an einen Tisch setzen und besprechen, wie man die Lage zu einem besseren drehen kann. Man wird miteinander auskommen müssen. Als europäische Staatsbürger ist es keine Option, die Menschen einfach "abzuwimmeln". Es ist ihr gutes Recht, da zu sein. Aber es scheinen offensichtlich die Strukturen zu fehlen, Ausländer zu integrieren. Bei den "Türken" hat das ja auch mehrere Generationen gedauert und gelernt hat man scheinbar nichts.

    Ich hofffe, dass die Stadt und deren Bürger Lösungen finden bevor es zu einem weiteren Rostock Lichtenhagen in Duisburg kommt.

    Offensichtlich gibt es einige Lichtpunkte, wie die Familie, die ihre Kinder unbedingt in die Schule schicken wollte oder den Mann, der unbedingt arbeiten will. Gut ist auch, dass es eine Organisation gibt, die mit Zuwanderung vertraut ist und die Sprache der Roma spricht. Obwohl dies eigentlich aAufgabe des Staates wäre, finde ich es gut, dass es engagierte Bürger gibt.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf pauschalisierende und diskriminierende Äußerungen. Danke, die Redaktion/au

  6. ...es würde reichen, den Euro abzuwickeln.
    Nun bin ich zu der Überzeugung gelangt, das gleiche müsse mit der EU geschehen.

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    und dann wieder zurück in die Zukunft?

    Nee, nee. Bloß nicht. Betrachten wir es als Aufgabe Probleme zu lösen als uns in das Gefängnis des alten Denkens und der alten Grenzen zurück zuziehen. Vielleicht dauert es gar nicht so lange und wir sind diejenigen, die Hilfe brauchen. Is ja noch gar nicht so lange her, dass es schon mal so war. Oder?

  7. Die Union ein Hort des Friedens ?

    Wer mag das noch glauben, die Zukunft wird sehr ernst werden.

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    "Diese EU wird bald zum neuen Kriegsherd werden."

    Einen Krieg haben die Sinti und Roma in Europa noch niemand erklärt.
    Es wäre gut, sich auch einmal die Hintergründe klar zu machen. 2005 hatte die EU mit der "Dekade der Roma-Inklusion" ein Aktionsprogramm ausgearbeitet, das mit Mitteln der Weltbank europaweit die Lebensbedingungen der Volksgruppe so verändern sollte, dass deren Mitglieder gar nicht erst in die reicheren Länder Europas auswandern.
    Diese Erwartung erfüllte sich nicht, im Gegenteil. Die Finanzkrise hat das Wohlstandsgefälle in Europa verschärft. Südosteuropa ächzt besonders unter deren Folgen. Darüber hinaus verlaufen gut zwanzig Jahre nach dem Ende des Kommunismus durch die südosteuropäischen Transformationsgesellschaften tiefe soziale Gräben. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, da seit 1990 circa 50 Prozent der Arbeitsplätze wegfielen. Soziale Randgruppen wie die Roma geben da geeignete Sündenböcke ab. Die pogromartigen Attacken von Rechtsradikalen in Tschechien und Ungarn 2009/10 sind ja noch in Erinnerung.
    Die Roma können gewiss nicht als die Wurzel der Probleme Europas angesehen werden. Deren Elend ist allenfalls ein Symptom.

    unhaltbare Zustände schaft.
    Da kann man schon die Frage stellen, ob die EU in sich beginnt marode zu werden.

    • persef
    • 21. März 2013 19:19 Uhr

    kommt der letzte Satz.. ich lach mich schlapp: Gebt mir Geld, dann wird alles gut!

    Die alte Ausrede und dann gleich noch so ehrlich gerade raus^^

    Die Menschheit wirds wohl nie lernen: Mit Geld löst man keine Probleme, man verdeckt sie nur. Je nachdem wie gross das Problem ist (und wie tief) brauchts eben etwas mehr zum verdecken, respektive auffüllen.

    Probleme löst man indem man scharf beobachtet, analysiert, plant, umsetzt, kontrolliert und anpasst. Ob man viel Geld hat, wenig oder keins ist dabei erstaunlich unwichtig.

    Zentral sind Grips, Kreativität und Einstellung. Aber das kann halt auch mal anstrengend sein.

    Naja, wenigstens hatte ich nochmal einen Nachrichtenlacher. Bei dem ganzen Zypern/Eurogedöns ist das eine nette Abwechslung...

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