ZuwandererDas umkämpfte Haus

Duisburg erlebt eine Massenzuwanderung von Roma aus Bulgarien und Rumänien. Besuch in einer überforderten, gespaltenen Stadt.

Vor dem Gemeindehaus der Friedenskirche im Duisburger Stadtteil Rheinhausen-Bergheim steht eine Skulptur der heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. Eigentlich ist sie hier eine Illegale; für sie war ein Platz in der Villa Hügel vorgesehen, dem Sitz der Industriellenfamilie Krupp. Als deren Werk in den neunziger Jahren dichtgemacht wurde und die Leute ihre Arbeit verloren, wollten die Rheinhausener nicht auch noch ihre Schutzheilige hergeben. So ließen sie die Barbara-Skulptur aus der Werkshalle verschwinden. Später tauchte sie vor dem Gemeindehaus wieder auf. Dort steht sie bis heute, als Symbol für den Zusammenhalt eines Stadtviertels.

Vor dem einzigen Hochhaus in Rheinhausen-Bergheim, nur zehn Gehminuten von der Friedenskirche entfernt, gibt es keine Schutzheilige. Es ist als "Roma-Haus" zum Symbol für die Schrecken der Armutszuwanderung aus Südosteuropa geworden. Der Besitzer ist eine Duisburger Rotlichtgröße, die Bewohner sind ausschließlich Rumänen und Bulgaren. Mit ihnen verkomme das Haus endgültig, heißt es bei den Rheinhausenern. Von Müllbergen und Lärm wird erzählt, von Männern, die ihre Notdurft im Freien verrichten und ihre Frauen auf den Strich schicken.

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Petrisor wohnt in dem Hochhaus. Petrisor ist 40 Jahre alt, von kleiner Statur, mit speckiger Gesichtshaut und spaßigem Lächeln. Er und sein Schwager haben mit ihren Familien vor zwei Monaten ihre rumänische Heimatstadt Urziceni verlassen. "Das Leben in Deutschland ist schön", sagt Petrisor. Es ist nicht das erste Mal, dass sie sich aufgemacht haben. In den vergangenen Jahren waren sie in Belgien, in Spanien und in Frankreich. Dort, erzählt Petrisor, seien die Menschen, besonders die Polizei, ihnen gegenüber aggressiv gewesen. Da gebe es ein Problem mit den Einwanderern aus dem Maghreb und viel Kriminalität. Man traue sich abends nicht mehr aus dem Haus. In Deutschland sei das anders, es gebe Parks für die Kinder, und noch nie sei es ihm passiert, dass deutsche Mütter ihre Kinder von seinen weggezogen hätten, so wie in Frankreich. "In Deutschland wird man mit Respekt behandelt", sagt Petrisor. Aus der Perspektive eines rumänischen Zuwanderers ist das Leben in dem Hochhaus offenbar ein gutes Leben.

Es ist dasselbe Haus, vor dem am Dienstag eine rechtspopulistische Splitterpartei gegen die Migranten und 300 Gegendemonstranten gegen die Rechtspopulisten demonstriert haben. Beim Thema Zuwanderung prallen in Duisburg der europäische Gedanke, kommunale Finanznot und bürgerliche Ängste aufeinander. Zurückgeblieben ist eine Stadt im Zustand von Überforderung und Wut. Auch Menschen, die jeder Fremdenfeindlichkeit unverdächtig sind, sagen hier: Wir sind am Limit. Wir werden überrannt.

Wie viele kommen wirklich?

Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2011 stieg die Zahl der Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien 2012 um durchschnittlich 22 Prozent an (laut Statistischem Bundesamt).

147.091 Rumänen und Bulgaren kamen laut Mediendienst Integration 2011 insgesamt neu nach Deutschland. 88.741 Rumänen und Bulgaren verließen Deutschland 2011 wieder. Im Saldo sind es damit 58.350 Zuzüge, Saisonarbeiter eingeschlossen.

80 Prozent der zwischen 2007 und 2011 zugewanderten Bulgaren und Rumänen sind sozialversicherungspflichtig auf dem Arbeitsmarkt beschäftigt.

6.176 Menschen aus Bulgarien und Rumänien leben derzeit in Duisburg, viele von ihnen sind Roma. Sie alle haben ihr EU-Recht auf Freizügigkeit genutzt und sind hierhergekommen. Mitgebracht haben sie ihre Armut, in eine Stadt, die schon ihren eigenen Bürgern immer weniger bieten kann, weil sie hoffnungslos verschuldet ist. Während nun auf politischer Ebene über Zuständigkeiten gestritten wird, in Fernsehsendungen verwahrloste Häuser und wütende Bürger gezeigt werden, versucht man in Duisburg, das Leben mit den Zuwanderern zu organisieren. Da ist die Integrationsbeauftragte, die einen Plan, aber kein Geld hat. Der Pfarrer, der um den Frieden in seiner Gemeinde fürchtet und einen Runden Tisch gegründet hat. Der Sprecher einer Bürgerinitiative, der vom Altlinken zum Zyniker geworden ist. Die Sozialarbeiterin, die zu den ganz wenigen gehört, die engen Kontakt in das Roma-Haus haben. Was sie eint, ist das Gefühl: Wir sind alleingelassen worden. Sie kämpfen miteinander und gegeneinander. An ihnen wird deutlich, wie Deutschland mit seinen Zuwanderern umgeht – und wie die alten mit den neuen.

Leyla Özmal war acht Jahre alt, als sie aus Ankara ins Ruhrgebiet kam. Heute ist sie 47 und die Integrationsbeauftragte der Stadt. Der Frau mit dem roten Brillengestell und der schwungvollen Gestik ist es zu verdanken, dass in dem gerade erschienen Sachstandsbericht der Stadt Duisburg zur Zuwanderung aus Südosteuropa das Wort "Roma" überhaupt auftaucht. Es ist ein Politikum – offiziell, weil gerade in Deutschland ethnische Kategorien ungut klingen, weshalb Zuwanderung auch nicht nach Ethnien statistisch aufgegliedert wird, belastbare Zahlen also nicht existieren. Inoffiziell, weil es die Ängste vor Kriminalität, Prostitution und Clanstrukturen schürt, was vor allem die politischen Akteure vermeiden wollen.

In dem Bericht ist zu lesen, dass Duisburg wegen seiner zahlreichen renovierungsbedürftigen leer stehenden Immobilien, die kein Eingesessener mehr mieten will, viele Armutseinwanderer anzieht. Dass nicht jedem Zuwandererkind ein Schulplatz angeboten werden kann, weil Räume und Lehrkräfte fehlen. Dass viele Jugendliche und Erwachsene nicht lesen und schreiben können. Dass es Zwangs- und vermutlich Kinderprostitution gibt. Zu lesen ist auch, dass das Zusammenleben von Anwohnern und Zuwanderern befriedet werden muss.

Leser-Kommentare
  1. und habe in vielleicht 12-15 Orten in D bisher gewohnt. Im ersten Vierteljahr war ich, dank der proletarischen Eindrücke dieser Stadt mehr oder weniger krank, ich konnte nicht aus dem Haus gehen, es war ein unsagbarer Kulturschock negativer Art. Seitdem habe ich mich etwas aufgerappelt und bin gerade dabei, meine Sachen zu packen- weg, so schnell wie möglich! An jeder Ecke wird man herunter gezogen, sei es durch die zahlenmäßig viel zu vielen Ausländer, die z.T. ein vollkommen unzivilisiertes Verhalten praktizieren, sei es vom Müll auf die Straße werfen, wo gerade Platz ist, sei es vom Gebrüll auf der Straße oder von Autos in denen mit voller Lautstärke türkische Musik für alle gespielt wird. Auf der anderen Seite die vielen Alkoholiker, mehr deutscher Herkunft. Irgendwie ein Alptraum, das hatte ich nirgends in anderen Orten auch nur ansatzweise erlebt. So war es zum Beispiel in München mehr ein Multi-Kulti, man lebte einfach zusammen, aber es gab nicht diese Gettos. In Duisburg gibt es ganze Stadtteile da sieht man fast keine Deutschen Bürger mehr auf der Straße. Man fühlt sich unsagbar fremd im eigenen Land, wie auf einem unguten Planeten. Dazu der Verfall der Häuser, Straßen und Anlagen werden nicht gereinigt und gepflegt, Plastikmüll überall in den Gebüschen und Anlagen, Fernseher und sonstiges wird auf der Straße entsorgt. Die Stadt scheint immer tiefer in Dunkelheit zu versinken. Man sucht das Positive - findet es aber nicht. Die Umstände sind zu dunkel für Freude.

    18 Leser-Empfehlungen
  2. 26. Zur AfD

    Zum Einen ist dieser Artikel, auf den du dich beziehst, verschwunden. Oder bin ich blind? Ich finde ihn nicht mehr. Ich hatte ihn auch kommentiert.

    Zum anderen solltest du anerkennen, dass eine Forderung nach strengeren Integrationsregeln durchaus legitim sein kann. Bedenke: Diese Armuts-Wanderungsbewegungen sind zum Teil sogar von den Neoliberalen gewollt. Was interessiert einen typischen FDP-Wähler der Zustand in einem der Häuser in Duisburg? Der wohnt woanders, freut sich aber über das Angebot an günstigen Arbeitskräften.

    11 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "So So"
  3. unhaltbare Zustände schaft.
    Da kann man schon die Frage stellen, ob die EU in sich beginnt marode zu werden.

    13 Leser-Empfehlungen
    • drieu
    • 22.03.2013 um 0:10 Uhr
    28. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen und diskriminierende Äußerungen. Danke, die Redaktion/au

    5 Leser-Empfehlungen
  4. 29. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare zum konkreten Artikelinhalt. Die Redaktion/au

    Eine Leser-Empfehlung
  5. binden die Roma, egal in welchem Land sie leben immer an ihren König.
    Sie müssen dem König alles Geld abliefern und die "Einsammler" sind die Herren mit den Benzern grosser Hubräume.
    Integration und Bildung lässt der König nicht zu und darum werden sie immer Aussenseiter bleiben und auch keiner Arbeit nachgehen können/dürfen.

    11 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Deutschen würden immer Nazis bleiben, hieß es nach dem zweiten Weltkrieg. Und so unwahrscheinlich war es nicht.

    Dinge ändern sich wenn Menschen Dinge ändern wollen.

    Die Deutschen würden immer Nazis bleiben, hieß es nach dem zweiten Weltkrieg. Und so unwahrscheinlich war es nicht.

    Dinge ändern sich wenn Menschen Dinge ändern wollen.

    • cocoa
    • 22.03.2013 um 10:44 Uhr

    ...das nicht wirklich versucht wird, auch die Sichtweise der ursprünglichen Duisburger zu verstehen. Der Tenor geht sofort in Richtung Rassismus und rechtsradikal. Dabei machen sich die meisten einfach nur Sorgen um ihr Umfeld, können aber nichts ausrichten.
    Es ist immer leicht zu sagen, "stellt euch nicht so an", wenn man diese Umstände nicht selbst erlebt. Das Miteinander scheitert oft schon an der Sprachbarriere.

    Stattdessen wird auf der EU und den Behörden rumgehackt. Es wird stets Faulheit und Gleichgültigkeit unterstellt, ohne das System selbst wirklich einmal zu erleben, die Geldnot sollte das zu genüge verdeutlichen.

    Was fällt, egal in welcher Hinsicht, sofort auf? Das Negative. Ob Religion, Region, Menschen. Und wer lässt sich aus? Der, der aufgebracht ist. So entsteht ein Bild, dass die Menschen allesamt nur aus Vorurteilen und Ablehnung gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen besteht.

    Ich glaube viele der Armutsflüchtlinge würden viel dafür tun, anständige Arbeit zu leisten. Schwarze Schafe gibt es immer, und die Schaden nicht nur sich selbst. Weil eben das Negative am meisten auffällt.

    Den Artikel finde gut, er berichtet auch über Fortschritte und Bemühungen beiderseits. Jedoch nicht ausgewogen genug, zu einseitig.

    Bitte mehr dazu, man kann aus solchen Geschichten nur lernen und verstehen, wie man es zukünftig besser machen kann.

    2 Leser-Empfehlungen
  6. ich darf Ihr neudeutsch in klassisches Deutsch übersetzen:

    Wir haben keine Lehrer, um ihnen Deutsch beizubringen und uns fällt auch keine Lösung ein - lassen wir sie einfach vor sich hin verwahrlosen.

    Antwort auf "Analphabeten"
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    Falsch, die Kinder kommen verwahrlost hier an. Die Zahlen der schulfplichtigen Kinder schwankt von Monat zu Monat. Eine Stadt wie Duisburg, die am Rand der Pleite steht, kann darauf nicht in Wochenfrist reagieren, wobei, welche Region könnte das? Lehrer die Deutsch als Fremdsprache unterrichten, wachsen auch nicht auf Bäumen, dazu, wie ein Forist schon schrieb, besteht von Seiten der Zuwanderer nicht immer Interesse an Schulbildung.
    An der Integration der Roma haben sich viele Länder schon die Zähne ausgebissen und es ist fast arrogant zu denken, wir Bessermenschen hier könnten das mal eben wuppen.

    Falsch, die Kinder kommen verwahrlost hier an. Die Zahlen der schulfplichtigen Kinder schwankt von Monat zu Monat. Eine Stadt wie Duisburg, die am Rand der Pleite steht, kann darauf nicht in Wochenfrist reagieren, wobei, welche Region könnte das? Lehrer die Deutsch als Fremdsprache unterrichten, wachsen auch nicht auf Bäumen, dazu, wie ein Forist schon schrieb, besteht von Seiten der Zuwanderer nicht immer Interesse an Schulbildung.
    An der Integration der Roma haben sich viele Länder schon die Zähne ausgebissen und es ist fast arrogant zu denken, wir Bessermenschen hier könnten das mal eben wuppen.

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