Seit die Parteien über die Homo-Ehe streiten, gibt es auch im Parlament eine neue Mehrheit für eine Reform des Ehegattensplittings. Alle Bundestagsparteien außer der CSU wollen Reformen. Bisher zählt das Finanzamt die Einkommen von Ehepaaren zusammen, teilt die Summe durch zwei und legt dann einen Steuersatz fest. Das nützt vor allem Paaren mit ungleichen Einkommen. Gut verdienende Paare zahlen dadurch bis zu 15.000 Euro weniger Steuern im Jahr, als sie es täten, wenn sie wie Singles besteuert würden. Das soll sich ändern – aber noch übersieht kaum jemand, welche Änderungen das Grundgesetz erlaubt, was sie kosten und wem Änderungen überhaupt nützen oder schaden würden. Die ZEIT räumt auf mit einigen Mythen.

Mythos 1:
Das Ehegattensplitting nützt vor allem jungen Familien.

Klingt plausibel, stimmt aber nicht, behauptete gerade eine Gruppe renommierter Wissenschaftler, die eine 500-Seiten-Studie zur "Zukunft mit Kindern" vorgestellt hat. Zwar sind Mütter kleiner Kinder häufig nicht berufstätig, sodass der Einkommensunterschied zu ihren Lebensgefährten groß ist. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ihren Familien das Ehegattensplitting tatsächlich nützt. Gerade junge Familien mit kleinen Kindern zahlen in Deutschland nämlich oft überhaupt keine Einkommensteuer. Das liegt daran, dass für Eltern und Kinder ein Betrag in Höhe des jeweiligen Existenzminimums steuerfrei ist und zusätzlich verschiedene Ausgaben, etwa für die Krankenversicherung und für die private Altersvorsorge, von der Steuerlast abgezogen werden. Wer aber keine Steuern zahlt, kann auch nicht vom Steuersplitting profitieren. Das Ehegattensplitting, schreiben die Wissenschaftler, führe dazu, "dass die Einkommensverhältnisse der älteren Generation steuerlich besonders unterstützt werden, weil in dieser Lebensphase die Gehälter höher sind, während bei den Jüngeren der Splittingvorteil nur denjenigen zugute kommt, die Steuern zahlen".

Mythos 2:
Mit einer Reform des Ehegattensplittings lassen sich viele Milliarden sparen.

Wenn Oppositionspolitiker über Familienpolitik reden, klingt es manchmal, als könne eine rot-grüne Regierung jede Menge schöne Projekte finanzieren, wenn nur das Splitting abgeschafft würde. Zwar würde der Staat laut Bundesfinanzministerium rein rechnerisch jedes Jahr 20 Milliarden Euro zusätzlich an Steuern einnehmen, wenn Ehepartner vom Finanzamt wie Singles behandelt würden. So eine Individualbesteuerung gibt es beispielsweise in Großbritannien. In Deutschland will allerdings nur die Linkspartei das Splitting komplett streichen. Die meisten Juristen bezweifeln, dass eine vollständige Abschaffung mit Artikel 6 des Grundgesetzes vereinbar wäre, wonach Ehe und Familie besonderen Schutz verdienen. Klar ist allerdings auch, dass das Grundgesetz keinen Splittingvorteil von bis zu 15.000 Euro im Jahr vorschreibt. Die Sozialdemokraten wollen daher den Steuervorteil für Ehepaare verkleinern – allerdings nur für neu geschlossene Ehen. Damit würde kurzfristig gar nichts gespart. Die Grünen wollen auch bereits verheiratete Paare anders besteuern, aber erst ab einem gemeinsamen Jahreseinkommen von 60.000 Euro. Erwartete Ersparnis für den Finanzminister: 6,9 Milliarden Euro, was etwa einem Prozent sämtlicher Steuereinnahmen des Bundes entspricht. Wenn CDU und FDP sich durchsetzen, wird es am Ende für den Staat nicht billiger, sondern teurer. Das von der CDU angedachte Familiensplitting würde wahrscheinlich dazu führen, dass die bisherigen Vorteile für Eheleute weitgehend bestehen bleiben, aber noch zusätzliche Steuererleichterungen pro Kind eingeführt werden. Der FDP ist vor allem wichtig, dass das Splitting auch für gleichgeschlechtliche Paare gilt.

Mythos 3:
Das Ehegattensplitting wird für die meisten Paare schon bald keine Rolle mehr spielen, schließlich sind immer mehr Frauen berufstätig, und die Einkommen der Eheleute gleichen sich an.

Falsch! Frauen verbringen mehr Zeit im Job als früher – aber immer noch viel weniger als Männer. Die Hälfte aller berufstätigen Frauen in Deutschland und 70 Prozent aller berufstätigen Mütter arbeiten Teilzeit. Oft arbeiten sie nur wenige Stunden pro Woche – nach einer gerade erschienenen Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung geht ihre durchschnittliche Stundenzahl im Job sogar zurück. Im internationalen Vergleich ist diese Zahl ohnehin sehr niedrig. 4,6 Millionen Frauen arbeiten in Minijobs, Tendenz steigend. Weil Minijobs grundsätzlich steuerfrei sind, werden diese Frauen, wenn sie verheiratet sind, beim Finanzamt wie Hausfrauen behandelt. All das zusammen sorgt dafür, dass Ehepaare in Deutschland wegen ihrer meist sehr ungleichen Einkommen noch lange vom Ehegattensplitting profitieren würden. Verstärkt wird dieser Effekt vom demografischen Wandel. Es gibt immer mehr ältere Ehepaare, schließlich kommt die vor dem Pillenknick geborene Generation der Babyboomer in die Jahre. In dieser Altersgruppe gibt es momentan viele Männer mit steigenden Gehältern – und Ehefrauen mit stagnierenden Einkommen. Auch die Statistiken des Finanzministeriums zeigen, dass die Bedeutung des Splittings seit Jahren steigt.