Man muss den Globus ein gutes Stück drehen, um mit den Augen von Japan nach Deutschland zu wandern. Umso erstaunlicher, dass dieses weit entfernte Land so heftig auf die Katastrophe von Fukushima reagiert hat, mit einem großen atomaren Abschaltplan. Ganz anders dagegen fielen die Reaktionen in Frankreich oder den Vereinigten Staaten aus.

Überhaupt erreichen Umweltthemen seit Jahrzehnten hierzulande eine unvergleichliche Breitenwirkung. Nirgendwo anders sind sie auch so in den Alltag durchgesickert, bis hin zur berühmten deutschen Mülltrennung. Vor allem aber scheint es, als habe die ökologische Sorge der Deutschen eine besondere Charakteristik. Sie enthält, über die bodenständigen Aspekte hinaus, eine Art emotionalen Überschuss, sie ist – von den Kämpfen um Brokdorf bis zur Rettung der Bäume im Stuttgarter Schlossgarten – mit erheblicher Dramatik aufgeladen. Tendenziell geht es immer gleich ums Ganze, mit maximalem Einsatz an Sorgen und Gefühlen. German Angst nennen es die Angelsachsen.

Oder handelt es sich um German Einsicht? Geht es nicht tatsächlich schon im scheinbar Kleinen um große Fragen, um Überlebensfragen? Andererseits bleibt Skepsis: Kehrt hier nicht der Gedanke, die Deutschen schritten in höherer Einsicht der Menschheit voran, durch die Hintertür zurück, diesmal in ökologischem Gewand? Sicherheitshalber sollte man forschen, woher die hiesigen Ängste ihre auffallende Dynamik beziehen.

Zweifellos haben die Deutschen spätestens seit der Romantik ein besonderes Verhältnis zur Natur. Viel besungen die Waldesruh und der rauschende Mühlbach, viel geschmäht die vermeintlichen Übel der modernen Zivilisation. Noch die Jugend der Weimarer Zeit strebte eifrig "Aus grauer Städte Mauern". In alldem immer wieder spürbar: eine eigentümliche Verknüpfung von Provinzialität und Weltverbundenheit, eine Biederkeit mit einem Zug ins Weite, als wolle man vom Bänkchen vor der Tür die Welt umarmen. Vielleicht ist manches davon, durch viele Verwandlungen hindurch, bis heute lebendig. Wenn vom kleinsten Dach ein Kollektor blinkt, dann waltet auch hier ein sparsamer Geist mit Anschluss ans Universum.

Dennoch, all dies erklärt manche Eigenart, nicht aber die spezifische Erregtheit der deutschen Umweltsorge. Sie ist auch kaum damit erklärbar, dass ein Strang der grünen Gesinnung in die braune Schollen-Ideologie überging. Gleichwohl wird man in dieser Richtung suchen müssen, will man manch rätselhafte deutsche Reaktionen entschlüsseln.

Man muss nur tiefer schauen, muss sich eine Erfahrung vergegenwärtigen, die vom üblichen Hitler-Getöse verdeckt wird. Um es sehr schlicht zu sagen: Es ist die kollektive Erfahrung, dass eine Sache, die sich eigentlich nicht schlecht anfühlte, schrecklich ausging. Die geläufige Vergangenheitsbewältigung erzählt immer nur vom zweiten Teil. Sie umgeht in der Regel die Tatsache, dass die meisten Deutschen die Hitlerzeit als einen großen Aufbruch erlebten. Selbst diejenigen, die hinter vorgehaltener Hand auch Vorbehalte äußerten, insbesondere wegen der Judenverfolgung, nahmen die dreißiger Jahre meist nicht als Schreckenszeit wahr. Oberflächlich gesehen, lief der Alltag bis in den Krieg hinein geordnet weiter. Wohl die Mehrheit der Deutschen hatte nicht das Empfinden, an einem historischen Abgrund zu leben; das bekamen diejenigen, die nicht im Lager litten oder im Schützengraben zitterten, auch kaum unmittelbar zu spüren. Selbst bei ihrem Einmarsch am Kriegsende waren die Alliierten noch erstaunt, ein recht wohlgenährtes Volk vorzufinden: Die Deutschen hatten die besetzten Länder ausgeplündert; ihr Hunger kam danach.

Kurz, hier hatte ein ganzes Volk im Zentrum einer Katastrophe gelebt, hatte die Katastrophe sogar unter Anspannung aller Kräfte vorangetrieben – und hatte sie dennoch nicht wirklich als solche wahrgenommen. Psychologisch gesehen, muss eine so dramatische Fehlleistung das Vertrauen in die eigene Emotion brechen. Mehr noch, sie bricht das Vertrauen in die eigenen Wahrnehmungen: Man hatte doch nichts gesehen und muss sich jetzt vorhalten lassen, dass in Wahrheit fast alles sichtbar war und dass, wer denn hätte sehen wollen, die Unmenschlichkeit mit bloßem Auge hätte erkennen können.