Wenn Gegner und Befürworter der G-8-Reform aufeinandertreffen, halten sie sich seit Jahren immer wieder die gleichen Dinge vor. Die einen erzählen Horrorgeschichten von überforderten Schülern, die Tagespläne abarbeiten, bei denen Topmanager blass werden würden, und beim Abitur kurz vor dem Burn-out stehen. Die Gegenseite schwärmt derweil von ehemals unterforderten Kindern, die sich im alten neunjährigen Gymnasium gähnend gelangweilt hätten und nun endlich so schnell fertig werden dürften wie junge Niederländer, Russen und Koreaner – und so auf dem internationalen Arbeitsmarkt der globalisierten Welt wenigstens eine faire Chance hätten.

Beispiele gibt es für die beiden widersprüchlichen Versionen genug. Fast an jeder Schule findet man Kinder, die bis spät abends über den Hausaufgaben brüten, genauso wie Schüler, die trotz vollem Stundenplan noch Zeit für Sportverein und Musikschule haben. Doch das sind Einzelfälle, die nichts darüber aussagen, wie es dem durchschnittlichen Schüler geht, seit er sein Abitur ein Jahr schneller schaffen muss. Dafür brauchte man empirische Studien, und die gibt es trotz der Brisanz des Themas bisher kaum. Eltern, Lehrer und Politiker streiten seit Jahren erbittert, aber weitgehend faktenfrei. "Viele Kultusministerien scheinen kein Interesse an einer wissenschaftlichen Evaluierung der Reform zu haben", sagt Stephan Thomsen, Direktor des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung. Sie zitieren lieber Studien aus dem eigenen Haus.

Zum Beispiel die KESS-Studie der Stadt Hamburg, die Schulsenator Ties Rabe (SPD) im vergangenen Jahr groß inszenierte. Die Leistungen der Schüler seien durch die Einführung von G8 nicht schlechter, sondern sogar besser geworden, freute sich Rabe damals. Die Studie hatte mit standardisierten Tests regelmäßig die Leistungen der ersten G-8-Generation bis hin zum Abitur gemessen. Diese Ergebnisse verglichen die Forscher dann mit den Resultaten einer gleich angelegten Studie, die zwischen 1996 und 2005 G-9-Schüler getestet hatte.

Dass die G-8-Schüler in den Tests der Forscher genauso gut und teilweise sogar besser abschnitten als die Abiturienten, die sechs Jahre vorher ihren Abschluss gemacht haben, sagt aber nur wenig über die Wirkungen der achtjährigen Gymnasialzeit aus. Denn seitdem hat sich an Schulen und im Leben von Gymnasiasten mehr geändert als nur die Anzahl der Schuljahre. Die getesteten G-9Schüler kamen in den 1990er Jahren auf das Gymnasium, zu einer Zeit, als in den Schulbibliotheken noch Kassettenrekorder standen und niemand wusste, was ein Smartphone ist. Nicht nur der Stand der Technik und damit auch die Lernbedingungen haben sich seither geändert: Mit neuen Lehrern hielten auch neue Lehrmethoden in den Schulen Einzug, die Klassen wurden mal größer und mal kleiner, weil sich die Einwohnerzahl änderte. All diese Unterschiede beachtet die Studie nicht.

Vielleicht wären die Schüler der KESS-Studie sogar noch besser gewesen, wenn sie neun Jahre Zeit gehabt hätten, vielleicht auch nicht. Die Studie lässt derart viele Spielräume, dass sich Befürworter der Reform wie Rabe und Kritiker wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hamburg bequem ihre Interpretation heraussuchen konnten.

Ein besseres Bild liefert eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) der Ökonomen Stephan Thomsen und Bettina Büttner aus dem Jahr 2010. Sie machten sich zunutze, dass die Gymnasien in Sachsen-Anhalt schon 2003 auf das achtjährige Abitur umstellten. 2007 mussten daher zwei Abiturjahrgänge gleichzeitig das Zentralabitur ablegen. Die Forscher konnten so an zwölf Schulen Abiturienten, die neun Jahre Zeit gehabt hatten, direkt mit Schülern vergleichen, die das Abitur nach acht Jahren machen mussten. Störeffekte ließen sich auf diese Weise ausschließen. Das Ergebnis: Die G-8-Schüler hatten messbar schlechtere Mathematiknoten, während sich die Deutschnoten zwischen den beiden Gruppen kaum unterschieden. "Warum die Leistungen in Mathematik schlechter waren, konnten wir mit unseren Daten nicht herausfinden", sagt Stephan Thomsen. "Es könnte sein, dass das Wiederholen von Stoff und längere Übungsphasen in Mathematik wichtiger sind als in Deutsch." Auf jeden Fall ist das gut belegte Ergebnis ein Hinweis darauf, dass Schüler auch merklich mehr lernen, wenn sie ein Jahr mehr Zeit haben.

Ein beliebtes Argument der G-8-Gegner konnten die Forscher mit ihren Daten aber entkräften: Den jungen Abiturienten fehlt es nicht – wie oft behauptet – an der nötigen Reife, um wichtige Lebensentscheidungen zu treffen, wie die Wahl eines Studienfachs. Persönlichkeitstests zeigten zwischen G-8- und G-9-Abiturienten keine messbaren Unterschiede. Auch der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos konnte bei einem schon 1999 erhobenen Vergleich zwischen G-8-Schülern in Thüringen und G-9-Schülern in Bayern zeigen: G-8-Schüler sind nicht gestresster als G-9-Schüler.

Die wenigen bisherigen Studien zeigen also: Die Geschichten, die sich Gegner und Befürworter seit Jahren erzählen, stimmen in ihrer Radikalität beide nicht. Weder sind alle G-8-Schüler nervliche Wracks, noch lernen sie einfach effizienter. Wie sich die unterschiedlich langen Schulzeiten aber im Detail auswirken, müssen weitere Studien zeigen. Die Politik sollte daher Wissenschaftler an die Schulen lassen, denn nur mit verlässlichen Daten lässt sich fundiert über G8 und G9 diskutieren – und gegebenenfalls nachbessern.