Eine "wahre Odyssee" sei das gewesen in den vergangenen Wochen, sagt Thea Nimmermann. Dabei ging es der Frankfurter Mutter um etwas Selbstverständliches: Sie wollte eine weiterführende Schule für ihren Sohn Nick aussuchen. Doch dabei stand sie vor so vielen, kleinteiligen Alternativen und einem derart komplizierten Auswahlprozess, dass sie sich mit Schaudern an diese Zeit erinnert: "Das war total schrecklich und völlig undurchsichtig." Fünf Schulen hat sie selbst besichtigt, war auf etlichen Infoabenden und hat viel gegrübelt.

Für Thea Nimmermann und viele andere Eltern in Hessen ist die Wahl einer weiterführenden Schule in diesem Jahr noch komplizierter geworden. Denn plötzlich kommt eine Schulform zurück, die eigentlich schon fast ausgestorben war: das neunjährige Gymnasium. Wer wie Thea Nimmermann den langsameren Weg zum Abitur richtig findet, hat jetzt noch mehr Wahlmöglichkeiten für sein Kind: eine Gesamtschule, das gute alte G9 oder ein Gymnasium, das beide Geschwindigkeiten anbietet. Viele Alternativen. Und damit auch viel zu grübeln.

Neun Jahre nach der Verkürzung auf acht Gymnasialjahre sind viele Bundesländer wieder von ihrem harten G-8-Kurs abgekommen. In Hessen, wo Thea Nimmermann wohnt, bieten ab kommendem Schuljahr 50 Gymnasien wieder das Abitur nach neun Jahren an. Ministerpräsident Volker Bouffier legte im vergangenen Jahr eine spektakuläre Kehrtwende hin und erlaubte die Rückkehr der Gymnasien zu G9. Zuvor waren bereits Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und auch Bayern zurückgerudert. Bald wird mit Niedersachsen das letzte westdeutsche Flächenland folgen, wie die neue rot-grüne Regierung kürzlich in ihrem Koalitionsvertrag festlegte. In Hamburg und Berlin haben Elterninitiativen das Thema auch schon auf die politische Tagesordnung gebracht.

Die neue Leitidee: Schulen und Eltern entscheiden selbst, was sie machen

Grund dafür ist weniger, dass die Bildungspolitiker das einst herbeigesehnte G8 plötzlich für falsch halten. In Hessen schwärmt Kultusministerin Nicola Beer (FDP) bis heute von der verkürzten Schulzeit und erzählt gern von ihren beiden Söhnen, die auf ein G-8-Gymnasium gehen. Aber auch sie fügt sich einer viel grundsätzlicheren Wende in der deutschen Schulpolitik: Wo früher noch ideologische Kämpfe um Schulformen ausgefochten wurden, ist heute eine Art schulpolitisches Laisser-faire eingezogen. Was Schulen und Eltern wollen, wird gemacht. Ihre maximale Wahlfreiheit und Autonomie ist der letzte Grundsatz deutscher Schulpolitik.

Das gilt vor allem bei den Gymnasien. In einer Emnid-Umfrage forderten 79 Prozent eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium. Auch die Lehrer, so hört man hinter vorgehaltener Hand oft, hätten nichts dagegen, wieder schon mittags zu Hause sein. Also geben ihnen die Politiker, was sie wollen: G9. Oder noch besser: die Option darauf. Denn vorschreiben wollen sie lieber nichts mehr. "Die Eltern wissen selbst am besten, welche Schule die richtige für ihr Kind ist", heißt es unisono aus den Ländern. Was aber bedeutet das für die Schullandschaft und die Eltern selbst?