Die Suche nach politischen Alternativen geht voran. Nach Stéphane Hessels lautem Empört euch! und Christian Felbers Gemeinwohl-Ökonomie treten immer mehr Autoren an, Wege in eine lebbare Zukunft zu entwerfen. Auf die große Revolution wartet keiner mehr – doch Reförmchen sind denn auch zu wenig. Erhofft wird vielmehr ein Zauberwerk – im eigenen, im alltäglichen Leben kleine Veränderungen anzustoßen, die große Wirkung haben.

Für diese Aufgabenstellung scheint der Soziologe Harald Welzer prädestiniert. Welzer, Jahrgang 1958, hat bedeutende sozialpsychologische Untersuchungen zu Mittäterschaft und Widerstand im Nationalsozialismus durchgeführt und Studien zu möglichen Folgen des Klimawandels. Er lehrt in Flensburg Transformationsdesign und hat Futurzwei, die Stiftung Zukunftsfähigkeit, begründet, der er vorsteht. Genau dieses Zusammenspiel von historischer und prophetischer, von globaler und mikroskopischer Perspektive ist auch nötig, um voranzukommen. Denn an der Schnittstelle zwischen den Katastrophen von Vergangenheit und Zukunft liegen die Fehlentscheidungen von heute. Bei uns törichten spätkapitalistischen Menschen, die so vieles begehren und umsetzen, was Erde und Mitmenschen auf Dauer ruiniert.

Wir stecken – so Welzers Analyse – leider noch tief in den Zukunftswünschen der Nachkriegszeit, in der man lernte, dass Zukunft aus immer mehr Möglichkeiten bestehe. Mehr erfinden, mehr produzieren, mehr konsumieren! Alles soll machbar, kaufbar sein, sofort. Tatsächlich befinden wir uns an einem Punkt in der Menschheitsgeschichte, an dem abzusehen ist, dass die Zukunft eben keine Verlängerung der Vergangenheit und ihrer Glücksvorstellungen sein kann.

Unsere Politik, schreibt Welzer, sei »chronisch von gestern«, und weiter: »Handlungsfähig wäre sie nur, wenn sie noch etwas zu gestalten hätte, aber dafür müsste sie eine Vorstellung von einer wünschbaren Zukunft haben. Eine wünschbare Vergangenheit reicht nicht.« Und weiter: Es gehe heute »nicht mehr um Korrekturen, sondern um eine Umkehr«. Dabei denkt er gerade auch an viele der Maßnahmen, die wir einer ökologisch orientierten Politik zurechnen. Angemessen hart geht Welzer mit allen ins Gericht, die meinen, ein grünes Etikett auf der Plastikverpackung entlaste die Müllstrudel im Pazifik und mit dem Kauf von AAA-Kühlschränken sei die Energiewende eingeleitet.

Nicht reparierbare Produkte hat unsere Wirtschaft längst erfunden, aber noch im Produzieren von »nachhaltigen« Waren treibt sie vor allem eines voran: den Verbrauch. Das grundlegende Problem bleibe – eine »Kultur des ALLES IMMER«. Im Grunde, so Welzer, müssen wir neue Wege des Benutzens, des Teilens, des Wollens und Genießens finden.

So weit ist Selbst denken eine gelungene Mischung aus Pamphlet, Essay und Soziologiebuch. Engagiert, leidenschaftlich und belesen. Doch im Vergleich zur klaren Diagnose sind die Therapievorschläge holprig. Da denkt Welzer einiges an, fügt es aber nicht wirklich zusammen. In der Buchmitte lobt er Tugenden wie Eigenverantwortung und Sparsamkeit, wenig später porträtiert er ein paar vorbildliche »selbst denkende« Unternehmer, auch Kulturprojekte und Initiativen. Am Ende kommt eine Liste mit zwölf befeuernden Slogans wie »Leisten Sie Widerstand, sobald Sie nicht einverstanden sind« und »Es hängt ausschließlich von Ihnen ab, ob sich etwas verändert!«. Letzteres ist natürlich Unsinn. Genau wie Welzers rasches Abfertigen der Konsumboykott-Bewegungen: seiner Meinung nach nicht hinreichend politisch. Er sieht wohl nicht, dass bewusste Konsumenten viel mehr tun als bloß: nicht kaufen. Sie fordern die Wirtschaft heraus, sich umzubauen, sie distanzieren sich vom simplen Imperativ des »Alles-Immer«. Politische Konsumenten versuchen, die Elemente Produktion, Information und Entscheidung neu zu verbinden. Und zwar gemeinsam.

Auch Welzer erklärt, dass Widerstand Gemeinschaften braucht, »Wir-Gruppen, in denen spezifische Selbstbilder etabliert werden, die wiederum Handlungsbereitschaft, Mut, Selbstvertrauen, Phantasie freisetzen«. Solche Gruppen nennt Welzer Resilienzgemeinschaften. Das ist das Stichwort, das sich dem Lesenden am stärksten einprägt. Wenn man wohlwollend ist – und man sollte es sein, denn in dieses Buch hat der Autor viel Recherche und sichtlich Herzblut einfließen lassen –, könnte man Welzers Kernbotschaft zusammenfassen: Selbst denken ist unerlässlich, im Alleingang gegen die Kultur des »Alles-Immer« aber schwierig. Doch in geeigneten Gruppen und Nischen lässt sich bereits heute ein anderes Leben für morgen proben.

Das ist eine versöhnliche Vision – aber zu kleinteilig: Sollte unsere Zukunft wirklich in den Händen der beschriebenen Solargenossenschaften, Theaterprojekte und Recyclingbörsen liegen? Den Vorwurf, zu wenig Durchschlagskraft zu besitzen, kann man jedem Vorschlag machen, es sei denn, er proklamierte die eine alles umwälzende Revolution, die man als unrealistisch beschimpfen würde. Und so ist das Unbefriedigende am Ausklang von Welzers Buch auch weniger, dass sich seine Vorschläge etwas bescheiden ausnehmen, sondern dass sie mit der so überzeugenden Problembeschreibung der ersten Hälfte des Buches intellektuell nicht mithalten können.

Dass der Kapitalismus bestimmte Bedürfnisstrukturen hervorbringt und unsere Politik hier als Erfüllungsgehilfe einer bestimmten Wirtschaftsform beschrieben wird, zu dieser Analyse passt nicht das muntere Motto »Wir fangen schon mal an«, das in der Sicht Welzers die Resilienzgrüppchen der Avantgarde auszeichnet. Es bleibt schwierig.