"Harlem Shake"Die Zauberlehrlinge machen Party

"Harlem Shake", der Internet-Schütteltanz, ist die Antwort auf den sexuellen Autismus unserer Gegenwart. von Ingeborg Harms

Vielleicht ist es die obszöne Stoßbewegung der Akteure, die bewirkte, dass man den Harlem Shake als kulturelles Phänomen bisher nicht ernst genommen hat. Als Tanzfigur New Yorker Rapper in den achtziger Jahren ging er zwar in die Annalen der Musikgeschichte ein, als sich replizierende YouTube-Botschaft diversester Soziotope mit sprunghaften Mutationen scheint der aktuelle Videokult indessen nur ein Kuriosum der Spaßgesellschaft zu sein.

Dabei lohnt es sich, die Dramaturgie dieser 30-Sekunden-Filme, an denen über 40.000 Akteure sich jüngst in allen Teilen der Welt versuchten, genauer unter die Lupe zu nehmen. Sind sie doch ein Effekt der Sozialen Netze, die längst nicht mehr nur der naiven Kommunikation und Selbstausstellung dienen. Vielmehr zeigt das YouTube-Format »Harlem Shake«, dass bei den Nutzern ein Bewusstsein für die folkloristischen Valeurs des eigenen So-Seins entstanden ist. Und es reagiert auf die objektive Ironie der Sozialen Netze, die in der kaleidoskopischen Ausbreitung vereinzelter Existenzen liegt.

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Den Humus und fünfzig Prozent der Videohandlung liefern die Routineaktivitäten eingespielter Sozialkörper – das Herumhängen auf der Studentenbude, das Schweigen im Firmenfahrstuhl, die Bergwerksarbeit unter Tage, der Alltag im Großraumbüro, der soldatische Appell und, superbeliebt, die Umkleide eines Sportteams. Unbeeindruckt von der grotesk abweichenden Aktivität eines Gruppenmitglieds, das oft zusätzlich durch eine schamanenhafte Maske hervorsticht, geht jeder seinem Trott nach, bis zur Halbzeit. Dann, nach dem einzigen Videoschnitt, frönen plötzlich alle dem irren Veitstanz. »Wir können auch anders«, lautet die Botschaft der abrupten Zäsur. In der Zappelfrequenz verschmelzen die Protagonisten aller Harlem Shakes zu einem universellen Karneval. Sie gleichen sich in der aggressiv behaupteten Eigenwilligkeit eines Triebcharakters, der oft durch animalische Masken oder Verdinglichungsrequisiten wie einen übergestülpten Karton noch verstärkt wird.

Entfesselung und strenge Form gehen im Harlem Shake eine Symbiose ein. Dramaturgisch gesehen respektiert das Videoformat die klassische Einheit von Ort und Zeit, es hat eine Handlung, einen Helden, eine Peripetie, Kostüme und eine Choreografie. Zu seinem Reiz gehört, dass die Handlung den Modus antizipiert, in dem sich das Video im Internet fortpflanzt: Sie dreht sich um eine virusartige Infektion. Ein Fremdkörper tritt in einem homogenen Soziotop auf und steckt die Gruppe mit seiner Abweichung an. Dieser Stoff hat Tradition. Schon der sophokleische Ödipus ist ein Außenseiter, dessen Einheirat nach Theben dort die Pest hervorruft. Homers Troja wiederum zieht sich durch Erbeutung der schönen Helena den vernichtenden Griechenkrieg zu. Auch Goethes Zauberlehrling und Ionescos Nashörner sind Variationen dieses um Leid und Zerstörung kreisenden Themas.

Dem Harlem Shake indessen fehlt jede tragische Dimension. In seinem Zentrum steht eine euphorisierende Verwandlung von der Art der »Foxtrott-Epidemie«, die Lubitschs Stummfilmkomödie Die Austernprinzessin aus den Angeln hebt. Am nächsten ist dem Harlem Shake das Musical verwandt, dessen Stars ihre Umwelt regelmäßig mit ihren Gefühlen anstecken und die ganze Bühne in Schwingung versetzen. Vermutlich inspirierte denn auch eine Überraschungseinlage der amerikanischen TV-Serie The Big Bang Theory im vergangenen Herbst den Netzkomiker Filthy Frank zum ersten Harlem Shake. Dort werden die Schauspieler nach dem Fallen der Klappe von der Einspielung eines Musikhits irritiert, der die technische Crew auf die Bühne stürmen und in einen entfesselten Tanz verfallen lässt, von dem bald auch die Serienfiguren angesteckt werden. Der entsprechende »Pannen-Clip« wurde dann im Netz mehr als zehn Millionen Mal angesehen.

Dass den Menschen ein steter Hunger nach Ereignissen antreibt, die ihn aus der Routine reißen, hat schon Elias Canetti beschrieben. Als Ziel und Zweck neugierig wachsender Massen sieht er letztlich jedoch nicht die interessante Neuigkeit, sondern die Massenbildung selbst. Den zur Distanzwahrung erzogenen Zivilbürger quält seine Isolierung: »Nur alle zusammen können sich von ihren Distanzlasten befreien. Genau das ist es, was in der Masse geschieht. In der Entladung werden die Trennungen abgeworfen, und alle fühlen sich gleich. Um dieses glücklichen Augenblicks willen, da keiner mehr, keiner besser als der andere ist, werden die Menschen zur Masse.« Ob Saturnalien, Bacchanalien oder Karneval, jede Kultur kennt so ein rituelles Aussetzen der Ordnung, die Umkehrung aller Verhältnisse und ihre fröhliche Vermischung. Der Sinn solcher Orgien und kollektiven Regressionen, zu deren Arenen heute auch die Fußballstadien zählen, ist der zeitlich kontrollierte Abbau sozialer Spannungen, eine Art kollektive Katharsis, die den Gefühlshaushalt auf null setzt.

Leserkommentare
    • deDude
    • 21. März 2013 10:21 Uhr

    "Auch der Harlem Shake ist keine haltlose Autistenparty, sondern eine kollektive Antwort auf den sexuellen Autismus, den die mediale Pornodienstleistung bierernst provoziert. Was sich im Harlem Shake abspielt, ist eine Regression ins Präödipale, die Erlösung von einer reifen sexuellen Vorstellung, die Veralberung des Triebs."

    Und ich dachte immer sowas würde man Internet-Meme oder gar Flashmob nennen. Mir war jia gar nicht bewusst das das alles wieder nur mit Trieben und Sexualität zusammenhängt....

    Man kann in den "Harlem Shake" auch übermäßig viel hereininterpretieren und versuchen alles durch die Forschungsbrille zu sehen, manches ist aber auch einfach nur eines - SPAß.

    9 Leserempfehlungen
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    Früher nannte man es Flash-Mob, heute halt Harlem-Shake. Aber man muss wohl alles auf seinen philosophischen Hintergrund analysieren, sonst hätte man wohl nichts zu schreibseln.

  1. Liebe Redaktion,

    die Uni in Hannover (Galeriebild 1) heißt Leibniz-, nicht Leipzig-Universität.

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    Redaktion

    Vielen Dank für den Hinweis, wir haben die Bildunterschrift korrigiert.

    Viele Grüße, die Redaktion

  2. Und es reagiert auf die objektive Ironie der Sozialen Netze, die in der kaleidoskopischen Ausbreitung vereinzelter Existenzen liegt.

    So ein Blödsinn.- Blödsinn ist manchmal einfach nur Blödsinn. Er will und soll auch gar nicht mehr sein.

    7 Leserempfehlungen
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    Im Karneval ist es das Bedürfnis und der Spaß daran, mal aus der alltäglichen Rolle und Routine ausbrechen zu können. Was zudem den Sinn hat, sich mal wieder darüber bewußt zu werden, dass wir alle auch immer Rollen spielen und die Welt und man selbst auch anders sein könnte. Insofern ist es ein wichtiges Ritual zur Reflektion.

    Vielleicht will die Autorin ja auch nur aus der nüchternen Betrachtungsroutine ausbrechen, dass das einfach nur Blödsinn ist ;-)

  3. Nunja, es ist wie bei abstrakter Kunst:
    Man kann alles und nichts hineininterpretieren. Wie so oft, wurden auch in diesem Artikel leider die "Künstler" nicht befragt. So bleibt es bei spekulativen Deutungen.

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  4. Also in den Harlem Shake eine tiefere Bedeutung hineinzuinterpretieren ist schon ein gewagtes Unterfangen.
    Nehmen Sie sich doch die Zeit, ein wenig die "Spaß"Seiten des Netzes zu durchforsten und Sie werden erkennen, dass er zur gleichen Gruppe gehört, wie Planking, Owling, Memes, Flashmobs, Gangnam Style Videos in jeder Ausprägung usw. Es wird einfach etwas hochgespült und ausgereizt bis zum geht nicht mehr und nach kurzer Zeit gibt es etwas Neues.
    Und da steckt in den allersenltensten Fällen ein tieferer Sinn hinter. Es ist einfach Spaß. Allerdings glaube ich, dass dieser Artikel auch nicht ganz ernst gemeint ist.

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  5. Der Artikel bietet einen lebhaften Beweis, dass man so ziemlich alles durch den Fleischwolf der Fachsprache nuddeln kann. Dass dabei indes tatsächlich ein Erkenntnisgewinn entsteht, kann man an diesem Artikel nicht ersehen.

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  6. Im Karneval ist es das Bedürfnis und der Spaß daran, mal aus der alltäglichen Rolle und Routine ausbrechen zu können. Was zudem den Sinn hat, sich mal wieder darüber bewußt zu werden, dass wir alle auch immer Rollen spielen und die Welt und man selbst auch anders sein könnte. Insofern ist es ein wichtiges Ritual zur Reflektion.

    Vielleicht will die Autorin ja auch nur aus der nüchternen Betrachtungsroutine ausbrechen, dass das einfach nur Blödsinn ist ;-)

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    Antwort auf "? ....."
    • chrom
    • 21. März 2013 11:25 Uhr

    Ach ist es nicht schön endlich alt zu sein.

    Zum unreflektierten Aufgehen in der Masse hatte meine Generation noch Rockkonzerte - Spannungsabbau inklusive.

    Solange man das Ganze nicht anfängt politisch zu instrumentalisieren wie die großen und kleinen Diktatoren das immer mit ihrem Personenkult bzw. den damit verbundenen „mystischen“ Symbolen getan haben, ist dagegen nichts zu sagen. Es scheint sich tatsächlich um ein Grundbedürfnis des Menschen zu handeln.

    2 Leserempfehlungen

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