Gassi gehen in Tokio © Wiebke Hansen/Google Street View

Jedem Menschen, so heißt es, ist ein Sehnen eingegeben. Nach einem Leben, das er nie leben wird. Psychologen deuten dieses Sehnen als Geschenk, als eine notwendige Überlebensstrategie, die uns dabei behilflich ist, jedem grauen Morgen zu trotzen. Die Vorstellungen von einem solchen "geheimen" Leben gehen weit auseinander. In aller Regel sind sie aber wohl identisch mit dem Wunsch nach Freiheit.

Wie verhält sich das bei Tieren? Haben sie Sehnsucht? Und wenn ja: Sehnen sich jene, die vom Menschen gezähmt und/oder gefangen wurden, danach, frei zu sein? Oder glauben wir das nur? Der englische Philosoph und Sozialreformer Jeremy Bentham schrieb: "Was die Tiere anbelangt, so ist und bleibt die alles entscheidende Frage nicht: Können sie sprechen? Oder: Können sie denken? Sondern: Können sie leiden?" Diese Frage, so finden wir, bedarf keiner Antwort oder wäre allein schon durch die herzzerreißenden Blicke eines Spitzterriers zu beantworten, der vor dem Eingang eines Supermarktes auf sein Frauchen warten muss.

In dem Buch Schiffbruch mit Tiger, dessen einziger Makel darin besteht, dass zwar eine Vielzahl von Tieren darin auftaucht, nur leider kein einziger Hund, schreibt der Autor Yann Martel zum Freiheitsempfinden der Tiere: "In der Wildnis leben Tiere in einem unerbittlichen System von Macht und Unterwerfung, in einer Welt, in der es Furcht im Überfluss gibt und Nahrung knapp ist, in der ein Revier rund um die Uhr verteidigt werden muss. Was bedeutet in so einer Welt Freiheit? In der Theorie – das heißt als rein physische Möglichkeit betrachtet – könnte ein Tier überallhin gehen und alle sozialen Konventionen und Grenzen seiner Spezies hinter sich lassen. Aber ein solcher Schritt ist im Tierreich noch unwahrscheinlicher als bei unserer eigenen Gattung."

Der Zwergpinscher blieb verschwunden

Trotzdem, glauben wir, hat auch der große Jack London recht, der vom Ruf der Wildnis erzählte – dieser suche jedes gezähmte Tier immer wieder heim. Von einem kleinen tapferen Gefährten ist zu berichten, der plötzlich anscheinend ebendiesen Ruf vernahm. Es handelt sich um einen nicht mal 30 Zentimeter großen Zwergpinscher, der seiner Besitzerin am 3. Dezember 2010 entwischte, als diese ihn am Flughafen in São Paulo in Empfang nehmen wollte. Zuvor war der kleine Knabe mit einem Frachttransport der TAM Airlines in Brasiliens größter Stadt angekommen. Offenbar hatte er nach dem unkomfortablen Flug keine Lust, gleich ins nächste Verkehrsmittel umgeladen zu werden, und bevor man ihn ins Auto setzen konnte, lief er davon. Die Besitzerin alarmierte daraufhin die Flughafenaufsicht und die Feuerwehr. Zur Sicherheit wurden ankommende Maschinen für eine halbe Stunde in die Warteschleife geschickt, auch abfliegende Maschinen mussten warten. Ein Flugzeug wurde ins 95 Kilometer entfernte Viracopos umgeleitet. Und der Zwergpinscher? Blieb verschwunden.

Von dem 1993 verstorbenen Rockmusiker Frank Zappa, der ein Faible für Pudel gehabt hat, ist folgende Sentenz überliefert: Information ist nicht Wissen. Wissen ist nicht Weisheit. Weisheit ist nicht Wahrheit. Wahrheit ist nicht Schönheit. Schönheit ist nicht Liebe. Liebe ist nicht Musik. Musik ist das Beste.

Wie hätte diese Sentenz wohl gelautet, wäre Frank Zappa kein Mensch, sondern ein Hund gewesen? Vielleicht ja so: Zusammen sein heißt nicht treu sein. Treu sein heißt nicht faul sein. Faul sein heißt nicht dumm sein. Dumm sein heißt nicht schön sein. Schön sein heißt nicht lieb sein. Lieb sein heißt leider nicht immer getrocknetes Schweineohr. Getrocknetes Schweineohr ist das Beste.

Trotzdem täuscht man sich vielleicht, wenn man davon ausgeht, dass Musik bei Hunden keinen hohen Stellenwert einnimmt. Musik, der Ursprung des Lebens, seine Schwingung. Könnte sein, dass Hunde, die bekanntermaßen ein ausgesprochen feines Sensorium haben und auch um einiges besser hören als wir – Töne bis zu 45 Kilohertz –, Genaueres darüber wissen.

Laurie Anderson, visionäre Musikerin und Ehefrau von Lou Reed, bestritt mit ihrer Band 2010 ein Open-Air-Konzert für Hunde. An einem Junitag unter veilchenblauem Himmel vor dem Opernhaus in Sydney. Und in Scharen kamen sie, die Hunde. Große wie kleine, dicke wie dünne, Bullys und Möpse, Dalmatiner und Neufundländer, Mischlinge und reinrassige Hunde. Fast 1000. Teilweise fein herausgeputzt, begleitet von ihren Herrchen und Frauchen. Was es zu hören gab, war eine Verschmelzung aus Walgesängen, dissonanten Klängen und rhythmischen Elementen. Die Besucher zeigten Begeisterung. Laurie Anderson war sehr zufrieden. "Hunde sind ein wundervolles Publikum", sagte sie. "Sie grooven, jaulen, sind ausgelassen. Einige haben sogar mitgetanzt."

Vielleicht dachte der ein oder andere Rüde ähnlich wie mancher Herr im Kulturbetrieb: "Na ja, ganz allein wegen der Kunst wäre ich wohl nicht gekommen. Aber es waren viele heiße Mädels da."