Georg Funke steht auf dem Parkdeck des Flughafens von Palma de Mallorca und weiß erst einmal nicht weiter. Er läuft nach rechts, er läuft nach links, aber überall sieht es gleich aus. Es gibt zwar Markierungen auf dem Boden, doch die hat er sich nicht gemerkt. Früher, als er hier häufiger in seinem Haus am Meer Urlaub machte, da ist ihm das nie passiert. Seitdem er aber auf der Insel lebt, muss er einfach nicht mehr so oft zum Flughafen fahren. Es besucht ihn auch schon lange keiner mehr. Mit Funke will keiner mehr gesehen werden.

Es ist kurz vor Weihnachten, die Sonne hat sich hinter graue Wolken verzogen, Flieger, die in Palma landen, sind fast leer. »Wo ist denn dieser blöde Wagen?«, ruft Funke. Georg Funke hat den Überblick verloren. »Das passiert mir jetzt immer öfter.«

Bis zum 26. September 2008 war Georg Funke einer der erfolgreichsten Banker Deutschlands. Er hatte die Hypo Real Estate (HRE) in den Börsenindex der 30 Topkonzerne Deutschlands gebracht. »Übervater« nannte ihn die Börsen-Zeitung, »meistgelobter Banker« die FAZ. Seine Bank hatte die gigantische Bilanzsumme von rund 400 Milliarden Euro, damit war sie die drittgrößte Bank Deutschlands. Zugleich war Funke einer der unbekanntesten Banker.

Dann kam die Finanzkrise, in den USA ging Lehman Brothers pleite, und die HRE kam plötzlich nur noch schwer an Geld. Funkes Bank wackelte, und mit ihr wackelten zahlreiche Versicherer, Pensionskassen und Banken, die dem Münchner Institut Milliarden geliehen hatten. Eine Pleite hätte den Geldverkehr in Deutschland zum Erliegen bringen, hätte Panik auslösen können. Ein Land in Aufruhr schien möglich. Der Staat griff ein, schnürte mit der Finanzwelt ein Kreditpaket von 50 Milliarden Euro. Funke musste gehen, Oktober 2008 war das. In den Monaten danach wuchsen die Bürgschaften des Staates auf rund 100 Milliarden Euro, wegen hoher Verluste überwies der Bund zudem Kapital. Die HRE wurde verstaatlicht, der größte deutsche Schadensfall der Finanzkrise. Funke war nun der erfolgloseste Banker Deutschlands und zugleich der bekannteste. Er war in Deutschland das Gesicht der Finanzkrise.

Gierbanker nennt man ihn seither, Zocker, Pleitier. Für die Bild ist Funke der »Bankster«, der es sich heute auf Mallorca gut gehen lässt und Unsittliches fordert. Denn Funke besteht auf der Auszahlung seines Vorstandsvertrags, der bis 2013 läuft. Funke fordert die Zahlung von rund 3,5 Millionen Euro Gehalt und die Zahlung seiner monatlichen Rente von knapp 47.000 Euro. Von seiner alten Bank, deren Beinahepleite den Steuerzahler nach Auskunft des nationalen Rettungsfonds bisher 19,1 Milliarden Euro bares Geld gekostet hat.

Seine Brille verdunkelt automatisch, wenn er vor die Tür tritt

Seit Jahren streiten sich Funke und die HRE nun schon vor Gericht. Funke habe die Bank maßlos gedopt, lautet der Vorwurf der HRE, er habe sie unkontrolliert wachsen lassen, ohne sicheres Fundament, es habe Mängel beim Risikomanagement gegeben, Versäumnisse bei der Refinanzierung der Bank und Fehler bei der teuren Übernahme der irischen Bank Depfa Ende 2007. Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Untreue, Marktmanipulation und falscher Darstellung der Lage. Die Vorwürfe sind immer die gleichen: Funke habe sich als Banker nicht an die Regeln gehalten. Er sei kein Banker wie alle anderen gewesen. Funke dagegen sagt, er habe sich an dieselben Regeln gehalten, an die sich alle anderen Banker auch gehalten hätten. Er sei ein Banker wie alle anderen gewesen.

»Dahinten steht der Wagen ja!«, ruft Funke und springt über die Betonpoller, die die Parkbuchten voneinander abgrenzen. 57 Jahre alt ist er, groß, schmal und drahtig. Wie jeden Morgen ist er auch heute etliche Kilometer auf seinem Hometrainer gerudert. Er trägt schwarze Jeans und eine dunkelblaue Reißverschlussjacke. Die Haare sind zu einer kurzen Bürste geschnitten, seine Brille verdunkelt automatisch, wenn er sich nach draußen begibt. Es ist, als klappe er jedes Mal sein Visier herunter. Funke ist bereit zum letzten Gefecht, er will endlich den Showdown, aber der kommt einfach nicht.

Seit bald fünf Jahren ermitteln die Staatsanwälte nun gegen Georg Funke. Doch noch immer wurde keine Anklage erhoben. Es scheint schwer zu sein, ihm konkretes Fehlverhalten nachzuweisen, ähnlich wie bei fast allen anderen Vorstandschefs, deren Banken in der Finanzkrise vom Staat gestützt werden mussten. Der Untersuchungsausschuss des Bundestages, der sich 2009 mit den Fehlern bei der Rettung der HRE beschäftigte, endete mit mehr Fragen, als er begonnen hatte. Für einen zweiten gibt es keine politische Mehrheit. Muss man, solange man einen wie Funke hat, keine anderen Fragen mehr stellen?

»Steinbrück hat die Bank zerstört, nicht ich«, sagt der Exchef der HRE

Folgt man Georg Funke in sein Haus im Süden Mallorcas, dann kann man einen Menschen beobachten, dessen Ausschnitt aus der Wirklichkeit auf genau zwei Wochen im Herbst 2008 zusammengeschrumpft ist. Mit zusammengekniffenen Augen starrt er auf die Ereignisse, die sich zwischen dem Tag, an dem seiner Bank ein erster Rettungskredit zugesagt wurde, und dem Tag, an dem ihm im Kanzleramt sein Ende als Vorstandschef verkündet wurde, abgespielt haben. Zwischen diesen beiden Tagen ist Funke seit Jahren gefangen, er kann die Augen nicht mehr davon lassen.

In der vergangenen Nacht hat Funke bis frühmorgens vor dem Computer gesessen. Er ist wieder einmal seine Unterlagen zum Untersuchungsausschuss durchgegangen, in dem auch Peer Steinbrück aussagte, der damalige Bundesfinanzminister. Nicht er, sagt Funke, habe Schuld an dem Desaster der HRE, sondern Steinbrück. Er, Funke, habe die Situation der Bank nicht schönergeredet und somit gelogen. Nein, Steinbrück habe die Situation der Bank schlechtergeredet und trage somit Schuld an der Massenflucht der Geldgeber und der Erhöhung des Rettungspakets. 2011 hatte er deshalb gegen Steinbrück Strafanzeige gestellt. Die Staatsanwaltschaft in Berlin stellte das Ermittlungsverfahren ein. Funkes Einspruch wurde nun von der Berliner Generalstaatsanwaltschaft abgewiesen.