Immobilienhändler Adam LevyDer Umbauer

Wie der Immobilienhändler Adam Levy aus einem gefährlichen Viertel Johannesburgs eine hippe Gegend macht. von Kristina Maroldt

Wenn Adam Levy über sein Heimatland Südafrika spricht, zeichnet er das Bild der Regenbogennation, in der Menschen vieler Hautfarben glücklich zusammenleben. Diese Nation ist noch ein Traum. Levy will ihn Wirklichkeit werden lassen. Nur: Wie geht das? »Eigentlich ist es ganz einfach«, sagt Levy. »Schaffe einen Ort, an dem alle Spaß haben! Wie diesen Strand hier. Ich garantiere dir: Egal, welche Hautfarbe die Leute haben, sie werden kommen.«

Levy, 36, klein, drahtig, Surferbräune, findet, es könne nicht schaden, die Probleme seines Heimatlandes mit Unbedarftheit anzugehen. Play Braamfontein hat der Immobilienentwickler sein Unternehmen genannt: »Spiel, Braamfontein!«

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Levy will seine Landsleute an Orte locken, die sie für gefährlich halten. Deshalb hat er diesen Strand erschaffen, auf dem er gerade sitzt. Eine Sandfläche mit Liegestühlen, Sonnenschirmen und Cocktailbar, die sich nicht an der Traumküste von Kapstadt befindet, sondern im Zentrum des Zehn-Millionen-Einwohner-Molochs Johannesburg, auf einem Hochhausdach in Braamfontein, einem lange verwahrlosten Geschäftsviertel neben den Bahngleisen.

Dass die New York Times Braamfontein mit Brooklyns Hipsterviertel Williamsburg vergleicht, ist vor allem Levy zu verdanken. Seit 2003 arbeitet er daran, den Horrorkiez in einen Ort zu verwandeln, an dem man durch Galerien und Boutiquen junger Künstler und Designer bummelt, in Straßencafés unter freiem Himmel isst und abends zu den neuesten Remixes lokaler DJs tanzt. Läge Braamfontein in Berlin oder New York, wäre das banal. In Johannesburg ist das Viertel eine Sensation.

Sein leidenschaftlichstes Plädoyer hielt er, als er den Anwaltsberuf aufgab

Um das Wagnis zu begreifen, auf das Levy sich eingelassen hat, muss man ein wenig zurück in die südafrikanische Geschichte blicken. Zur Jahrtausendwende galt das Zentrum Johannesburgs als eines der gefährlichsten Pflaster außerhalb von Kriegsgebieten. In den 1980er Jahren waren Industriebetriebe und Büros in die Vororte abgewandert, Hausbesetzer und Drogendealer hatten die Herrschaft übernommen. Leute aus der Mittelschicht wagten sich nur im verriegelten SUV und mit durchgedrücktem Gaspedal hierher. Als Levy damals an der Witwatersrand-Universität in Braamfontein sein Jurastudium begann, wusste er nicht einmal, wie das Viertel hieß, in dem sich sein Campus befand. Wie die meisten weißen Johannesburger war er in einem der nördlichen Vororte aufgewachsen. Die liegen nur eine Viertelstunde vom schwarz besiedelten Zentrum entfernt und offenbaren sich dem Besucher doch als eine andere Welt: Frei stehen die Einfamilienhäuser in parkähnlichen Gärten, umrahmt von Elektrodraht. Wer spazieren gehen will, setzt sich ins Auto und fährt zu einer bewachten Shopping-Mall. Die Apartheid mochte Geschichte sein, doch Südafrika war – und ist – noch immer ein Land mit vielen Mauern.

Boom in Downtown: Johannesburg

Gegründet 1886 als Goldgräber-Zeltstadt stieg Johannesburg in hundert Jahren zur reichsten und modernsten Stadt Afrikas auf. Von den 1980er Jahren an zogen aber viele Unternehmen vom Zentrum in die Vororte – unter anderem deshalb, weil Industriebetriebe während der Apartheid in der Stadt nicht mehr als sechs schwarze Arbeiter beschäftigen durften. Um den Immobilienbesitzern ihr Einkommen zu sichern, lockerte man die Zugangsbestimmungen für Schwarze in der Innenstadt. Doch der Zuzug der Massen entglitt der Kontrolle. Eigentümer verlangten horrende Mieten und ließen die Häuser verfallen, Hausbesetzer okkupierten leer stehende Gebäude, die Kriminalität stieg.

Aufwärts

Seit der Jahrtausendwende geht es in Downtown wieder aufwärts, in manchen Vierteln sind die Immobilienpreise um das Fünffache gestiegen. Die Stadt hat umgerechnet 300 Millionen Euro in den Aufbau des zentralen Museums- und Theaterviertels Newtown investiert. Durch verstärkten Polizeieinsatz, private Sicherheitsdienste und Überwachungskameras konnte die Kriminalität erheblich vermindert werden.

Nach dem Examen brach Levy zu einer Weltreise auf. Ein Jahr war er als Backpacker unterwegs, streifte über asiatische Märkte, bummelte über europäische Boulevards. Und merkte in Städten wie Paris oder New York, was ihm zu Hause fehlte: das Leben zwischen den Häusern.

2002 kehrte er zurück und fing als Anwalt in einer Kanzlei an. Viel Freude machte ihm der Job nicht. Jura hatte er seinem Vaters zuliebe studiert, einem bekannten Wirtschaftsanwalt. Eigentlich interessierte er sich für Architektur und Design. In seinen Mittagspausen durchstreifte er die verwaisten Straßen von Braamfontein und stellte sich vor, was man aus den leer stehenden Betonblocks der 1960er und 70er machen könnte. Ließen sich die Großraumbüros nicht in ähnlich spektakuläre Lofts verwandeln wie die Lagerhallen Sohos? Könnte man nicht die viktorianischen Bauten zwischen den Hochhäusern renovieren, um Cafés und Galerien darin zu eröffnen?

Er klingelte beim Eigentümer des Hauses, das ihm am besten gefiel: 155 Smit Street. Ein achtstöckiges Bürogebäude aus den 1950ern mit zwei riesigen Glasfronten und einem spektakulären Blick auf die gerade erbaute Nelson-Mandela-Brücke. Zwei Millionen Rand wollte der Mann dafür haben, umgerechnet 200.000 Euro. Ein Spottpreis.

Levy hatte etwas Geld gespart. Den größten Teil würde ihm sein Vater geben müssen. Levy hielt das leidenschaftlichste Plädoyer seiner kurzen Anwaltslaufbahn: »Wenn ich Anwalt bleibe, werde ich es nie schaffen, aus deinem Schatten zu treten. Doch mit diesem Haus könnte ich etwas Besonderes beginnen.« Der Vater war wenig begeistert. Aber er half.

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