Günter Wallraff"Da kollabiert schon mal jemand"

Günter Wallraff erklärt, warum Amazon für unsere Kultur gefährlich ist. von 

Der Autor Günter Wallraff hat in der vergangenen Woche verkündet, dass sein Verlag Kiepenheuer & Witsch seine Bücher nicht mehr an Amazon ausliefern lassen wird (zuletzt erschienen seine Reportagen »Aus der schönen neuen Welt«). Der Internetgroßhandel war wegen schlechter Arbeitsbedingungen und Kontrollen seiner Angestellten kritisiert worden.

DIE ZEIT: Wenn man die Suchworte »Wallraff« und »Amazon« eingibt, sind die ersten Treffer nicht etwa Artikel zu Ihrem Boykott, sondern Ihre Buchtitel, die bei Amazon zu bestellen sind. Haben Sie keine Angst vor finanziellen Einbußen?

Günter Wallraff: Das nehme ich in Kauf. Aber juristisch habe ich keine Handhabe, einmal ausgelieferte Bücher zurückrufen zu lassen. Ich kann auch nicht verhindern, wenn Amazon über andere Grossisten meine Bücher bestellt. Was ich durchgesetzt habe: dass mein Verlag Amazon künftig nicht mehr mit meinen Büchern beliefert. Das ist nicht selbstverständlich, weil der Verlag auch gegen eigene finanzielle Interessen handelt. Aber man muss bei sich selbst anfangen, und gerade ich bin gefordert. Die Arbeitswelt ist ja mein Thema.

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ZEIT: Erwarten Sie, dass die Verlage bei Ihrem Boykott mitziehen?

Wallraff: Es gibt kleinere Verlage, die das gemacht haben. Aber Amazon hat eine Monopolstellung. Das gefährdet unsere kulturelle Vielfalt. Die sägen an der Buchpreisbindung. Bisher ist sie noch gesichert, aber über Brüssel versuchen sie, dass sie ausgehebelt wird. Oder nehmen Sie deren Tablets. Die wenigsten, die deren E-Book-Angebote annehmen, wissen, dass sie dann künftig nur über dieses Format ihre E-Books beziehen können und dass alles gelöscht wird, wenn sie den Anbieter wechseln. Letztlich liefe es darauf hinaus, dass dann ein Gigant wie Amazon bestimmen kann, was wir lesen und was nicht.

ZEIT: Warum ist der Druck im Versandhandel so hoch, dass die Arbeiter im Laufschritt durch die Lagerhallen geschickt werden?

Wallraff: Es geht darum, möglichst schnell optimale Gewinne zu erzielen. Betroffene schreiben mir, dass sie sich unter totaler Kontrolle fühlen und arbeiten müssen bis zum Umfallen. Sie laufen 20 bis 25 Kilometer am Tag, bei nur einer halbstündigen Pause. Sie dürfen keine Lebensmittel und Getränke mitbringen. Problematisch wird es vor allem, wenn jemand nicht mal seine eigenen Medikamente mitbringen darf, wie es bei Diabetikern der Fall ist. Da kollabiert dann schon mal jemand. Dann sagen die Leute, im Buchhandel werde doch auch nicht gut bezahlt. Da gibt es aber nicht dieses totale Apparatschik-Kontrollsystem. Der Kunde wird von den scheinbar so billigen Angeboten bei Amazon verführt. Aber was wir geschenkt bekommen, sollte uns äußerst misstrauisch machen. Wer nur auf »Billigbillig« und »Schnelleramschnellsten« achtet, ist am Ende selbst der Betrogene. Und dann findet man sich in einer Gesellschaft wieder, die immer mehr an Huxleys Schöne neue Welt erinnert, die man doch eigentlich nie gewollt hat.

ZEIT: Sie wollen die Internetrevolution rückgängig machen?

Wallraff: Neben der Faszination, die das Internet ausübt, gibt es bereits eine Gegenbewegung. Selbst die Piraten, diese Internetfreaks, haben gegenüber Amazon eine ablehnende Haltung. Wir sollten in die Buchhandlungen und Fachgeschäfte gehen, sonst veröden unsere Innenstädte. Ich bestelle meine Bücher im Laden um die Ecke. Da reicht ein Anruf, und zum Teil kommen die bestellten Bücher auch noch am gleichen Tag.

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Leserkommentare
  1. ...natürlich auch ohne jedes Problem Einzelhandelspreise bezahlen.

    Und er ist (in meiner bescheidenen Meinung) ein Pharisäer ziemlich unangenehmer Art, der so tut, als würde er sich um die Probleme der vielen Nicht-privilegierten Menschen Sorgen machen.

    Nein, diese Problem sind sein Geschäft!

    MfG Falk Kuebler

  2. ...Amazon ists egal:
    http://www.amazon.de/Aus-...

    da isses. Gut, nicht direkt vom Verlag, aber dennoch erwerbbar.

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