IrakkriegBushs Werk und Al-Kaidas Beitrag

Vor zehn Jahren begann der Irakkrieg. Warum eigentlich mündete er in ein Desaster? von 

U.S. Marines vor dem Märtyrer-Monument im Zentrum von Bagdad, 9. April 2003

U.S. Marines vor dem Märtyrer-Monument im Zentrum von Bagdad, 9. April 2003  |  © Oleg Popov/Reuters

Krieg – das Wort schien zu gewöhnlich, zu klein für diese Bilder. "Shock and Awe", blendete CNN in der Nacht vom 19. auf den 20. März 2003 unter den Liveaufnahmen aus Bagdad ein. Ein grünlich fluoreszierender Himmel, pilzförmige Explosionswolken, der Donner einschlagender Bomben.

"Schrecken und Ehrfurcht" hieß die militärische Strategie der US-Invasion vor genau zehn Jahren. Mit massiven Bombardements sollte der Irak in eine Schockstarre versetzt werden, um dann mit amerikanischer Hilfe in Frieden und Freiheit wiederaufzuerstehen. Amerika als zerstörende und wiederaufbauende Kraft. Das war damals die Selbstwahrnehmung der Regierung von George W. Bush. Im Rückblick klingt diese Rhetorik wie aus einer längst vergangenen Epoche, wirkt der Irakkrieg wie eine strategische Entgleisung amerikanischer Außenpolitik – politisch längst korrigiert durch Obamas Truppenabzug Ende 2011 und medial verdrängt durch den Bürgerkrieg in Syrien.

Anzeige

Dabei hat die Operation "Iraqi Freedom" Zäsuren geschaffen, angefangen von der Debatte über Staatsaufbau bis zur Praxis der Folter. Sie betreffen den Irak und die USA der Bush-Ära wie der Obama-Ära. Folglich ist es mehr als eine Fußnote, wie man diese Invasion im Rückblick bewertet: als Krieg, dessen historischer Segen von Demokratie und Freiheit sich noch erweisen wird? Als humanitäre Katastrophe? Oder als ein Verbrechen?

Die Toten

Über 100.000 irakische Zivilisten, 4.884 US-Soldaten, über 10.000 irakische Sicherheitskräfte, rund 24.000 Aufständische

Die Flüchtlinge

Über 1,6 Millionen Iraker flohen außer Landes – die meisten nach Jordanien und Syrien. Über 1,2 Millionen waren im Irak auf der Flucht.

Der Wiederaufbau

Von insgesamt 182 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau des Iraks kamen 62 Milliarden aus den USA. Viel Geld versickerte. Allein die U. S. Army "verlor" 8,7 Milliarden Dollar.

Kriegskosten

2008 berechnete der Ökonom Joseph Stiglitz die Gesamtkosten für die USA auf 3 Billionen Dollar.

Illegitimität und Illegalität der Invasion sind inzwischen hinreichend erörtert worden: Die irakischen Massenvernichtungswaffen, von der damaligen Regierung Bush zur Rechtfertigung des Angriffs herangezogen, wurden nie gefunden. Al-Kaida, Kriegsgrund Nummer zwei, tauchte erst nach dem Sturz Saddam Husseins im Irak auf. Kriegsgrund Nummer drei, die Befreiung der Iraker von einer brutalen Diktatur, reichte zur Legitimierung kaum aus, hatte Saddam doch seine schlimmsten Verbrechen begangen, als er noch die Unterstützung westlicher Nationen genoss.

Der Irak ist heute eine weitgehend segregierte Nation

Das fehlende völkerrechtliche Fundament hätte die irakische Bevölkerung kaum gestört, wären die folgende amerikanische Okkupation und die verschiedenen Phasen des Wiederaufbaus anders verlaufen. Nicht nur für Kriegsführung, auch für die Besetzung eines Landes gelten die Regeln der Genfer Konvention. Wer ein anderes Land übernimmt, trägt dort die Verantwortung für Recht und Ordnung und für die Grundversorgung seiner Bewohner. Seine Soldaten seien keine Polizisten und Sozialarbeiter, ließ der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld verlauten, als Plünderer in den Tagen nach der Befreiung Schulen, Museen, Armeedepots und Ministerien ausräumten.

Viele der einrückenden zivilen Besatzer sahen in der Zerstörung eine willkommene Form des "Staatsabbaus". Washington hatte nicht Experten für state building geschickt, sondern Anhänger der ökonomischen Schocktherapie. Nicht nur der Apparat von Saddams Baath-Partei, auch die gesamte staatliche Infrastruktur sollte zerschlagen und der Irak als freie Marktwirtschaft neu geschaffen werden. Shock and Awe, die zweite Runde, dieses Mal auf dem Feld der Ökonomie. Den Plan erörterten Regierungsvertreter in Washington und US-Experten in der Grünen Zone von Bagdad ganz offenherzig.

Die Folgen sind bekannt: Die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser und Strom verschlechterte sich dramatisch, die Abwasserentsorgung brach weitgehend zusammen, Müllberge wuchsen und wurden zum beliebten Versteck für Sprengsätze. Ein Gefühl von öffentlichem Chaos, ein gigantisches Sicherheitsvakuum, der angestaute Hass zwischen Schiiten und Sunniten und konfessionsübergreifende Wut auf die amerikanischen Truppen schufen den Boden für den irakischen Bürgerkrieg. 2007 attestierte die britische Zeitschrift Economist der Bush-Regierung im Irak eine Politik der "fast kriminellen Fahrlässigkeit". Das war ein deutlich zu mildes Urteil, wie Recherchen der BBC und des Guardian, veröffentlicht in der vergangenen Woche, erneut bestätigen. Beim Aufbau irakischer Sicherheitskräfte hatten sich die USA zunehmend auf Angehörige schiitischer Milizen verlassen, die zur Bekämpfung sunnitischer Aufständischer ein Netz von Verhörzentren errichteten. Dort wurde systematisch gefoltert – mit Wissen und offenbar auch im Beisein amerikanischer Armeeausbilder. Verantwortlich für den Aufbau von Polizei und Armee war damals General David Petraeus, der bis heute trotz seines unrühmlichen Abgangs wegen einer außerehelichen Affäre als politisch-militärische Lichtgestalt gilt. Petraeus verlangte damals immerhin, dass die Folteropfer nicht mehr im irakischen Fernsehen vorgeführt werden. Dass er ein Ende der Folter gefordert hätte, ist hingegen nicht bekannt. Solche "Fahrlässigkeit" verschärfte die sektiererische Gewalt, die der General bald darauf im Rahmen der amerikanischen Truppenaufstockung, surge genannt, wieder eindämmen sollte.

Leserkommentare
  1. Möchtet Sie nicht vom Bürgertum verstanden werden, Frau Böhm? Man kommt sich persönlich blöd vor, wenn man als durchschnittlich gebildeter Mensch Begriffe googeln muss, die in einem Zeitungsartikel zum Thema Irakkrieg stehen.

    2 Leserempfehlungen
  2. Jeder Krieg ist VERBRECHEN !!

    12 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Jeder Krieg? Auch wenn es um gerechte Notwehr handelt. Da gibt es doch den Spruch, " Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.
    Doch der Irak - Krieg gehört nicht dazu!

  3. Eva C. Schweitzer sollte sich zuallererst einen alten STERN-Artikel über Saddam Hussein lesen, bevor sie einen solchen Artikel schreibt.
    "Er tötete, wenn er wollte
    Er erschien wie ein Tyrann aus längst vergangenen Zeiten, mit seinen Palästen und seinen Leibköchen, mit seinen Vorkostern und seinen Doppelgängern, mit seinen Schwimmbädern und seiner Familie, die Borgias wirkten dagegen wie die Schröders. Er war ein Dämon mit seinem Giftgas und seinen Methoden. Seinen Opfern ließ er die Augen ausstechen. Oder die Nase abschneiden. Oder die Brüste. Oder die Lippen. Manchmal ließ er ihnen die Füße abhacken. Gelegentlich sorgte er dafür, dass man Nägel in ihre Körper schlug."
    Zusammen mit Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot war Saddam einer der Massenmörder des 20. Jahrhunderts. Bei allen Fehlern von G.W-Bush sollte man ihm dankbar sein, dass er diese Diktatur des Schreckens beseitigt hat!

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • doch40
    • 23. März 2013 9:33 Uhr

    Sie vergessen, dass die USA Husseins ein Produkt der amerikanischen Außenpolitik in der arabischen Region war. Man hatte ihn erst zu diesem Tyrannen gemacht, weil man ihn gerne gegen den Iran einsetzen wollte. Wäre dann nicht der "Erschaffer" eines Tyrannen genauso zu bestrafen?

    Offensichtlich sind Sie ja der Ansicht, die Anzahl der Toten ist ein gutes Kriterium fuer einen Krieg. Wenn man die Anzahl der Toten durch Gewalt seit Kriegsgewinn aufaddiert kommt je nach Schaetzung auf 100,000 -1 Mill Tote. Und beim besten Willen soviel Menschen sind in den 10 Jahren zuvor unter dem Diktator Hussein nicht gewaltsam zu Tode gekommen. Also selbst dieses Argument vermag nicht zu ueberzeugen.

    Lügen werden auch dadurch nicht wahr, dass man sie wiederholt!
    Auf welcher Seite Saddam stand können sie in einem Artikel des "Neuen Deutschland" von 1973 nachlesen:

    "Vertrag Irak-Sowjetunion hat sich vielfach bewährt

    Zum ersten Jahrestag des bedeutsamen Dokuments
    Von Herbert Mansch, Bagdad
    „Die Zusammenarbeit mit der befreundeten Sowjetunion spielt eine hervorragende Rolle in unserem Ringen um ökonomischen und sozialen Fortschritt, um unsere politische Unabhän...

    haben Sie ja recht,nur was der gemacht bzw. angeordnet hat geschieht doch auch heute noch in etlichen anderen Ländern hier auf unserer kleinen Erde tagtäglich. Die Frage bleibt doch ,warum wird so ein Tyrann erstmal von den USA und deren Vasallen aufgebaut und in einen Krieg gegen den Iran -getrieben- den der Westen wohlwollend begleitet hat,bis man zu der Einsicht kam ,der Iran lässt sich so nicht in die Knie zwingen. Später als Saddam in Kuweit einfiel,war er auch auf eine Täuschung der US-Regierung hereingefallen,die dadurch wiederum ihre (langersehnten ?)Stützpunkte in Saudi Arabien bekamen.Was nach dem 1.Irakkrieg kam war auch kein Glanzstück des Westens,anstatt Saddam und sein Regime zu entfernen wurden die Truppen unterGen,Schwarzkopf gestoppt.Man richtete eine Flugverbotzone im Norden und Süden ein,verhängte ein Embargo in deren Verlauf zig tausend Iraker starben.Man liess Saddam weiter gewähren sein Volk zu quälen und bestrafte es noch mit dem westl.Embargo. Später als die USA und UK dann eimarschierten,erlebte die irakische Bevölkerung dann keine Befreiung,sondern weiter Folterungen aller Art,diesmal nur unter den Augen der Befreier und auch mit deren Unterstützung.So machte es für die geschundenen und gefolterten Menschen kaum einen Unterschied ob sie von Saddams Schergen oder nun von den -neuen Machthabern- gequält und umgebracht wurden.Glauben Sie nun immer noch das der von Ihnen genannte Tyrannenmord -legetim-oder gar gerechtfertigt war ?

    • gooder
    • 23. März 2013 9:02 Uhr

    Vor zehn Jahren begann der Irakkrieg und er begann mit vielen Lügen!
    Mehr als eine halbe Millionen Iraker starben durch direkte Gewalteinwirkung,mehr als Zweihundertausend Iraker kamen durch Missstände wie Wassermangel, fehlende Elektrizität und Seuchen ums Leben.
    Die US-Invasion hat mehr irakische Opfer zur Folge, als unter dem Regime Saddam Husseins.

    13 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • doch40
    • 23. März 2013 9:37 Uhr

    ...man die Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit an der Anzahl der Opfer festmachen könnte. Fakt ist, die USA und GB haben einen Angriffskrieg geführt, der nach internationalem Recht verboten ist. Fakt ist, dass Hussein seine eigenen Landsleute abschlachten ließ.
    Weder das eine ist durch die Anzahl der Opfer zu rechtfertigen, noch das andere.

    ... Lügen der Irak-Krieg begann und heute noch im Geiste geführt wird.

    Als Lektüre kann ich da z.B. nur anbieten: "Saddams Geheimnisse: 25 Jahre unter einem Terrorregime. Als Christ im irakischen Generalstab" von Georges Hormiz Sada.

    Die nachfolgenden Fragen bleibt trotz aller gegensätzlicher Beteuerungen:

    Woher hat Syrien seine Chemischen Waffen, die ja gerade im Augenblick zum Einsatz gekommen sein sollten? Kamen die auf den vielen LKW, die im Winter 2002/2003 vom Irak nach Syrien fuhren?
    Warum werden die Berichte der deutschen Angehörigen der UNMOVIC immer noch GEHEIM gehalten?

    Woher stammt die Grundausstattung des iranischen Atom-Programms? Waren z.B. die Zentrifugen an Bord der "zivilen" Verkehrsmaschinen, die im Winter 2002/2003 so häufig von Bagdad nach Teheran flogen?

    • mugu1
    • 23. März 2013 11:40 Uhr

    Ja, Sie haben Recht, dass der Krieg nur durch aufgebaute Lügengeschichten zu rechtfertigen war.

    Dagegen dürfen Ihre Zahlenangaben getrost angezweifelt werden. Welcher Quelle liegen diese zugrunde? Etwa The Lancet oder der ORB (Opinion reseach Business)? Beide gelten als extrem unzuverlässig, um nicht zu sagen unseriös, da eine unabhängige Kontrolle der Zahlen nicht möglch ist, da entsprechende Anfragen abgelehnt wurden.

    Zudem ist es mir übrigens rätselhaft, wie die extrem ungenaue Angabe von "Mehr als 100.000" zustande kommt. Das umfasst quasi alles ab 100.001 bis zu mehreren Millionen. Und wo sind die getöteten irakischen Soldaten gelistet?

    Quellen, die ich als glaubhaft bezeichne, gehen von einer gesamten Todeszahl bis 2010/2011 von rd. 200.000 bis 300.000 Toten aus. Dazu gehört interessanterweise z.B. auch das US-Verteidigungsministerium. Nicht weil sie es selbst veröffentlich hätten. Sondern weil es in Wikileaks erschien.

  4. Wenn ein Präsident, dessen "Wahlsieg" (im Jahr 2000) darauf beruht,
    dass alle Grundsätze der Demokratie einfach ignoriert werden
    (z.B. das Auszählen der Stimmen bis der letzte Zweifel beseitigt ist)
    mit dem Hinweis das stehe so nicht (wortwörtlich) in der Verfassung,
    einem anderen Land die Demokratie bringen will, dann kann das nur in die Hose gehen !
    Egal ob nun friedlich oder mit Gewalt.

    4 Leserempfehlungen
  5. No-Cloud: Also ich habe kein Problem mit diesem Begriff. Ich musste ihn auch nicht googeln.

    Dafür gebe ich immer www.zeit.de auf der Google-Suchseite ein - als ob ich das suchen müsste. Bin ich jetzt ein spleeniger Intelektueller?

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Total. Lehrer?

  6. Total. Lehrer?

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Segregierte Nation"
  7. Erschreckend für mich ist wie sich die Führungselite manipuliert- oder selbst für die Interessen
    der Lobby Kriege inszeniert und sich dafür ein Rechtfertigungsgebäute zusammenzimmert.
    Menschenleben werden geopfert um Kasse zu machen.
    Ich glaube einfach nicht, dass man nach Beseitigung der Hussein-Herrschaft ein friedliches Ordnungssystem in den Irak haben wollte. Es wäre ein Leichtes für die USA gewesen besser die Milliarden in hiesige Arbeitsplätze und Infrastruktur (Trinkwasser, Abwasser, Wohnungen, Straßen) zu investieren. Will hier aber nicht spekulieren über die wahren Hintergründe warum sie es weitgehend unterlassen haben.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • xila
    • 23. März 2013 12:33 Uhr

    "Will hier aber nicht spekulieren über die wahren Hintergründe warum sie es weitgehend unterlassen haben."

    Ich will über die Gründe spekulieren, denn ich habe den Verdacht, diese Gründe sind Unfähigkeit und Dummheit. Nicht ausreichende Urteilsfähigkeit scheint mir in der Politik ja auch anderswo ein sehr weit verbreitetes Übel.

    Bush und Konsorten wäre es mit Sicherheit sehr viel lieber gewesen, wenn sie heute, zehn Jahre danach, als die Befreier des Iraks gefeiert würden. Das heutige Urteil über den Irak-Krieg entsprach ganz bestimmt nicht dem, was sie damals insgeheim erhofft haben - was auch immer sie sonst, wenn sie unter sich waren, für Hintergedanken erörtert haben, über die man daneben noch spekulieren könnte. Aber daß sie als Helden gefeiert werden wollten, die sich erfolgreich über die Bedenken der Hasenfüße hinwegsetzten, davon darf man wohl ausgehen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Irak | Bürgerkrieg | Folter | Sanktion | USA | Bagdad
Service