Krieg – das Wort schien zu gewöhnlich, zu klein für diese Bilder. "Shock and Awe", blendete CNN in der Nacht vom 19. auf den 20. März 2003 unter den Liveaufnahmen aus Bagdad ein. Ein grünlich fluoreszierender Himmel, pilzförmige Explosionswolken, der Donner einschlagender Bomben.

"Schrecken und Ehrfurcht" hieß die militärische Strategie der US-Invasion vor genau zehn Jahren. Mit massiven Bombardements sollte der Irak in eine Schockstarre versetzt werden, um dann mit amerikanischer Hilfe in Frieden und Freiheit wiederaufzuerstehen. Amerika als zerstörende und wiederaufbauende Kraft. Das war damals die Selbstwahrnehmung der Regierung von George W. Bush. Im Rückblick klingt diese Rhetorik wie aus einer längst vergangenen Epoche, wirkt der Irakkrieg wie eine strategische Entgleisung amerikanischer Außenpolitik – politisch längst korrigiert durch Obamas Truppenabzug Ende 2011 und medial verdrängt durch den Bürgerkrieg in Syrien.

Dabei hat die Operation "Iraqi Freedom" Zäsuren geschaffen, angefangen von der Debatte über Staatsaufbau bis zur Praxis der Folter. Sie betreffen den Irak und die USA der Bush-Ära wie der Obama-Ära. Folglich ist es mehr als eine Fußnote, wie man diese Invasion im Rückblick bewertet: als Krieg, dessen historischer Segen von Demokratie und Freiheit sich noch erweisen wird? Als humanitäre Katastrophe? Oder als ein Verbrechen?

Illegitimität und Illegalität der Invasion sind inzwischen hinreichend erörtert worden: Die irakischen Massenvernichtungswaffen, von der damaligen Regierung Bush zur Rechtfertigung des Angriffs herangezogen, wurden nie gefunden. Al-Kaida, Kriegsgrund Nummer zwei, tauchte erst nach dem Sturz Saddam Husseins im Irak auf. Kriegsgrund Nummer drei, die Befreiung der Iraker von einer brutalen Diktatur, reichte zur Legitimierung kaum aus, hatte Saddam doch seine schlimmsten Verbrechen begangen, als er noch die Unterstützung westlicher Nationen genoss.

Der Irak ist heute eine weitgehend segregierte Nation

Das fehlende völkerrechtliche Fundament hätte die irakische Bevölkerung kaum gestört, wären die folgende amerikanische Okkupation und die verschiedenen Phasen des Wiederaufbaus anders verlaufen. Nicht nur für Kriegsführung, auch für die Besetzung eines Landes gelten die Regeln der Genfer Konvention. Wer ein anderes Land übernimmt, trägt dort die Verantwortung für Recht und Ordnung und für die Grundversorgung seiner Bewohner. Seine Soldaten seien keine Polizisten und Sozialarbeiter, ließ der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld verlauten, als Plünderer in den Tagen nach der Befreiung Schulen, Museen, Armeedepots und Ministerien ausräumten.

Viele der einrückenden zivilen Besatzer sahen in der Zerstörung eine willkommene Form des "Staatsabbaus". Washington hatte nicht Experten für state building geschickt, sondern Anhänger der ökonomischen Schocktherapie. Nicht nur der Apparat von Saddams Baath-Partei, auch die gesamte staatliche Infrastruktur sollte zerschlagen und der Irak als freie Marktwirtschaft neu geschaffen werden. Shock and Awe, die zweite Runde, dieses Mal auf dem Feld der Ökonomie. Den Plan erörterten Regierungsvertreter in Washington und US-Experten in der Grünen Zone von Bagdad ganz offenherzig.

Die Folgen sind bekannt: Die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser und Strom verschlechterte sich dramatisch, die Abwasserentsorgung brach weitgehend zusammen, Müllberge wuchsen und wurden zum beliebten Versteck für Sprengsätze. Ein Gefühl von öffentlichem Chaos, ein gigantisches Sicherheitsvakuum, der angestaute Hass zwischen Schiiten und Sunniten und konfessionsübergreifende Wut auf die amerikanischen Truppen schufen den Boden für den irakischen Bürgerkrieg. 2007 attestierte die britische Zeitschrift Economist der Bush-Regierung im Irak eine Politik der "fast kriminellen Fahrlässigkeit". Das war ein deutlich zu mildes Urteil, wie Recherchen der BBC und des Guardian, veröffentlicht in der vergangenen Woche, erneut bestätigen. Beim Aufbau irakischer Sicherheitskräfte hatten sich die USA zunehmend auf Angehörige schiitischer Milizen verlassen, die zur Bekämpfung sunnitischer Aufständischer ein Netz von Verhörzentren errichteten. Dort wurde systematisch gefoltert – mit Wissen und offenbar auch im Beisein amerikanischer Armeeausbilder. Verantwortlich für den Aufbau von Polizei und Armee war damals General David Petraeus, der bis heute trotz seines unrühmlichen Abgangs wegen einer außerehelichen Affäre als politisch-militärische Lichtgestalt gilt. Petraeus verlangte damals immerhin, dass die Folteropfer nicht mehr im irakischen Fernsehen vorgeführt werden. Dass er ein Ende der Folter gefordert hätte, ist hingegen nicht bekannt. Solche "Fahrlässigkeit" verschärfte die sektiererische Gewalt, die der General bald darauf im Rahmen der amerikanischen Truppenaufstockung, surge genannt, wieder eindämmen sollte.