Die ersten hundert Seiten des Liebesromans untitled wecken ein Gefühl, als träfe man auf Familienfeiern einen entfernten Cousin, den man in den Jahren zwischen solchen Gelegenheiten jedes Mal vergisst. Sobald man den mit peinlicher Verwandtschaft bestückten Raum betritt, freut man sich aber, ihn zu sehen, weil einem schlagartig einfällt, dass es mit ihm immer lustig war. Zumal er amüsant unpassend wirkt und auch schon etwas betrunken. Gleichzeitig denkt man, liebe Güte, an dem geht die Zeit auch nicht spurlos vorüber. Raunend gesteht er, dass er unglücklich verliebt ist. Das kann heiter werden.

Die Popliteratur vermisst man ja eigentlich zwischendrin auch nicht besonders. Man hört schon seit Längerem nicht mehr viel von ihr. Für die interessanteren Schriftsteller, die zur Jahrtausendwende unter diesem Begriff verhandelt wurden, schien er von Anfang an unangenehm eng. Ein paar Protagonisten, die ihre Veröffentlichungen hauptsächlich seiner Konjunktur zu verdanken hatten, sind zu Recht vergessen.

Im Zusammenhang mit Joachim Bessings zweitem Roman muss man wieder an Popliteratur denken. Sein Thema ist ein Klassiker: große Liebe, unerfüllt. Die Angebetete ist verheiratet und bleibt es. Es gibt aber diskrete Kanäle, über die sich ein neuartiger erotischer Austausch etablieren lässt: SMS, Skype und Instagram. »Dem iPhone verdankten wir viel.« Markennamen waren in Popromanen immer wichtig.

Die Geschichte hört sich vertraut an, denn wir warten ja alle, die wir in U-Bahnen, Cafés und auf Parkbänken ununterbrochen unsere Geräte fixieren, im Grunde immer auf die ideale Nachricht, die lauten würde: Du! Nur Du allein! Also hätte so ein Plot wirklich das Zeug, sich in einem brandheißen populären Phantasma breitzumachen.

Nur nimmt Bessing dem Thema die Schärfe. Die darin bestünde, dass die neuen Immanenz-Maschinchen ihr Versprechen ja doch nicht halten, man könne durch sie endlich die Pein lindern, dass man nie erfahren wird, was am anderen Ende der Leitung vor sich geht. Ob man für die Nachrichten und die Liebe, die man versendet hat, je genug zurückbekommt. Bessings Erzähler glaubt aber wirklich an eine geradezu telepathische Verbindung zur Geliebten. Damit entschwebt seine Liebesgeschichte in die Höhen einer zu Geistesverwandtschaft sublimierten Erfüllung. Wobei so etwas ja womöglich immer sehr viel mit Kitsch und Narzissmus zu tun hat. Über die Ansichten der geliebten Julia ist jedenfalls auffallend wenig Verlässliches herauszukriegen.

Nun können ja Kitsch und Narzissmus zum Leidwesen vieler mitunter ganz sexy sein. Und man möchte dem Roman sowieso gerne einen Sympathievorsprung geben, der Wiedersehensfreude wegen. Weil man all die in germanistischen Arbeiten ausgebreiteten Merkmale des Genres Pop hier noch einmal findet: die blasierte Aufzählung ikonischer Elemente aus Mode und Popmusik. Das Gemisch aus Wirklichem und Fiktionalisiertem, das durch die demonstrative Ähnlichkeit der Hauptfigur zum Autor begünstigt wird. Der Erzähler von untitled ist Moderedakteur des »größten Zeitungshauses Europas«. Das verschafft Raum, die Handlung in den schicksten Hotels der Welt spielen zu lassen, mit real existierendem Personal eines angenehm idiotischen Milieus. Irgendwer hat Typen wie den mal Dandy-Punks getauft.

Bessing selbst hat 1999 den Gesprächsband Tristesse Royale herausgegeben, zu dem er sich mit Christian Kracht und drei weiteren jungen Männern in Berlin im Adlon traf, um mit Stil-Fetischen ein Fin-de-Siècle-Gefühl für die Jahrtausendwende zu beschwören. Es gab Leute, die sich von ihrem Snobismus provoziert fühlten. Später verantwortete er eine Zeit lang das Stilressort in Springers Welt am Sonntag, bis er entlassen wurde. untitled profitiert bestimmt davon, dass über die Gründe nichts Genaues öffentlich wurde, die fiktive Handlung aber eine höchst glamouröse Version der Geschichte enthält.

Allmählich ruiniert sich der verliebte Mann nämlich völlig. Als mit dem Job auch die aufregende Kulisse perdu ist, versumpft die Erzählung in Schilderungen innerer Zustände und peinsamer Liebesrituale. Das redundante verknallte Genöle bewirkt, dass es dem Roman an der vorzüglichsten Eigenschaft des Pop gebricht: jener zwischen heiligem Ernst und Ironie changierenden Haltung, die Kritiker in den Irrsinn treiben kann und höchster formaler Disziplin bedarf. Bessing labert einen höchstens schwindlig. Man könnte argumentieren, dass der Roman in seiner zweiten Hälfte dermaßen aus dem Leim geht, passe zum Liebeswahn des Helden. Vor dieser Art Authentizität hätte sich das Pop-Genre früher milde geekelt, und so hinterlässt es hier einen bedauernswert müden, schlecht gealterten Eindruck.