Roman "Ueberdog"Absturz ist Glamour

Jörg-Uwe Albigs Roman »Ueberdog« stellt die Welt auf den Kopf, ohne sie zu ändern. von 

Dass die Sphären des Glanzes unsere Gegenwart beherrschen, kann man bewundernswert oder bedauerlich finden. Es gibt die Aufteilung in Menschen, die ES haben, und in die, die ES nicht haben. Diese Vorstellung von der Strahlkraft mancher Menschen durchdringt auch Jörg-Uwe Albigs Icherzählerin Stella. Ihr Leben folgt einer verabsolutierten himmlischen Ordnung: In Hamburgs Prominenz erkennt sie die Inkarnation der Engel, die Mittler zwischen dem Göttlichen und dem Profanen. Stella ist Fotografin, die sich für das »laue Leben« nicht interessiert, nicht für den »mittleren pH-Wert der Ereignisse« – der lasse allenfalls die Haut intakt.

Der Roman ist bei Klett-Cotta/Tropen erschienen.

Der Roman ist bei Klett-Cotta/Tropen erschienen.  |  © Klett-Cotta

Durch Stella erzählt Albig eine recht brachial instrumentierte Geschichte vom Schwebezustand zwischen Transzendenz und Absturz. Er setzt ihre Faszination zum Künstler Schmiddel ins Zentrum, einem, das stellt sich rasch heraus, Obdachlosen, der Stella fortreißt: unter die Brücken der Stadt, in eine Gruppe von Freaks. Ein Kosmos, der auf die Erzählerin eine sonderbare Gravitationskraft ausübt. Der ehemalige stern- Reporter Albig (Jahrgang 1960) ist ein gewitzter Konstrukteur von Welten, die verkehrt herum zu stehen scheinen. In Ueberdog verlagert er den Glamour ins zugige Untergeschoss der Gesellschaft. Dort herrschen die gleichen Premiumgefühle, die gleiche Mechanik von Zugehörigkeit, Exklusivität und Hierarchie. Es gibt die gleichen Zustände rauschhafter Entgrenzung, die als Freiheit weniger Privilegierter verstanden wird. Und Stella glaubt in ihrem neuen Milieu jene heilige Strahlung zu spüren. »Dann würde die Photosynthese einsetzen«, sagt sie, »und ich würde das Licht in Kohlenhydrate umwandeln, in Süßigkeit, in Leben.« Nicht mehr die vornehme Flasche Sancerre, sondern Gabba (Gatorade-Bacardi) ist fürderhin der Treibstoff, mit dem Stella besinnungslos die Augenblicke feiert. Als blinde Passagierin auf Kreuzfahrten. Als Hausbesetzerin im Gerippe der Elbphilharmonie. Stella hat da längst alle Schutzschichten abgelegt, ihr bürgerliches Ich hat sich kompostiert. Der Designermantel zerlumpt, die Vintage-Sneaker löchrig, ihren Namen ändert sie: Aus ihr wird Uschi, die zu kotzen lernt, ohne sich dafür zu schämen.

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Ueberdog erzählt auch die Geschichte einer blinden Verwechslung von Wesen und Erscheinung. Als Metapher fungiert die Fotografie. Die Kamera ist das Medium, das den Blick der Erzählerin leitet und in dem das fatale Missverständnis liegt: die Oberflächen für die Wirklichkeit zu halten. Glamour ist eine Erfindung, ein Zerrbild. Das ist die banale Pointe, um die Albig seinen Roman konstruiert hat, der etwas zu verliebt ist in seine Idee von der Austauschbarkeit der Sphären. Der davon aber angenehm frei von Moralismus und kühl erzählt. Wobei immer wieder jener Sprachwitz aufblitzt, von dem Albigs Bücher stets zehren. Auch scheint die parodistische Absicht auf, mit der Albig die zahllosen Prominenten mit immer beliebiger werdenden Namen und ins Komische gewendeten Accessoires (eine Figur trägt »Aline Badious Parfum ›Theorie‹«) im Buch auftauchen lässt. An dessen Ende diejenige, die sich vom Schein solcher Trugbilder blenden lässt, auf Mitgefühl kaum hoffen darf.

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Leserkommentare
  1. Literaturrezension. Deutschfachmann. Spracharbeiter. Schreibstu: "Er setzt ihre Faszination zum Künstler Schmiddel ins Zentrum" - Kannstu noch die Dings mit dem Präposition, elegant und korrekt so? oder nächstens auch mit ohne die - Kasusse?

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